Ich bin mittlerweile seit vier nebligen Herbsten in St.Gallen und rege mich in regelmässigen Abständen gleich stark über die Prüfungseinsichten auf. Und jedes Semester motze ich rum, bis der Ärger dann doch ziemlich schnell wieder vergeht, und irgendwann vergeht er immer, es sind ja nur Noten. Und ich tue nichts.

Aber ähnlich nobel wie Emma Watson in ihrer Rede frage ich mich nun: “If not me, who? If not now, when?”

Also, here it goes: Mitte Juni habe ich Mikro III geschrieben. Welch emotionaler Moment! Die meisten VWLer in der Leserschaft werden es nachempfinden können, diese vielen Modelle und ewig langen Übungsblätter und WTF?-Lösungswege und WTF?!!-Prüfung, endlich fertig.

Aber trotz intrinsischer Motivation, Lernen fürs Leben und anderer studentischer Tugenden war das für mich nicht das Ende der Geschichte. Was fehlte? Die Note, natürlich. Die elende Note. Die erschien dann am 7. August (+48 Tage nach der Prüfung) in der Notenvoranzeige.

Nun also mein erster Einwand: Muss das sein? Wieso sollen Studenten ewig auf Noten warten, die schon lange feststehen? Klar, vielleicht bin ich als VWL-Student ignorant, schliesslich sind ein paar Grenzraten schneller korrigiert als ein Aufsatz über die Rechtsgeschichte. Und Nachholprüfungen finden ja erst später statt. No big deal, meine ich eigentlich, denn ich sehe wahrlich nicht ein, weshalb alle Noten gleichzeitig erscheinen müssen.

Gestern also 23. September, Prüfungseinsicht für Mikro III (+96 Tage nach der Prüfung): Ich sitze um 11:15 Uhr glücklicherweise als erster beim Professor alleine im Büro, die anderen 15 Studierenden warten draussen; “einer aufs Mal” heisst es hier. Jetzt soll ich mir konzentriert die Prüfung anschauen, meine Antworten mit der Musterlösung vergleichen – zu einem Stoff, den ich seit über drei Monaten nicht mehr vertieft behandelt habe – während der Prof mir alle zwei Minuten über die Schulter schaut, und ich mir ständig bewusst bin, dass ein Mob voller ungeduldiger Kommilitonen vor der Tür auf mich wartet. Toll.

Wie gesagt, ich bin kein Jurist, aber die gegenwärtige Regelung erscheint mir unsinnig und ungerecht. Denn das Einzige, was ich heute Morgen sinnvollerweise tun konnte, war, meine Punkte zusammenzuzählen. Diese Chance ist gewiss nicht zu unterschätzen. Ich habe schon von genug Freunden gehört, bei denen falsch zusammengezählt wurde oder gar ganze Aufgaben vergessen gingen. Und in meiner Mikro-Prüfung fand ich tatsächlich noch einen einsamen Punkt (eine bessere Note gabs leider nicht).

Aber viel wichtiger erscheint mir – vor allem an einer Universität – die Möglichkeit, inhaltlich zu argumentieren. Fragen können missverständlich formuliert sein, und es gibt – spätestens seit der Mittelschule – nur selten eine einzige korrekte Antwort. Eine Prüfungseinsicht wäre nach diesem Verständnis nicht bloss dazu da, Studierende Punkte zusammenzählen und auf Flüchtigkeitsfehler der korrigierenden Person hoffen zu lassen. Stattdessen könnten sie ihre vermeintlich falschen Antworten vertreten und dem Professor einen zur Musterlösung alternativen ebenbürtigen oder gar besseren Argumentationsweg aufzeigen. Oder eben (und dieser Punkt ist genau so wichtig) verstehen, wo sie falsch lagen.

Eine Prüfungseinsicht in diesem zweiten Sinne bleibt mir im jetzigen System verwehrt. Nach mehr als einem Vierteljahr seit dem Kurs und der anschliessenden Prüfung hat der normale Student keine realistische Chance, sich innert weniger Minuten unter Zeitdruck auf einen Diskurs mit einer Autoritätsperson vorzubereiten, die ihr berufliches Leben dem Thema gewidmet hat.

Meine Vermutung ist, dass ein solcher Diskurs auch im Sinne vieler Dozierenden wäre (oder dass sie sich an einem solchen wenigstens nicht stören würden) und dass die gegenwärtige Prüfungseinsicht bloss eine weitere unverständliche administrative Regelung ist.

Den einzigen Grund, den ich erkennen kann, die Noten dermassen spät zu veröffentlichen, die Prüfungseinsichten noch später und zeitlich unflexibel festzulegen, und sie dann noch möglichst mühsam und umständlich zu organisieren, ist, die Rekurswahrscheinlichkeit zu reduzieren. Und dies, meine lieben Prüfungseinsichts-Regulatoren, ist ein Grund, der einer wissenschaftlichen Institution wie der HSG unwürdig ist.

“Who Cares” schreien mir manche Freunde ins Ohr, da draussen gibts Politik und Kriege und Krankheiten, und ich naiver Student rege mich auf über – wait for it – Prüfungseinsichten? GET A LIFE. Und Recht haben sie natürlich schon, denn mein Problem ist im Vergleich so unbedeutend und so klein. Aber kleine Probleme haben eben oft auch einfache Lösungen.

Und ich weiss, dass vielen Studierenden die Prüfungseinsicht und der Diskurs am Arsch vorbeigehen, aber wenn ich in Mikro III eine Sache gelernt habe, dann Folgendes: Wenn es eine Möglichkeit gibt, selbst ein paar Wenige besserzustellen, ohne jemand anderen schlechter zu stellen, dann soll man sie wahrnehmen. Alles andere ist ineffizient.