Bei Case competitions treten Universitäten der ganzen Welt an, um sich beim lösen von Cases miteinander zu messen. Die HSG in Kooperation mit dem Consulting Club schickt ihre Studenten. Ein Erfahrungsbericht.


Der erste Teil dieses Artikels beschreibt die Hintergründe von Case Competitions – wer sich ausschließlich für den Erfahrungsbericht interessiert, scrollt direkt zum entsprechenden Kapitel

Was sind case competitions?

Bei Case Competitions senden top Business Schools aus aller Welt ihre Studenten um sich zu messen. Am ehesten lässt sich eine Case Competition mit Consulting vergleichen. Die Studenten bekommen einen Case vorgelegt und müssen innerhalb eines Zeitlimits ein Businesskonzept entwickeln. Ein gutes Konzept besticht durch finanzielle Solidität, Kreativität, ein Verständnis für die Branche und das Unternehmen und eine gelungene Balance aus kurzfristiger Sicherheit und langfristiger Ambition. Richtig gemacht, entwickelt es so eine gewisse Harmonie und Eleganz, vergleichbar mit einem Gemälde oder Lyrik.

Die Spannung und Herausforderung zugleich liegt in der Vielfältigkeit solcher Cases. Diese können sämtliche Industrien umspannen und sich um globale Konzerne, lokale Unternehmen oder öffentlichen Organisationen drehen.


Was muss man für Case Competitions können ?

Generell gilt: Beim Lösen von Cases ist wahrscheinlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Übung und Erfahrung sind hier elementar. Wahr ist aber auch, dass solche Competitions nicht für jeden etwas sind. Um wirklich gut darin zu werden, bedarf es ein paar grundlegender Eigenschaften.

Die vielleicht wichtigste ist Geschwindigkeit. Bei Case Competitions hat man zumeist bestenfalls 24 Stunden Zeit, oftmals nur 3 Stunden. Wer hier zu lange hadert, verliert. Dies beginnt bereits im Theoretischen beim Durchlesen und endet beim handwerklichen Erstellen der PowerPoint-Slides.

Nicht minder wichtig ist Teamfähigkeit. Jedes Team ist nur so stark, wie sein schwächstes Glied. Vertrauen in das eigene Team und Verständnis für die Arbeitsweise der einzelnen Personen ist unverzichtbar, denn der Workload kann nur absolviert werden, wenn die Last auf alle Schultern verteilt wird. Und seid gewarnt: Reibungen, Streitereien und sonstiges Geplänkel sind nicht zu vermeiden. Im Gegenteil: Es ist absolut wichtig, dass einzelne Ideen und Aspekte schonungslos und ohne Rücksicht auf Verluste ausdiskutiert werden. Um aus solchen mitunter hitzigen Phasen gestärkt herauszukommen, dürfen etwaige Differenzen auf keinen Fall persönlich genommen werden.

Natürlich muss man sich zudem in der Rolle des Präsentierenden wohlfühlen, da das Konzept letztendlich vor einer Jury zu verteidigt werden muss. Zumeist handelt es sich hier um professionelle Consultants oder Experten aus der jeweiligen Branche, die beharrlich nach Fehlern in dem Konzept suchen. Eine einzige schlechte oder undurchdachte Antwort reicht aus, um das ganze Konzept infrage zu stellen.

Wie sieht die Vorbereitung aus?

Die Teilnahme an Case Competitions wird vom Consulting Club der HSG organisiert. Um sich zu qualifizieren, muss das Case Class Programm absolviert werden. Die Case Class findet jeweils in den Herbstsemestern statt und ist ein einsemestriges Ausbildungsprogramm, welches die Studenten mit den Grundlagen für das Lösen von Cases vertraut macht. Im Rahmen mehrerer Workshops mit Professoren und Consulting Firmen wie BCG oder Roland Berger bekommt man hier ein erstklassiges Rüstzeug vermittelt.

Alle zwei Wochen gilt es einen neuen Case zu lösen, in der Jury sitzen in der Regel professionelle Consultants. Der Aufwand der Case Class ist hoch, der Lerneffekt dafür umso höher. Kurzum: Man bekommt nichts geschenkt, wird aber reichlich belohnt. Jeder, der das Case Class Programm absolviert, qualifiziert sich für die Teilnahme an internationalen Competitions.

Erfahrungsbericht RSM STAR Case Competition Rotterdam

Tag 1: Der Beginn

Bevor es losgeht, besichtigen wir noch ein wenig die Innenstadt – samt ihrer kuriosen Architektur

Der erste Tag einer Case Competition gehört häufig mit zu den aufregendsten. Nach einer kleinen Tour durch das schöne Rotterdam warten wir in der Lobby auf den offiziellen Beginn und mustern bereits ein wenig die »Konkurrenz«. Der Kontakt zu anderen Studenten an Case Competitions ist ein absolutes Highlight solcher Wettbewerbe. Als erstes kommt die Erkenntnis, dass es überall auf der Welt kluge Köpfe gibt. Dabei hat jede Universität durch ihre sich unterscheidenden Lehrkonzepte und gesellschaftlichen Sozialisationen ganz individuelle Stärken und Schwächen vorzuweisen. So liegt die Stärke der amerikanischen Teams in ihren Präsentations- und Begeisterungsfähigkeiten, während die europäischen Universitäten häufig mit ihren analytischen Fähigkeiten punkten können.

Die HSG nimmt erst seit zwei Jahren international an Case Competitions teil. Ein unbeschriebenes Blatt möchte man meinen, aber schon alleine der gute Ruf der Universität sorgt für Respekt unter den anderen Teams. Doch die Konkurrenz ist stark und erfahren.

Vielleicht ein wenig als »Gold-Standard« der Case Competitions gilt die National University of Singapore. Deren Teams sind für ihre hohe Produktivität in kurzer Zeit und auf Perfektion getrimmten Präsentationen berüchtigt. Es gibt eigentlich kaum eine Competition, bei der die NUS mit leeren Händen heimkehrt.
Nach der offiziellen Eröffnung und Vorstellung der Teams versuchen wir frühzeitig zu schlafen. Uns ist klar: Das wird eine lange und kraftraubende Woche.

Tag 2: Der 8 Stunden Case

Am Frühstückstisch diskutiert unser Team noch darüber, worüber der Case sich heute drehen könnte. Wir kennen nur den Namen der Firma, welche in der Chemiebranche tätig ist. Schon die Auswahl der Cases kann einiges ausmachen, liegen einem manche Cases doch eher als andere. Wir versuchen auf unseren iPads und Laptops noch ein paar Erkenntnisse über die Industrie zu absorbieren.

An der Erasmus Universität angekommen, erhalten wir ein Briefing über das Unternehmen und den Case. Erleichterung! Es handelt sich um 3D Druck, eine Branche, in der ich mich zumindest ein wenig auskenne. Während einem Briefing versucht man ein möglichst gutes Gespür für die Unternehmenskultur zu entwickeln. Schliesslich muss am Ende das Konzept zu den Vorstellungen des Klienten passen. Das Briefing ist vorbei, nun beginnt die Zeit zu ticken. Wir werden in unseren Raum gebracht und erhalten den Case in geschriebener Form, mit sämtlichen finanziellen Zusatzinformationen.

Die Aufgabe ist es, zwei Branchen zu identifizieren, auf die das Unternehmen sich für den Markteintritt in den 3D-Druck-Markt konzentrieren soll. Anschliessend sollen konkrete strategische Empfehlungen hinsichtlich der einzusetzenden Technologien, möglichen Partnerschaften, etc. erfolgen. Keine Aufgabe welche trivial ist, aber zumindest viele potenzielle Optionen einräumt.

Die erste Phase bei einem Case gehört zu den gefährlichsten und konfliktbehaftetsten. Hier läuft man Gefahr, sich in der Diskussion zu verrennen oder nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Es beginnt die Zeit der Diskussionen und Streitereien. Zwischen zwei unserer Teammitglieder ist die Reibung groß. In der Tat liegen wir schon früh hinter unserem ursprünglichen Zeitplan.

Hier liegen Stärke und Schwäche zugleich in unserem Team – unsere Diversität. Sind die aufeinanderprallenden Perspektiven zu unterschiedlich, birgt das die Gefahr eines kontinuierlichen Missverstehens. Gleichzeitig kann eine solche Kombination zu äußerst kreativen und innovativen Lösungen führen, mit derer man sich vom Konkurrenzfeld abzuheben vermag. Eine explosive Mischung.

Unter Zeitdruck aber rechtzeitig geben wir unsere Datei ab. Wir sind nicht zufrieden und merken, dass wir unseren modus operandi als Team noch nicht gefunden haben. Gleichzeitig müssen wir uns auf das Präsentieren vorbereiten. Lediglich zehn Minuten stehen uns zur Verfügung, alles hat exakt getaktet zu sein, denn bei Überschreiten der Zeit fällt der Hammer seitens der Jury gnadenlos und wer seine Präsentation nicht abschließen kann, hat kaum Erfolgschancen.

Nach der Präsentation ist uns klar, dass unsere Performance ausbaufähig war. Der Frust sitzt tief, was nicht zuletzt an unseren Ansprüchen liegt. Wir wollen auf keinen Fall ohne Medaille nach Hause fahren. Die Evaluation der Jury ist immer ein wenig die große Unbekannte auf Case Competitions. Jede Jury bewertet anders und es kann auch zu nicht nachvollziehbaren Entscheidungen kommen.

Doch die Jury zieht uns den anderen Universitäten vor und schickt uns ins Finale. Eine Mischung aus Überraschung, Glück und Erleichterung stellt sich bei uns ein. Ein solches Erfolgserlebnis hat unser Team nach der zwischenzeitlich strapazierten Teamatmosphäre gebraucht. Uns bleibt jedoch nicht viel Zeit uns auf die Schulter zu klopfen. Wir machen uns schleunigst an die Vorbereitung für die das Finale. Unser Teambetreuer Professor Simon Pfister gibt uns Feedback über unsere Präsentation. Professor Pfister ist so etwas wie unser Mentor, an ihm schätzen wir seine Fachkompetenz und seinen Enthusiasmus.

Mit uns ins Finale geschafft hat es die NUS und die Corvinus Universität aus Budapest. Beides überrascht uns nicht wirklich. Nach der Finalpräsentation sind wir erleichtert. Wir hatten uns im Vergleich zum Vormittag deutlich gesteigert, auch wenn die Q&A hart war. Das finale Ergebnis wird erst am letzten Tag bekannt gegebenen.

Tag 4: der 24-Stunden Case

Neben der Arbeit gibt es auch genügend Möglichkeiten die Studenten von den anderen Unis kennenzulernen – wie etwa beim Dinner samt schöner Aussicht auf den Hafen.

Nach einem Tag wohlverdienter Pause, an dem alle Gruppen zusammen nicht nur den Rotterdamer Hafen, sondern auch den Flughafen Amsterdam (welcher auch das Thema des 24 Stunden Cases sein sollte) besichtigen durften, starten wir bereits früh in den 24 Stunden Case.

Vom Flughafen Schiphol erwarten wir einen harten Case. Gesetzliche Regulierungen, die Vielzahl von Stakeholdern, Skaleneffekte und nicht zuletzt die niedrigen Margen machen den Markt und das Geschäftsmodell unflexibel. Wir werden nicht enttäuscht. Es handelt sich um einen HR-Case, der sich vor allem um das Flughafenpersonal dreht.

Wir kommen nur mühsam voran, und ringen lange um mögliche Lösungen. Besonders zu schaffen macht uns die Intransparenz der Flughafenindustrie. Akribisch recherchieren wir im Internet und ziehen sämtliche Quellen in Betracht. Nur langsam können wir uns ein Bild über die Vorgänge am Flughafen machen und Verbesserungspotenziale herausarbeiten. Das kostet viel Zeit und schnell wird unser Zeitplan wieder über den Haufen geworfen. Es ist jetzt bereits 11 Uhr nachts.

Prinzipiell ist es keine gute Idee, bei einem 24 Stunden Case ohne Schlaf durchzumachen. Das liegt schlichtweg daran, dass am Tag darauf noch die Präsentation zu halten ist und man hier bei fehlender Energie vor allem in der Fragerunde schlecht abschneidet.

Die Müdigkeit schleicht sich ein, wir versuchen gegen sie mit Energy Drinks und fettigem Essen anzukämpfen. Aber wir haben auch Spaß, lachen viel und unterhalten uns in den häufiger werdenden Pausen mit den Organisatoren, die ein Buffet organisiert haben. Ohne Humor geht es nunmal doch nicht. Man muss schon eine gesunde Portion an Verrücktheit mit sich bringen, um in solchen Situationen dem Druck standzuhalten.

Um 2 Uhr fahren wir dann mit unserem Taxi ins Hotel, sind immer noch nicht komplett fertig. Als wir in unseren Hotelbetten liegend noch an den Slides arbeiten, scherzen wir, dass das wohl das typische Consultingleben sei. Immerhin ein paar Stunden Schlaf sind uns dann doch vergönnt.

Während über Rotterdam die Sonne untergeht sitzen wir noch einige Stunden am Case


Tag 5: Das Finale und die Preisverleihung

Wir stehen früh auf, und geben der Präsentation noch den letzten Schliff. Das ganze Team hat einige Schrammen aus dem Kampf davongezogen, aber alle sind auch glücklich es geschafft zu haben. 24-Stunden-Cases gehen an die Substanz, aber es liegt auch ein gewisser Reiz darin, sich an die eigenen Grenzen heranzutasten.

Die Präsentation verläuft gut, auch wenn die Q&A ein diskussionshaften Charakter annahm. Jedes Jurymitglied hat seinen eigenen Stil und stellt auch somit andere Fragen. Nicht selten sind die Fragen deshalb überraschend und auch nicht immer einleuchtend. Die Jury war in ihren Fragen aggressiv, aber wir blieben standhaft.

Nach der Beratung lädt die Jury sämtliche Teams aus der Gruppe in den Raum. Und schickt uns erneut ins Finale. Irre! Damit sind wir das einzige Team, dass es ins beide Finale geschafft hat. Corvinus und NUS sind in den Vorrunden ausgeschieden.

Per Wassertaxi zur Finallocation

Nach einem kleinen Freundestaumel fahren wir per Taxiboot an die Location für das Finale. Wir präsentieren in einem Kinosaal. Eine coole Location, die nochmal einige Kraftreserven mobilisiert. Einige aus unserem Team holen noch ein paar Stunden Schlaf nach, bis es zu unserer letzten Präsentation geht. Wir präsentieren souverän und sind ganz zuversichtlich über den Ausgang.
Eine halbe Stunde später beginnt die Preisverleihung. Im 8-Stunden-Case werden wir Zweiter, lediglich von Corvinus geschlagen. Damit sind wir das erste Team der HSG, welche die NUS schlagen konnte. Ein voller Erfolg!
Wir freuen uns auf die Preisverleihung des 24-Stunden-Cases. Schneiden aber »nur« als Dritter ab. Die Jury scherzt, dass wir jedoch das beste Consulting Team gewesen seien. Uns scheint der Witz zu entgehen. Wieso als bestes Consulting Team dann nur Dritter? Später hören wir von vielen Teams, dass sie uns klar vorne gesehen haben. Doch auch solche Überraschungen gehören zu Case Competitions.

Schnell jedoch überwiegt die Freude über die zwei Trophäen und spätestens zur Party am Abend mit allen anderen Studenten und den Organisatoren ist alles schon wieder vergessen. Wir feiern ausgelassen und wir und die anderen Studenten sind fast schon ein wenig sentimental, dass die Wege sich schon wieder trennen. Vielleicht sieht man sich ja nächstes Jahr oder an anderen Competitions wieder.

Als wir den Studenten der NUS erzählen, dass ich und ein weiteres Mitglied direkt weiter zur nächsten Case Competition nach Maastricht fahren, schütteln diese ungläubig mit dem Kopf. Ihr seid verrückt, heißt es. Doch auch in Maastricht sollten wir ins Finale kommen und letztlich den dritten Platz belegen.

Was bleibt?

Neben drei Trophäen und der Erkenntnis, dass sich die HSG international auch bei Case Competitions so gar nicht zu verstecken braucht, ein unvergessliches Erlebnis. Die Herausforderung, der Stress und der Druck sind riesig – doch es hat sich allemal gelohnt. Es sind die vielleicht besten Wochen unseres Studiums. Ich kann nur allen empfehlen, sich für das Case Class Programm des Consulting Clubs zu bewerben. Die HSG hat schliesslich eine Serie zu verteidigen ;)

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle der Universität St.Gallen und dem Consulting Club der HSG, die weder Kosten noch Mühen gescheut haben, uns für die Competitions vorzubereiten und anzumelden. Wir hoffen, dass das Projekt auch zukünftig weiter mit soviel Unterstützung verfolgt wird. 

Und last but not least Prof. Simon Pfister, der uns stets mit Rat und Tat zur Seite stand und uns betreut hat. Am Ende bleibt es eben eine Teamsportart jedes Team braucht einen guten Coach. Simon war ein hervorragender, von dem wir einiges lernen konnten. Ohne ihn wären die Erfolge nicht möglich gewesen.

Mehr zur case class an der HSG hier