prisma besuchte die Dozierendentagung zur Zukunft der Lehre im Kongresshotel Einstein und war positiv überrascht wie intensiv und durchaus (selbst)kritisch die Diskussionen geführt wurden.

Welcher Student kennt das nicht? Während dem Semester ist man geistig höchstens zur Hälfte anwesend, dafür wird dann in den ein, zwei Wochen vor den Prüfungen gelernt was das Zeug hält. Das eigentliche Verständnis der Materie ist dabei eher zweitrangig, im Vordergrund steht das Bestehen der Examen. Ist dies geschafft, geht das unter Zeitdruck eingeprägte Wissen dann schon an der nächsten „Memory Clear“ Party wieder flöten. Diese weitverbreitete Art zu lernen bezeichnete Dieter Euler vom Rektorat für Qualitätsentwicklung in seiner Eröffnungsrede zur Tagung als „Surface-Learning“ oder auch leicht pejorativ als „Bulimie-Lernen“.

Eine schlechte Win-Win-Situation

Die Dozierenden schoben den schwarzen Peterli jedoch nicht einfach den Studierenden zu. Die derzeitige Studienstruktur fördert Erledigungsdenken, sowohl bei den Studenten als auch bei den Professoren. Will ein Dozent beispielsweise offene Fragen, welche ein vertieftes Verständnis des Stoffs verlangen, in eine Prüfung einbauen, macht er sich für die Korrektur einen enormen Mehraufwand. Gleichzeitig rebellieren die Studierenden, weil sie die Lösung für die Frage nicht auf einer Karteikarte ablesen konnten. Daraus ergibt sich dann ein suboptimales Equilibrium, in welchem vor allem auswendig gelernte Konzepte abgefragt werden.

Dabei herrscht eigentlich ein breiter Konsensus, dass stures Auswendiglernen in einer Welt in der alles Wissen nur einen Klick entfernt ist keine Validität mehr hat. Rektor Thomas Bieger betonte, dass die Welt zunehmend inkonsistent wird und die Universität die Studenten auf noch nicht vorsehbare Veränderungen vorbereiten muss. Anstatt Modelle zu memorisieren, die schon in fünf oder zehn Jahren vollkommen überholt sein könnten, braucht es ein funktionales Verständnis der Grundlagen, Kollaboration und vor allem Kreativität, welche die vielleicht wichtigste Ressource des 21. Jahrhunderts ist. Wie prophezeite schon Isaac Asimov: „The lucky few who can be involved in creative work of any sort will be the true elite of mankind, for they alone will do more than serve a machine.“

Von „Surface-Learning“ zu „Deep Learning“

Vor allem die klassischen Vorlesungen standen arg unter Beschuss. Im Mittelalter, als Bücher noch ein Luxusgut waren, habe es tatsächlich Sinn ergeben, dass ein Professor den Studenten vorliest. In der heutigen Zeit seien Vorlesungen, deren Inhalte 1:1 dem Textbuch entsprechen, reinste Ressourcenverschwendung, erklärte ein Professor in der Kaffeepause. Auch für Thomas Bieger ist klar, dass das Endziel „Flipping“ sein muss. Das bedeutet, dass die Grundlagen per Buch/Podcast von zu Hause aus erarbeitet werden, während die Lehrveranstaltungen integrativ und interaktiv gestaltet werden, z.B. in Form von Arenadebatten, Gerichtsverhandlungen oder Wirtschaftssimulationen.

Der Inhalt und die Struktur der Lehre müssen also neu aufgebaut und verpackt werden, darüber sind sich (fast) alle einig. Wenn es jedoch um konkrete Vorschläge geht, scheiden sich die Geister oftmals: Weniger Kurse, weniger Prüfungen, kleinere Unterrichtsgruppen, mehr Kontext, „Achievements“, studentisches Mitspracherecht beim Kursangebot, Fachschaften, Enterpreneurial Year mit Nord-Süd Austausch oder ein Innovative Teaching Award, um nur einige der genannten Lösungsansätze zu nennen.

Alles in allem war die Tagung ein gelungenes und anregendes Brainstorming. Welche der vielen Ideen am Ende umgesetzt werden, werden die nächsten Jahre zeigen. So oder so, ein bisschen beneide ich die Studenten der Zukunft schon heute.