Das Alphorn steht wie kein anderes Instrument für die Schweizer Kultur. Viele haben es schon gesehen, aber nur die wenigsten wissen genaueres darüber. Ein Versuch, ein Blasinstrument in seiner Gänze zu porträtieren.

Sucht man auf Google Bilder mit dem Begriff «typisch Schweiz», findet man neben Aufnahmen von Bergen und Kühen auch schnell ein Bild eines Alphornspielers. Es gibt wenige Instrumente, die so stark mit einem Land assoziiert werden, wie dieses. Immer wieder sieht man in Trachten gekleidete Frauen und Männer, die in ein bis zu vier Meter langes Holzrohr blasen. Bei manch einem Schweizer steigt in solchen Momenten (schon fast) ein Gefühl der Landesliebe empor. So schrieb Alfred L. Gassmann im Jahre 1938 in sein «Alphornbüechli»: «Wenn du, stämmiger Alphornbläser, mit deinem altehrwürdigen Schweizer Naturinstrument einherschreitest, bist du das alte, echte, verkörperte Berg-schweizertum.»
Seitdem sind schon mehr als 70 Jahre verstrichen, doch das Alphorn als Nationalsymbol ist geblieben. Heute kommt ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung eher in einem touristischen Zusammenhang mit dem Alphorn in Berührung. Wenn es hingegen um die Geschichte dieses Instruments, dessen Herstellung oder die heutige Verbreitung in der Schweiz geht, wissen die Meisten nur wenig.
Die frühste schriftliche Erwähnung eines Alphornes in der Schweiz findet sich in den Rechnungsbücher des Klosters von St. Urban. Im Jahr 1527 vermerkte man «zwei Batzen an einen Walliser mit Alphorn». Wo und wann das Alphorn entstanden ist, lässt sich heute nicht mit Gewissheit sagen.

Fall und Aufstieg des Alphorns

Das Anblasen von Röhreninstrumenten ist so alt wie die Menschheit selbst. Archäologische Funde zeigen, dass bereits Steinzeitmenschen hohle Tierknochen als Signalpfeifen verwendeten. Australische Höhlenzeichnungen, die ein geschätztes Alter von fast 100 000 Jahren haben, zeigen Didgeridoos. Auch die Gallier mussten ein Horn zur Informationsübermittlung gekannt haben. So war der römische Kaiser Cäsar beeindruckt, wie schnell die Gallier Kriegstermine oder kurze Meldungen in einem grossen Gebiet verbreiten konnten.
In der Schweiz wurde das Alphorn im Mittelalter vornehmlich von der Land- und Bergbevölkerung als Signalinstrument verwendet. Hirten riefen beispielsweise ihre Kühe von der Weide in den Stall, wenn es Zeit fürs Melken war. In späteren Epochen wurde es im Krieg eingesetzt. Im Bauernkrieg von 1652 sammelten sich die Entlebucher Bergbauern unter den Klängen des Alphornes, um sich für den Krieg zu rüsten.
Während des 18. Jahrhunderts geriet das Alphorn in Vergessenheit und wurde nur noch von verarmten Hirten in den Städten gespielt. Von der Stadtbevölkerung als «Bettlerhorn» verspottet, dauerte es bis ins  frühe 20. Jahrhundert, ehe es sich wieder in der Gesellschaft etablieren konnte und es zu dem wurde, was man heute unter «dem» Alphorn versteht.

Mach es zu deinem Projekt

Wer sich nun ein Alphorn kaufen möchte, kann in der Schweiz unter gut 30 namhaften Instrumentenbauern auswählen. Will man sein Instrument lieber selber bauen, gibt es auch dafür eine Möglichkeit.
Im nördlichen Weinland des Kantons Zürich findet sich die Werkstatt von Matthias Wetter. Seit 1977 stellt Wetter Hackbretter, Gitarren und andere Instrumente her und bietet  auch regelmässig Kurse an, in denen Laien unter seiner Führung ein eigenes Alphorn bauen können. «Selbst baue ich keine Alphörner, das wäre mir zu langweilig. Immer wieder mit anderen Menschen zu arbeiten, genau das ist das Spannende an der Sache!», begründet Wetter, warum er solche Kurse anbietet.
Betritt man die Werkstatt, nimmt man einen wohligen Duft nach Holz wahr. Es liegt eine gelassene, wenn auch konzentrierte Stimmung in der Luft. Überall sind grosse Maschinen zur Bearbeitung von Holz verteilt und an den Wänden hängen halbfertige Geigen und andere Instrumente.
Das klassische Alphorn wird aus altem Fichtenholz hergestellt, das langsam gewachsen ist und fein aneinander liegende Jahresringe besitzt. Wetter hingegen verwendet Arvenholz. «Es ist sehr angenehm zu bearbeiten und hat gleichzeitig einen guten Duft. Das Holz hat eine andere Klangfarbe als Fichtenholz. Der Ton ist viel weicher und wärmer.»
Meistens besteht das Alphorn aus vier Teilen: einem Unterteil, genannt «Becher», einem Mittelrohr und einem Handrohr. Auf Letzteres wird zum Spielen noch ein Mundstück gesetzt.
Die Herstellung beginnt damit, dass alle Teile maschinell zugeschnitten werden. Anschliessend fräst oder drechselt eine Maschine die spätere Form aus dem Holz. Jedes Teilstück besteht aus zwei Hälften, die später zusammengeleimt werden.  «Früher hat man Bäume verwendet, die im Hang gewachsen sind. Die Stämme wurden längs halbiert, ausgehöhlt und wieder zusammengeleimt», erläutert Wetter und zeigt auf einen entsprechend geformten Baumstamm, der gleich neben dem Eingang der Werkstatt liegt.

Aufwickeln des Pedigrohrs.

Von grob zu fein

Liegen alle Teile in ihrer groben Form vor, beginnt der aufwändigste Arbeitsschritt: das Schleifen. Anfangs wird überschüssiges Material abgeschliffen, bis nach und nach die finale Form des Alphorns sichtbar wird. Mit immer feiner werdendem Schleifpapier bearbeiten die Kursteilnehmer ihr zukünftiges Musikinstrument. Fortwährend wird geschliffen, gepustet und danach die bearbeitete Stelle begutachtet. «Es ist schon faszinierend, wie es entsteht. Anfangs sind wir mit groben Maschinen hinter das Holz. Als gelernter Schreiner hatte ich teils das Gefühl, auf dem Bau arbeite man feiner als hier», kommentiert ein Teilnehmer den Fortschritt der Gruppe.
Liegt die finale Form vor, wird auf den Becher noch ein aus Nussbaum- oder Kirschholz gedrechselter Ring aufgesetzt. Auch entlang des Schafts werden mehrere Holzringe aufgezogen. Jedes Teilstück wird nachfolgend mit dem sogenannten «Pedigrohr», einem aus dem Stamm der Rattanpalme gewonnenen Streifen, umwickelt. Nachdem die Verbindungsstücke noch mit einem Metallrohr sowie Dichtungsringen verstärkt sind und ein kleines Füsschen am Becherunterteil angeleimt ist, wird in einem letzten Schritt ein klarer Spritzlack zur Versiegelung auf das Holz aufgetragen.

Alphorngemeinschaft im Wettbewerb

«Seit ich vor 40 Jahren angefangen habe, Kurse für Laien zu geben, haben etwa 500 bis 600 Alphörner diese Werkstatt verlassen», schätzt Wetter. Trotz dieser überschaubaren Zahl an Alphörnern darf man nicht meinen, die Alphorngemeinschaft in der Schweiz sei klein.
Schon 1910 wurde der eidgenössische Jodlerverband gegründet. Dieser Dachverband besteht heute aus fünf Unterverbänden und repräsentiert die schweizerische Folklore in seiner Gesamtheit. In einem Turnus von drei Jahren wird auch das eidgenössische Jodlerfest organisiert – sozusagen die Olympischen Spiele der Folklore.
Neben vieler Hobby-Alphornisten, gibt es auch professionelle Spieler. Einer von ihnen ist Samuel Kunz. «Mit 40 habe ich erkannt, dass es noch ein Leben vor dem Tod gibt und fing wieder an Posaunenunterricht zu nehmen.» Heute ist er ein professioneller Alphornspieler, der schon in mehreren Teilen der Welt die Schweiz repräsentieren durfte.
Im Laufe der Zeit setzte sich Kunz das Ziel einmal an einem eidgenössischen Jodlerfest teilzunehmen. «Um sich für das Eidgenössische zu qualifizieren, muss man an Wettbewerben der Unterverbände teilnehmen. An diesen traditionellen Veranstaltungen spielt man Lieder und erhält von der Jury eine Note von 1 bis 4.»
«Da bin ich dann aber auf die Welt gekommen, was man alles beherrschen muss für ein Eidgenössisches. Wer richtig traditionell spielen will, muss viel mehr können, als einfach schön metrisch zu spielen. Da kann man kein Metronom danebenstellen. Wer so spielt, fällt gleich durch. Es braucht gute Technik, aber auch sehr viel Gefühl. Man muss beides miteinander verbinden. Wenn man diese Musik nicht fühlt, klingt es furchtbar!

Samuel Kunz in seiner Tracht und mit einem seiner drei Alphörner.

Konzerte und Innovationen

Heute erhält Kunz nicht nur Anfragen aus der Schweiz. «Aus Deutschland und Österreich hin und wieder, selten auch aus Japan. Da gibt es einige Schweizer, die eine Alphorngruppe aufgebaut haben. In Kanada gibt es auch einen Schweizerverein. Das wird dann ein zukünftiges Projekt, dort eine kleine Tournee zu organisieren.»
«Meine Kunden lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Viele haben noch einige Tage vor einem grossen Anlass die Idee, sie könnten doch einen Alphornspieler engagieren. Bei dieser Gruppe geht es nur um den Gag. Die zweite Gruppe von Kunden möchte die Schweizer Kultur zeigen und vermitteln. Denen ist auch sehr gute Qualität wichtig und sie sind auch bereit für so etwas Geld in die Hand zu nehmen.»
Vor einigen Jahren hatte Kunz einige Auftritte in Hong Kong. «Meine Tochter verbrachte ein Austauschsemester dort und lernte per Zufall den Schweizer Botschafter kennen. Als wir sie besuchten, organisierte der lokale Schweizerverein gleich vier Konzerte.»
Im Gespräch mit Kunz bekommt man schnell das Gefühl, nur noch an einem eidgenössischem Jodlerfest könne man die richtige und ursprüngliche Schweiz entdecken. Aber auch in einer von Tradition geprägten Gemeinschaft wie der Alphornszene, lässt sich der Fortschritt nicht aufhalten. «Die Weiterentwicklung des Alphornes ist in den letzten 20 Jahren extrem voran getrieben worden.», erklärt Kunz. So bietet ein Instrumentenbauer aus Yverdon ein Alphorn aus Carbon an. «Meine Frau hat mir eins zum Geburtstag geschenkt. Zusammengeklappt ist es etwa 40 cm lang und hat ein Gewicht von 1.3 Kilogramm.»
Es werden nicht nur neue Werkstoffe verwendet, auch die grundsätzliche Form wird zum Teil überarbeitet. Namhafte Alphornisten wie Balthasar Streiff haben ein Saxophon-geformtes Alphorn entwickelt – das Alpofon.

Balthasar Streiff mit seinem selbst entwickelten Alpofon.

Das konstruierte Nationalsymbol

Trotz aller Innovation und langen Traditionen darf man nicht vergessen, dass das Alphorn, wie wir es heute als Nationalsymbol kennen, ein Konstrukt ist. Realität und Mythos liegen weit auseinander. «Eigentlich wurde das Alphorn zu einem nationalen Symbol gemacht. Als man im 19. Jahrhundert nach Alphornspielern gesucht hat, hat man gar keine mehr gefunden. Aus diesem Grund hat man die ganzen Verbände gegründet und damit das Jodeln und Alphornspielen institutionalisiert. So richtig gegriffen hat das Ganze aber erst im 20. Jahrhundert», erzählt Streiff. «Die meisten Kompositionen, die man heute spielt, sind erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Diese Stücke sind nicht in diesem Sinne traditionell, wie wir uns das vorstellen, wenn wir von Tradition reden»
Für Kunz jedoch ist es ein Nationalsymbol: «Die Schweiz definiert sich über die Alpen und das Alphorn gehört definitiv in die Alpen und darum ist es auch ein Nationalsymbol.»
Egal ob es nun wirklich «typisch Schweiz» ist oder nicht: Solange es Menschen gibt, die das Alphorn  herstellen und spielen, wird es in der Köpfen der Menschen ein Nationalsymbol bleiben