Sven Reinecke spricht mit uns über seine anfängliche Skepsis gegenüber der Universität St. Gallen, die Denkweise in Stanford und seine Touren durch das Silicon Valley.

An einem sonnigen Nachmittag machen wir uns auf den Weg zu Professor Sven Reinecke. Beim Verzehr von frischem Gebäck freuen wir uns, in seinem Wohnzimmer Gast zu sein. «In meiner Studienzeit an der Universität war ich oft international unterwegs», beginnt Reinecke das Gespräch. Der Internationalität ist er bis heute treu geblieben.

«Nein, St. Gallen kann ich mir nicht vorstellen.»

Nach seinem Abitur schaute sich Sven Reinecke einige Wirtschaftsuniversitäten im deutschsprachen Raum an. «Ich wollte einfach raus und nicht als weitere Nummer im VW-Werk bei mir in der Umgebung tätig werden». Deshalb begann Sven Reinecke ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mannheim, obwohl er seinen «Ausländer-Aufnahmetest» in St. Gallen erfolgreich absolviert hatte. Damals sprachen jedoch einige Faktoren gegen St. Gallen: «St. Gallen war von der Atmosphäre eher kalt und spiessig. Der Schulgong war zudem schrecklich. Bei der Aufnahmeprüfung wurde man noch nicht einmal richtig begrüsst, sondern es gab nur einen halbmilitärischen Namensappell. Der trübe Herbst damals hatte das Betongebäude der HSG nicht attraktiver gemacht.» Das mag der eine oder andere Student auch heute noch so sehen. Die vergleichsweise guten Studienbedingungen haben ihn dann doch zum Wechsel nach St. Gallen bewegt. «In Deutschland habe ich fast nie einen Platz in der Vorlesung bekommen. Da wollte ich mich dann doch eher an den Gong gewöhnen – zumal die Vorlesungen bei den damaligen Professoren Dubs, Pümpin, Weinhold und Pleitner einfach klasse waren.»

Sehr früh sehr international

Sven Reinecke wuchs in Wolfsburg und Lissabon auf, wo er die Zeit zwischen seinem 6. und 13. Lebensjahr verbrachte und die portugiesische Revolution miterlebte. In seinem Gap Year absolvierte er Praktika in den USA und Brasilien. «Das Praktikum in den USA war schön, Detroit aber noch viel kälter als St. Gallen.» Glücklicherweise ging es gleich im Anschluss nach Belo Horizonte ins sommerliche Brasilien. «Dieses AIESEC-Praktikum bei Mannesmann war genial, zumal über diese studentische Organisation eine tolle Integration in die lokale Studentencommunity gegeben war.» Natürlich konnten die Unterschiede nicht grösser sein: «Ich bin aufgefallen wie ein bunter Hund». Blondes Haar, ohne brasilianischen, aber dafür mit portugiesischem Akzent, und mit deutscher Pünktlichkeit. «Zu Beginn der Zeit in Brasilien haben wir uns unter Studenten 20 Uhr als Treffpunkt ausgemacht. Da musste ich dann aber fast zwei Stunden warten, da die Brasilianer wie in der südamerikanischen Kultur üblich, erst gegen 22 Uhr eintrafen.»

«Früher war das Semester noch High-Life».

Während des Semesters gab es überhaupt keine Prüfungen – dementsprechend wurde es in grossen Zügen genossen. Dann begannen jedoch die sogenannten «Ferien»: Die Prüfungen waren jeweils drei Wochen vor Start des nächsten Semesters. Der grosse Nachteil bestand natürlich darin, dass der Sommer voll und ganz dem Lernen gewidmet war. «Da bin ich immer aus St. Gallen geflüchtet, da ich es nicht mehr aushalten konnte. Die Mensa war stets voll und immer wurde gefragt, ob man «dies und das» schon gelernt habe. «Jeder machte sich da verrückt.» Was für uns heute eigentlich nach ganz normalem Bib-Alltag klingt, war auch damals kurz vor den Prüfungen üblich.

Mann für alles beim prisma

Bereits zu seiner Schulzeit war Sven Reinecke in der Schülerzeitung aktiv gewesen. Somit war der Schritt zum prisma verständlich. Besonders hatte ihm aber die überzeugende Vorführung zu Beginn des Semesters zugesagt. Diese bestand aus einem prisma-Mitglied, das in der Aula Bälle jongliert und mit Witz geworben hatte. Sven Reinecke entwickelte sich dann bei prisma zum «Mann für alles»: Inserate, Redaktion, Layout und Druckkoordination lagen in seinem Aufgabenbereich. Auch hat er eben diese Rubrik – Profs Privat – mit eingeführt. «Für uns war es wichtig, die Ausgabe menschlicher zu machen. Menschen interessieren sich für Menschen», begründet Reinecke diesen Schritt. Die Heftgrösse fand er früher allerdings angenehmer. Damals gab es noch Ausgaben im A5-Fomrat: «Die konnte man noch einfacher in einer langweiligen Vorlesung lesen.»

Eine unerwartete Herausforderung

Während seiner Habilitation verschlug es Sven Reinecke dann nach Cambridge in die USA. Dort hat er vor allem empirisch gearbeitet, wobei er mit einer unerwarteten Herausforderung zu kämpfen hatte. Der Professor, mit dem er zusammenarbeitete, leitete das Marketing Science Institute und war offiziell nicht in Cambridge, sondern an der Wharton  Business School in Philadelphia angestellt. Aus diesem Grund sollte die postalische Umfrage zwar aus Cambridge abgeschickt, jedoch nach Philadelphia zurückgeschickt werden. Kein Problem aus deutscher Sicht, sollte man meinen. «Doch die US Postal Services waren so lokal organisiert, dass ich extra nach Philadelphia reisen musste, um dort persönlich ein Portokonto zu eröffnen.» Dennoch: Die gemeinsame Zeit mit seiner heutigen Frau Sabine in Cambridge, die Veranstaltungen am MIT und der Harvard University möchte er nicht missen.

Ruf aus St. Gallen nach Berlin

Nach seiner Habilitation erhielt Sven Reinecke das Angebot, als Professor und Rektor den Berliner Campus der renommierten französischen ESCP Europe zu leiten. «Nach langem Hin und Her und aufgrund der Tatsache, dass meine Frau Berlinerin war, hatte ich mich eigentlich schon entschieden. Doch nach einer schrecklichen Nacht überlegte ich es mir doch anders – ich konnte nicht aus der Schweiz weg. Meine Freiheiten in Forschung, Lehre und Projekten am Marketinginstitut an der HSG wollte ich nicht gegen einen französischen Chef in Paris eintauschen.»

Forschungsaufenthalt in Stanford im Bereich Maschinenbau

2014 verbrachte Reinecke einen Forschungsaufenthalt in Stanford. Interessanterweise war er nicht
dem Marketing, sondern der Maschinenbau-Fakultät zugeordnet. Wie kam es dazu? In Stanford forschte Sven Reinecke im Bereich Design Thinking, der wiederum an der Stanford University zur Fakultät für Maschinenbau gehört. «Mit Maschinenbau im engeren Sinne hatte ich nichts zu tun, doch die Interdisziplinärität des sogenannten Hasso Plattner Institute of Design (d.school) ist beeindruckend.»

Das Uncoolste im Silicon Valley ist, gestresst zu sein

«Das Tolle in Stanford ist die hohe Anzahl von Veranstaltungen.» Dazu zählen TedTalk, Start-up-Pitches, Medienkongresse und Gastvorträge aus aller Welt. Aber auch die HSG mache viele Sachen sehr gut. «Die Verwaltung an der HSG ist toll, insbesondere auch die betriebswirtschaftliche Führung und die Professionalität der Institute.» So seien Slides oder Veranstaltungspläne in Stanford nicht immer zu Semesterbeginn vorhanden, und die operative Verwaltung ist sehr schwerfällig. Die HSG ist ebenso wie Stanford mit der Wirtschaft sehr gut vernetzt, auch wenn die Spenden aus der Privatwirtschaft um Dimensionen niedriger ausfallen als in Stanford. Aus Sicht des Design-Thinkings und des Entrepreneurships hat die HSG neben allerlei Stärken jedoch auch einen Nachteil. «Die HSG ist keine Volluniversität – wir haben hier keine Ingenieure, Naturwissenschaftler und technischen Informatiker. Das macht das Design Thinking natürlich aus – das Arbeiten in interdisziplinären Teams macht Spass, ist aber auch anstrengend. Wichtigster Unterschied ist das Mindset. Als beispielsweise für einen Professor versehentlich mehre Veranstaltungen mit Top-Führungskräften gleichzeitig geplant wurden, sagte dieser: ‹Weisst du, Sven, was das Schlimmste im Silicon Valley ist? Selbst wenn man total gestresst und genervt ist, muss man cool tun. Das Uncoolste im Silicon Valley ist es, gestresst zu sein.›»

Jährliche Tour ins Silicon Valley

Das Silicon Valley besucht Sven Reinecke auch weiterhin regelmässig. Seit ungefähr sechs Jahren machte er über sein Institut gemeinsam mit seinem Kollegen Marcus Schögel und Google einen jährlichen Management Study-Trip. «Da geht es dann von einer Firma zur nächsten, von Google, Uber, Airbnb zu Twitter und Facebook.» Für Aussenstehende kann sich das schnell repetitiv anhören – Reinecke versichert uns, dass es das nicht ist. Denn: «Kulturen und Unternehmen ändern sich sehr schnell im Silicon Valley.» Dies scheint auch auf Sven Reinecke zuzutreffen. Nur an den Universitätsgong scheint er sich noch nicht gewöhnt zu haben.

Bilder: Florian Meyer