Heute ist der Welttag des Buches. Dieser „Feiertag“ geht zurück auf eine alte katalanische Tradition, wonach sich die Menschen am Namenstag des heiligen Sankt Georg Rosen schenkten. Auf Initiative der Büchergilde von Barcelona werden seit den 20er-Jahren auch Bücher verschenkt. Doch wir wollen uns nicht mit der Vergangeheit beschäftigen, sondern mit der Gegenwart. Heute stellen wir euch Ekel- und Hassbücher vor, morgen wunderschöne, wunderschönste Geschichten.

Feuchtgebiete von Charlotte Roche, Kritik von Zanet Zabarac

Die 18-jährige Helen landet nach einer gescheiterten Intimrasur mit einer Analfissur im Krankenhaus, wo sie alle Zeit der Welt hat, um sich intensiv mit ihren Körperflüssigkeiten und –öffnungen zu beschäftigen. So erfährt der Leser im Verlaufe des Buches, dass Avocadokerne sammlen, um sich damit sexuell zu belustigen, das Reiben der eigenen Vagina an Armlehnen in Zügen und viele andere ekelhafte Aktivitäten zu Helens Hobbys zählen. Nur wer Profi im Unterdrücken des ständig aufkommenden Brechreizes ist, sollte sich an diese Lektüre wagen. Gegen Ende des Buches versucht Charlotte Roche noch ein bisschen tiefgründiger zu werden und animiert den Leser offensichtlich dazu, zwischen den Zeilen zu lesen. Doch auch dieser Versuch scheitert kläglich: Zu offensichtlich ist Roches krampfhafter Versuch zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erregen. Scheidungskind hin oder her – alles in allem ist dieses Buch oberflächlich, effekthaschend und wenig unterhaltsam. Aber: Eine gelungene Ekelprosa.

Die Leiden des jungen Werthers von Wolfang von Goethe, Kritik von Melanie Frick

«Die Leiden des jungen Werther» ist eines der erfolgreichsten Werke von Goethe und eines der nervtötendsten überhaupt. Der Protagonist Werther verliebt sich in Lotte, die aber leider schon versprochen ist. Am Anfang scheint die heile Welt perfekt zu sein, doch als Albert, Lottes Verlobter, von seiner Geschäftsreise zurückkehrt, hat Werther Lotte nicht mehr für sich allein. Fortan leben sie in einer Dreierbeziehung, was für alle Beteiligten und die Leser eine Qual ist. Deshalb bittet Lotte Werther, einige Tage fortzugehen. Werther, der von einer unheimlichen Sehnsucht nach Lotte geplagt wird, hält es nicht mehr aus und besucht Lotte schon früher wieder. Völlig ausgehungert fällt er über sie her, sie jedoch ist davon gar nicht angetan und weist ihn zurück. Gekränkt von sich selbst und vom Rest der Welt, beschliesst Werther sich das Leben zu nehmen.

Obwohl das Werk als eines der Schlüsselwerke in der Literaturgeschichte gilt, ist es unsagbar mühsam, den in Briefform geschriebenen Roman in einem Zug zu lesen. Die ganze Lektüre ist von Selbstmitleid getränkt, das irgendwann nicht nur Werther, sondern auch dem Leser zu viel wird.

Lolita von Vladimir Nabokov, Kritik von Simone Steiner

Lo-li-ta, ein Buch sinngebend für ein Bild, das Bild eines aufreizenden Mädchens, eines Püppchens. Es ist erschreckend, wie man sich zu Beginn des Buches  in Humbert Humbert hineinversetzen kann. Nicht nur deswegen, weil er eine manipulative Persönlichkeit hat und sich gegenüber seiner Umwelt herablassend verhält. Nein, es ist erstaunlich, wie gut man seine Neigungen nachvollziehen kann. Humbert ist pädophil. Sein Leben besteht aus der Suche nach Nymphchen und wie er ihnen nahe sein kann, ohne ihnen nah zu sein. Durch eine glückliche Fügung, die zuerst gar nicht als solche erscheint, mietet er sich bei Charlotte Haze, einer Witwe, ein Zimmer. Charlotte bietet ihm aber nicht nur eine Wohngelegenheit, sondern auch ein Nymphchen auf dem Silbertablett, ihre zwölfjährige Tochter Dolores, von ihm nur liebevoll Lolita genannt. Nach Charlottes Tod macht sich Humbert auf, mit Lolita eine zweijährige Odysse durch die USA zu unternehmen. Obwohl er sie vordergründig als seine Tochter ausgibt, treibt er sie in eine sexuelle Beziehung mit ihm, die im Verlauf der Geschichte immer gewaltsamer wird.

Dieses Buch ist nicht ekelerregend oder hassenswert, weil es von einem Pädophilen handelt. Im Gegenteil, man fühlt mit Humbert, man versteht ihn gar (wenn auch mit Widerwillen). Doch der Schluss der Geschichte ist derart enttäuschend, dass man sich wünscht in der Mitte aufgehört zu haben. Einerseits, weil Humberts Ergüsse irgendwann zur Qual werden und andererseits, weil da mehr hätte sein müssen, mehr für Lolita, mehr für ihn.

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