Am Samstag fand der bislang zweite TEDx-Event an der HSG statt. Präsentiert wurden unter dem Motto «Go Beyond» Lebensgeschichten, innovative Ideen, Philosophien und Visionen für eine bessere Welt.

Dutzende Kakerlaken, die auf einem rumkrabblen, in die Ohren eindringen, kein Entkommen in Sicht. Essen, das den Anschein macht mit Blut getränkt zu sein. Was nach Aufgaben der bekannten TV-Serie «Dschungelcamp» klingt, war Shaun Attwoods tagtägliches Leben im Gefängnis in Seattle. Dazu kamen Prügeleien und die Angst, nie mehr aus dem Gefängnis herauszukommen. Denn nachdem Attwood mit Drogen erwischt wurde, die er dealte und mit denen er auch sogenannte «Rave-Parties» veranstaltet, wurde er für neuneinhalb Jahre ins Gefängnis geschickt. Eines Tages bekam er einen Anruf von seinem Anwalt. Er habe eine reelle Chance bald aus dem Gefängnis zu entkommen. Es war ein Lichtblick am Ende eines dunklen und beängstigenden Tunnels. Doch alles kam anders. Anstatt eine kürzere Strafe zu erhalten, musste Attwood eine höhere Geldstrafe bezahlen und sah sich mit einer Freiheitsstrafe von 200 (!) Jahren konfrontiert. Er war am Ende und hätte sich fast das Leben genommen. Das einzige, was ihn davon abhielt, war, seine britische Nationalität. Selbst in dieser aussichtslosen Situation hatte er das Gefühl es seiner Mutter nicht antun zu können, dass er in einem ausländischen Gefängnis starb. Warum er dennoch nur sechs Jahre anstelle von 200 im Gefängnis sass, verriet der dem Publikum nicht. Aufschluss darüber geben könnte sein Blog «Jon`s Jail Journal».

Man könnte denken, dass Attwood am Boden zerstört ist. Gescheitert. Abgekämpft. Doch der Brite stand mit aufrechter Körperhaltung dem Publikum im Audimax gegenüber. Seine Geschichte erzählt er auf eine witzige Art und Weise. Mit dem rasierten Gesicht und dem Anzug wirkt er gewiss nicht wie ein ehemaliger Häftling. Schon gar nicht wie einer, der eine Biographie über den bekannten Mafia-Boss «Two Tory» schreibt. Doch all dies ereignete sich in einem amerikanischen Gefängnis und macht deutlich wie schrecklich die Zustände dort sind und wie menschenunwürdig ein Leben in einem solchen ist. Attwoods eigentliche Botschaft ist, dass man noch so reich sein könne, doch dass Glück und Zufriedenheit im Herzen liege. Als verurteilter Straftäter und Millionär weiss Attwood sicherlich wovon er spricht. Mit seiner Geschichte erreichte er an den TEDx-Talks hunderte von Menschen. Für viele war er in diesem Moment kein Verbrecher, sondern ein Redner mit einer eindrücklichen Geschichte.

Widerstand gegen den Staat und das eigene Schicksal

Attwood ist jedoch nicht der einzige mit einer mitreissenden Geschichte. Auch Marcelo Bertorelli hat eine erlebt. Der jüngste Redner an diesem TEDx-Talk erlebte die Revolution in Venezuela mit. Er öffnete seine Türe für Studenten, die protestierten und half ihnen nicht nur sich vor der Polizei in Sicherheit zu bringen, sondern bot ihnen auch die Möglichkeit ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Für einen 19-jährigen hat der gebürtige Venezolaner einiges erlebt und beweist, dass man nicht lange gelebt haben muss, um eine eindrucksvolle Geschichte zu haben. Auch Hila Azadzoy hat eine spanndende Geschichte von Widerstand zu erzählen, jedoch ist es nicht ihre eigene. Es ist jene ihres afghanischen Vaters, der sich nicht mit seinem Schicksal zufrieden geben wollte. Als junger Mann wurde er der Schule verwiesen, weil er sich dem Lehrer wiedersetzte. Für den wissenshungrigen Mann war an Aufgeben nicht zu denken. Er wanderte nach Deutschland aus – ohne einen Hauptschulabschluss. Um trotzdem an eine Universität angenommen zu werden, fälschte er sich das benötigte Diplom und war an dieser sehr erfolgreich. Mit ihrer persönlichen Geschichte wollte Azadzoy zeigen, dass Bildung allen zugänglich sein sollte. Dafür setzt sie sich Tag für Tag als Mitgründerin von «Kiron Open Higher Education» ein. In ihrem Vortrag zeigt sie auf wie wertvoll MOOCS (Massive Open Online Course) und integriertes Lernen sein können.

«Ich versage jeden Tag»

Nicht immer haben die Speaker erreicht, was sie sich vorgenommen haben. So erzählt Mischa Janiec, der bekannte Bodybuilder, dass er jeden Tag versage und stolz darauf sei. Laut ihm braucht es Niederlagen, um wachsen zu können. Seine erste Niederlage war eine, die er am Anfang gar nicht als selbstverursacht wahrnahm. Er verlor seine Lehrstelle nach acht Monaten. Als Janiec dann noch eine Verkrümmung der Wirbelsäule prognostiziert wurde, beschloss er etwas zu unternehmen. Er begann zweimal die Woche ins Fitness zu gehen. Nach einer Weile ging er täglich. Versagen tue er da jeden Tag, weil er sich bis an seine Grenzen bringe und darüber hinausgehe, erzählte er am TEDx. Sein Umgang mit Niederlagen birgt jedoch noch etwas Verbesserungspotential. So geriet er vollkommen aus dem Konzept als seine Folien nicht alle vorhanden waren. Er unterbrach seinen Vortrag, gab viele Sekunden lang keinen Ton mehr von sich. Er beendete sein Schweigen mit einem leicht verzweifeln wirkenden «Fuck!», was mit einem Gelächter aus dem Publikum kommentiert wurde.

Wie man hingegen Niederlagen verarbeiten kann erzählte Phil Anthony M., Berater und Coach, in seiner Rede. Auffallend an Anthony war, wie sehr er die rhetorischen Künste zu nutzen wusste. Seine Präsentation war von einer charismatischen Art, er betrachtete das ganze Publikum und strahlte eine ansteckende Freude aus. Nicht so begeistert waren die Zuschauer von der Präsentation von Dr. Laura Penn. Der Applaus war spärlicher als sonst und einige Zuhörer meinten, es sei die schlechteste Rede des Tages gewesen. Der Coach für öffentliche Sprache erzählte dem Publikum wie man richtig präsentiert. Für manche wirkte ihr Lächeln aufgesetzt und ihre Präsentation wurde nicht gerade von vielen als Geschenk wahrgenommen. Die Präsentation selbst als ein Geschenk zu betrachten, gab Penn dem Publikum als Ratschlag. Weniger künstlich wirkte die Rede vom Global Digital Chief von Nestlé, Pete Blackshaw. Seine Emotionen spiegelten sich in einem vernünftigen Mass in seinem Vortrag. So vermochte der Zuhörer die Liebe zu seiner Familie zu spüren. Auch die Begeisterung von seinem Job brachte Blackshaw zum Ausdruck. Beeindruckend war auch der reibungslose Ablauf des Tages. Alles war perfekt organisiert und wirkte sehr professionell. Die Helfer haben ganze Arbeit geleistet. Für Verpflegung war stets gesorgt und auch in dem Pausen gab es immer etwas zu tun. So endete der Tag für die meisten Besucher mit einem genussvollen Mojito in den gemütlichen Sesseln.

Bilder: Timon Furrer Fotografie / eveni.to