Es ist Freitagabend mitten in St. Gallen. In der Grabenhalle – gegenüber vom Meeting Point – haben sich um 20:30 noch nicht alle der 50 Gäste eingefunden, die auf Facebook zugesagt haben. Um 21:12 beginnt schliesslich der 57. St. Galler Poetry Slam. Seit 16 Jahren bereichert diese kulturelle Veranstaltungsreihe die Stadt. Eine Reportage aus der Grabenhalle.

Die Halle ist inzwischen gut gefüllt. 350 Tickets wurden verkauft. Später erzählt der Veranstalter Lukas Hofstetter, dies sei normal. Das Interesse in St. Gallen an der grössten künstlerischen Gattung Europas ist seit zehn Jahren konstant hoch. UNESCO habe diese kürzlich zum immateriellen Weltkulturerbe ausgezeichnet.
Ein Drittel der in der Schweiz regelmässig auftretenden Slammer kann von ihren Showaufritten ihr Leben finanzieren. Obwohl zu Deutschen Meisterschaften bis zu 20’000 Begeisterte kommen, gibt es keinen Dachverband, keine Gremien. Die Stadt Zürich unterstützt die Szene und hat ihren Hauptbahnhof für die Eröffnungsshow angeboten, die im November 2018 stattfinden wird. Das Ereignis wird die grösste Literaturshow. Weltweit.
Den Begriff «Poetry Slam» hat man mal gehört. Das Video von Julia Engelmann über «Geschichten, die wir später gern erzählen» hat inzwischen auf Youtube fast zehn Millionen Aufrufe. Aber selbst auf solch eine Veranstaltung gehen? Oder gar seinen ganzen Mut zusammen zu nehmen, um sich selbst auf die Bühne zu stellen und fremden Menschen in sechs Minuten einen eigenen Text darzubieten, der inspirieren, belustigen oder irritieren soll? Dieser Schritt scheint ein grosser zu sein. Dabei kann sich jeder anmelden, der eine Message hat, die er gerne erzählen würde. Auch als Gast wirkt so ein Abend wie eine grosse Gute-Laune-Packung.
Natürlich braucht es eine gewisse Risikobereitschaft. Doch auch wenn der eigene Auftritt beim Publikum eher mässig ankommen würde, wäre das kein Beinbruch. Buhrufe und Pfiffe sind auf solchen Veranstaltungen verboten. Jeder versteht, dass viel Persönlichkeit und Mühe in den Texten steckt. Daher applaudiert man wertschätzend. Die Bewertung erfolgt entweder über die Lautstärke des Beifalls oder es werden willkürlich vor der Veranstaltung Gäste aus dem Publikum ausgewählt, die sodann abstimmen dürfen.

Als Slammer einmal um die Welt – ohne den deutschsprachigen Raum zu verlassen

Lasse Samström aus Bonn, einer der Finalisten des Abends, meinte im Gespräch, Poetry Slam habe nicht den Anspruch, gerechter zu sein als das Leben. Als Slammer fährt er im Jahr rund 45’000 Bahnkilometer. Das ist mehr als einmal um die ganze Welt. Er trete 100 Mal im Jahr auf und lebe davon.
Er befindet sich in seinem Element, wenn er auf der Bühne stehe und das Publikum «einfach mal die Fresse halten müsse und ihm zuhöre». Wer das nicht liebt, macht das über länger nicht mit – die Wege zu den Veranstaltungen sind weit. Für ihn haben diese Abende kein Wettbewerbscharakter, sondern stellen lediglich eine Karikatur von Rivalität dar; auch weil überall die Bewertungsmassstäbe unterschiedlich seien. Als Beispiel hierfür wird mir das Scheitern der Organisation von Turnieren mit unterschiedlichen Sprachen genannt. Wobei man an diesem Abend auch zwei vertreten waren: Deutsch und Schweizerdeutsch. Einige Slammer reisten aus Deutschland an.

Lasse Samström

Inhalte ausgesuchter Texte

Der Sieger des Abends, der Basler Gregor Stäheli, gab zu Protokoll, es sei wichtig, originell zu sein. Das sagte er so locker hinten im Backstage-Bereich, doch auf der Bühne meinte er zuvor, dass er schon derart lange Single sei, dass ihn Tinder als Bot identifiziert habe und seither sperre. Keiner könne schliesslich ganz ohne Beziehung ausharren.
Daher verwende er seine Poetry Slam Auftritte inzwischen als Partnerbörse. Ähnliches wäre Alex Burkhard aus München anzuraten, der seine Unzufriedenheit mit seiner letzten weiblichen Begegnung in seinem Text gegen die Unverbindlichkeit Ausdruck verlieh. Sein Mädchen hätte sich zwar in ihn verliebt, aber sie wolle sich einfach nicht festlegen.
Doch Georg gibt nicht auf, sondern schraubt lediglich seine Ansprüche hinunter. Hätte sein Inserat früher noch folgendermassen gelautet: «Suche grosse, sportliche Nichtraucherin mit blonden Haaren, einem sehr ausgeprägten Sinn für Humor. Des Weiteren sollte sie soll tierlieb, anständig, gepflegt und menschenfreundlich sein», würde er heute eine schlichtere Annonce schalten: «Ich suche eine Frau. Wenn möglich. Bitte.»
Da er es ins Finale schaffte, durfte er noch einen zweiten Text darbieten. Dazu brachte er Konrad mit. Konrad ist Krankenkassenvertreter und hat ihn neulich angerufen. Sein Anliegen war es, herauszufinden, ob Gregor mit seiner Situation als Versicherter zufrieden sei. Freilich stand Gregor alleine auf der Bühne, doch spielte er einen Dialog.
Der Slammer begann direkt mit der ersten Frage, den Call-Center Mitarbeiter zu überfordern. Er wollte von ihm wissen, ob dieser an die grosse Liebe glaube. Auf die Frage, was denn die beste Versicherung können müsse, antwortete jener, sie sollte auf einen persönlich zugeschnitten seien. Gregors grösstes Bedürfnis sei jedoch die Liebe.
Kann denn Simons – inzwischen sind sie zum Du übergegangen – Gesundheitsversicherung auf dieses Bedürfnis eingehen und sein gebrochenes Herz heilen? Dieses Schauspiel sorgte für äusserst viel Erheiterung im Saal. So etwas muss man einfach mal selbst ausprobieren!


Nik Salsflausen aus Stuttgart gab dem Publikum seine Gedanken zum Thema Menschsein mit auf den Weg. Er stellte die Frage in die Grabenhalle, weshalb menschliches Handeln ein Synonym für Güte, Liebe und Aufopferung sei. Hass, Angst, Eifersucht und Diskriminierung seien doch ebenso menschlich. Menschsein sei nicht nur ARTE, sondern das ganze Fernsehprogramm – und YouPorn.
Wer hätte denn schon mal einen Pinguin beobachtet, wie die Nacktfotos seiner Ex-Freundin ins Netz stelle? Seine Warnung an das Publikum: Wir sollen immer wachsam sein, wenn anderen Menschen das Menschsein abgesprochen wird. Denn erst durch die Entfremdung des Gegenübers können wir guten Gewissens Schlechtes tun. Finstere Taten werden als unnatürlich und wesensfremd deklariert.
Aber dieser Blickwinkel greift zu kurz. Würde man das menschliche Wesen nur auf seine guten Seiten reduzieren, das wäre so, als würde man Heinrich Himmler an seiner Liebe zur italienischen Oper messen. Dann erwähnt er Herbert Grönemeyers Liedtext «Mensch»: «Und der Mensch ist Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt».
Er ist der Meinung, dass diese Lyrik nicht exklusiv einen Menschen beschreibe, sondern vor allem einen Labrador. Zum Schluss wies er noch darauf hin, was für ihn das Menschsein wirklich heisse: verantwortlich sein, sich immer wieder jeden Tag aktiv für das Gute zu entscheiden und wachsam zu sein. Sein Rat: «Sprich mit dem deinen Nächsten. Er ist einer wie du. Ein Mensch.»

Poetry Slam als Startrampe für gesellschaftliche Veränderungen?

Auf Facebook fällt es vielen leicht, Posts abzusetzen, in denen man sich über gesellschaftliche Entwicklungen und die Passivität der Jugend mokiert. Bei einigen sind die Echoräume weitaus grösser als die Grabenhalle. Und trotzdem kommt es für kaum einen infrage, auf Demonstrationen zu gehen und seine Stimme aktiv gegen Missstände zu erheben. Warum wird der Schritt von der Couch raus auf die Strasse als überdimensionale Hürde empfunden? Könnte sich aus dieser künstlerischen Bewegung eine neue Protestkultur entwickeln?

Ein paar Wünsche, die der Weihnachtsmann nicht besorgen kann

Bisher ist der Graben zwischen dem (kulturellen) Leben in unserer Stadt und der HSG noch sehr gross, meint Etrit Hasler, der gemeinsam mit Ralph Weibel den Abend moderiert hat. Es kann als aktenkundig eingestuft werden, dass Etrit der erste St. Galler und dienstälteste Slam Poet der Schweiz ist. Mancher bezeichnet ihn gar als Dinosaurier der Szene.
Von unserer Campuserweiterung am Platztor verspreche er sich viel; denn man möchte die Uni «in der Stadt». So werden endlich die überfälligen, natürlichen Interaktionsräume geschaffen, in denen persönlicher Austausch leichter möglich wird. Ein Zusammenwachsen zwischen den (Klischee-)HSG-Studierenden und der St. Galler Bevölkerung würde dadurch wahrscheinlicher.
Anzumerken von HSG-Seite bleibt aber auch, dass es einer höheren und anschlussfähigeren Präsenz auf HSG-Kommunikationsplattformen bedarf, wenn der Wunsch der Grabenhalle in Erfüllung gehen soll, dass mehr HSG-Studierende durch ihre Pforte treten.
Doch auch uns sollte daran gelegen sein, tiefer in die hier schon immer lebende Gesellschaft hineinzufinden. Die Grabenhalle wäre ein Ort, an dem Integration funktionieren könnte. Gelingt es, könnten wir den Status als «Durchreisende» ablegen und müssten vielleicht gar nicht mehr ständig heim, weil wir hier auch zuhause sind. Eines Tages schreibt der Spiegel dann auch nicht mehr über die «Finanzstadt» St. Gallen, sondern über einer der «höchstgelegensten Studentenstädtchen mitten in Europa». Genügend Studierende hätten wir. Das entsprechende Angebot auch. Lasst es uns verbinden.
Ein Grossteil des kulturellen Lebens findet im Tal statt und der Veranstaltungskalender der Nachbarn vom Meeting Point ist sehr vielseitig. Er lädt förmlich zum «out of the box thinking» ein, die eigene Social Bubble zu verlassen und St. Gallen mal anders zu entdecken – so wie es (auch) ist.

Die beiden Moderatoren Ralph Weibel (l.) & Etrit Hasler (r.)