Clare Woodcraft-Scott ist CEO der Emirates Foundation; einer Stiftung der Vereinigten Arabischen Emirate, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jungen Bürgern des Landes beim Einstieg in den Arbeitsmarkt zu helfen. prisma traf die Britin im Rahmen des 44. St. Gallen Symposiums exklusiv zum Interview und sprach mit ihr über ihre Arbeit, die Rolle der Frau in der arabischen Welt und warum der Westen oft ein zu eindimensionales Bild von der arabischen Welt hat.

Ms. Woodcraft-Scott, welches sind ihre Tätigkeitsfelder als CEO der Emirates Foundation?

Als Verantwortliche der Emirates Foundation betreue ich eine Organisation, die im Bereich der Jugendentwicklung tätig ist. Dies bedeutet vornehmlich, dass wir junge Menschen versuchen zu inspirieren, zu begleiten und zu unterstützen, damit sie integrierte und produktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir fokussieren uns dabei auf eine Vermittlungsrolle und sehen uns nicht als Substitut des formalen Bildungssystems der Emirate.

Was haben Sie denn konkret für Initiativen? Und sind diese lediglich für Bürger der Emirate zugänglich?

Ja, unsere Programme sind momentan lediglich für die Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate gedacht. Wir arbeiten jedoch auf globaler Ebene mit verschiedenen Entwicklungsnetzwerken zusammen, so sind wir beispielsweise auch Mitglied der OECD Foundation. Uns ist es besonders wichtig von anderen Jugendprogrammen lernen zu können, aber auch unser eigenes Wissen geben wir offen weiter. Aktuell haben wir lediglich sechs Initiativen, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Inhaltlich reichen diese Initiativen von Förderung der Freiwilligen-Arbeit bis hin zu Vorbereitungskursen für den Einstieg in die Privatwirtschaft. Ein Programm hilft aber auch jungen Frauen, die aus dem Bildungssystem gefallen sind, einen Job als Assistenten für Lehrer zu kriegen.

Das klingt nach ehrbaren Vorhaben, doch sind diese Initiativen nicht eher ein Tropfen auf den heissen Stein? Vor allem Frauen haben es in den Emiraten bekanntlich schwer, gute Jobs zu erhalten.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten befinden sich mehr Frauen als Männer im staatlichen Bildungssystem. Das Frauen im Mittleren Osten nicht genug Möglichkeiten erhalten, sehe ich als Mythos. Frauen besitzen in den Emiraten nicht nur hervorragenden Zugang zu Bildung, sie erhalten auch Kaderpositionen in der Wirtschaft und gründen ihre eigenen Unternehmen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es gar ein Gesetz, das Frauen in allen Geschäftsleitungen verlangt. Abgesehen von Norwegen gibt es solch eine Vorschrift praktisch in keinem anderen Land.

Frauen haben im Mittleren Osten demnach keine Probleme, Zugang zum Arbeitsmarkt zu erhalten?

Klar gibt es Probleme mit dem Zugang von Frauen zu hohen Stellen. Diese sind jedoch nicht spezifisch nur im Mittleren Osten zu verorten, sondern treten auf globaler Ebene auf. Natürlich, bezüglich dem privaten Haushalt und der Möglichkeit für Frauen das Haus zu verlassen und einer Arbeit nachzugehen, bestehen im Mittleren Osten, relativ gesehen, grössere Herausforderungen. Blickt man jedoch auf Frauen, die bereits im Arbeitsmarkt sind, stehen die Emirate bezüglich Gleichberechtigung sogar besser da als viele westliche Länder. In meinem Heimatland, dem Vereinigten Königreich, beispielsweise, nimmt die Anzahl Frauen in Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft kontinuierlich ab, was ich im 21. Jahrhundert schockierend finde. Der Westen sollte als erstes die eigenen Probleme beheben, bevor er andere Staaten verurteilt.

Glauben Sie es ist hilfreich für das Image eines patriarchalisch geprägten Staates, wenn er eine Frau in der Spitzenposition seiner Foundation hat?

Natürlich ist es hinsichtlich der Reputation einer Foundation hilfreich eine Frau als CEO zu haben. Doch das ist nicht nur in den Vereinigten Arabischen Emiraten der Fall. Sowohl in Europa als auch im Rest der Welt werden Frauen in Form von Quoten instrumentalisiert um das Image von Unternehmen aufzubessern und modern zu wirken, anstatt dass sie aufgrund ihrer Qualifikationen angestellt werden. Ich glaube das ist eine globale Herausforderung die wir haben. Man darf die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr ausschliessen, sondern endlich weltweit gleiche Rechte schaffen für beide Geschlechter. Das ist übrigens auch alles was Feminismus verlangt und es ist verrückt, dass wir noch immer darüber diskutieren. Wenn man jedoch behauptet, diese Probleme existierten nur im Mittleren und Nahen Osten macht man es sich zu leicht. Es entspricht schlichtweg nicht der Realität, wenn man die Emirate als strikt patriarchalisch bezeichnet. Auch hier gibt es viele Frauenbewegungen und progressive Kräfte. Natürlich ist die Quote in Geschäftsleitungen nicht 50:50, aber das ist sie auch in Schweden oder Norwegen nicht.

Haben sie manchmal Probleme mit der arabischen Mentalität? Die Werte in diesen Gesellschaften unterscheiden sich ja manchmal deutlich von den Westlichen.

Ich werde die arabische Welt immer verteidigen. Ich spreche Arabisch, was leider nur wenige aus dem Westen tun, ich arbeite in einem arabischen Land und mein soziales Umfeld ist zu grossen Teilen arabisch. Ich fühle mich der arabischen Gemeinschaft also sehr stark verbunden. Diese Gesellschaften sind unseren sehr ähnlich. Die grosse Mehrheit der jungen Menschen will in Zukunft in einem progressiven, säkularen und liberalen Staat leben. Bedauerlicherweise sehen viele Menschen im Westen die arabische Welt als homogene Masse, die religiös und fundamentalistisch ist. Ich verspüre beinahe eine moralische Verpflichtung diese Mythen zu bekämpfen. In der arabischen Welt leben mehr als 350 Millionen Menschen in 22 verschiedenen Ländern mit unterschiedlicher Tradition, Religion und Herkunft. Es handelt sich also um eine extrem vielfältige Gruppe, die seit 20 Jahren in denselben Topf geworfen wird, besonders seit 9/11. Neben der Vielfältigkeit der Araber sind sie uns zudem in vielen Belangen sehr ähnlich. Auch sie sind Menschen, die eine Job, eine Familie, Sicherheit und die Zugehörigkeit zu ihrer Gesellschaft wollen.

Wir haben bereits über die Jugend und deren Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt gesprochen. Im Angesicht des Themas dieses Symposiums „clash of generations“, was bringt ein solcher Event überhaupt?

Von dem, was ich bis jetzt vom Symposium erlebt habe, erscheint es mir ziemlich einzigartig. Neben der Tatsache, dass die Organisation komplett in studentischer Hand liegt, haben hier 200 junge Menschen die Möglichkeit wichtige Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zu treffen und ihnen kritische Fragen zu stellen. Auch ich will hier herausgefordert werden und mich von Studenten konfrontieren lassen. Der Nutzen des Events besteht für mich also hauptsächlich im Dialog von verschiedenen Generationen.