Sie untersucht Täter- und Opferpsychologie; Dr. Revital Ludewig vom Institut für Rechtswissenschaft und Rechtspraxis über das Gute und Böse im Menschen und die Ursprünge der Klischees der HSG.

In Gehdistanz zur Uni treffen wir Dr. Ludewig in ihrer Wohnung am Rosenberg. Hier wohnt sie mit Ehemann und Tochter auf zwei Etagen. Die Aussicht auf das schöne St. Gallen ist beeindruckend. Eine Katze streift durch die Wohnung, bleibt aber auf sicherer Distanz. «Normalerweise zeigt sie sich nicht gleich bei der ersten Begegnung mit Gästen», merkt Ludewig an, als sie uns ein Glas Wasser einschenkt.

Gatter- oder Dufourstrasse?

Revital Ludewig ist seit 18 Jahren an der HSG. Seit zwei Jahren sind sie und Ihr Mann Schweizer Bürger, wie sie uns erzählt: «Wir mussten eine Prüfung machen. Wir mussten sogar die Busstationen kennen.» Beide haben gut abgeschnitten. «Ich hatte Dank des korrekten Namens der Busstation einen Punkt mehr als mein Mann», erzählt Ludewig mit einem Lächeln. Als Vorbereitung auf den Einbürgerungstest hat sie sogar den entsprechenden Kurs besucht. Nicht etwa, weil Ludewig den Test sonst nicht geschafft hätte: «Es war wunderbar und spannend zu sehen, wie eine Lehrerin Ausländerinnen und Ausländern, die teilweise keine Schulbildung hatten, das Rechtssystem der Schweiz mit Rechten und Pflichten erklärt», schwärmt Ludewig von damals.
Zusätzlich musste Sie noch belegen, dass Sie überhaupt Deutsch spricht. «Ich habe dann einfach einen Artikel von mir aus der NZZ eingereicht», führt Ludewig amüsiert aus.

Die Elite vom Rosenberg

Die Klischeereiterei zu Lasten der HSG und ihren Studierenden geht auch an Ludewig nicht unbemerkt vorbei: «Ab und zu muss ich die HSG rechtfertigen und sagen: Nein, sie sind nicht so schlimm, wie man denkt», erzählt sie und analysiert die Beweggründe: «Da in St. Gallen die Maturitätsquote nur 15 Prozent beträgt, gehören die Studierenden per se zu einer Bildungselite.» Zudem gibt es einen alten Streit in Verbindung mit dem Bau des Hauptgebäudes, denn es bestand die baurechtliche Auflage, dass dieses nicht zu weit in die Höhe gebaut werden darf. Man wollte wohl verhindern, dass die Universität allzu prominent auf dem Rosenberg über der Stadt thront. Die strikte Selektion für ausländische Studierende bestärke das Klischee einer abgehobenen Elite.
Zu guter Letzt macht die Psychologin einen weiteren Grund für die Vorverurteilung der Uni aus: Die Schwerpunkte liegen in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. «Beide Gebiete sind häufig mit der Assoziation verbunden, viel Geld verdienen zu wollen», analysiert Ludewig. Deshalb begrüsse sie auch die Weiterentwicklung der Uni in den Studienrichtungen Medizin und Internationale Beziehungen.
Ihre eigene Tochter, welche zurzeit ihre Matura in St. Gallen macht, will dennoch nicht an die HSG. «Ich versuche sie immer davon zu überzeugen, dass es durchaus viele, nette, interessante und auch idealistische junge Leute an der HSG gibt.»
Dr. Revital Ludewig unterrichtet an der HSG auf einem einzigartigen Gebiet: der Rechtspsychologie. Ihr Kurs «Psychologische Begutachtung für die Rechtspraxis: Einführung in die Rechtspsychologie» kostet die Teilnehmenden fast immer ganze 500 Bidding-Punkte. «Ja, der Kurs ist sehr gut besucht», kommentiert Ludewig zufrieden. Die Studierenden seien sehr engagiert, trotz der komplexen Thematik fern der Wirtschaftswissenschaften.
Sie gibt einen Einblick in die Täter- und Opferpsychologie: «Wir unterhalten uns im Kurs über sehr grundlegende Fragen des Lebens, wie etwa, ist jeder Mensch Gut und Böse zugleich oder gibt es gute und schlechte Menschen.» Auch die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge spielt eine zentrale Rolle im Seminar: «Jeder von uns lügt im Schnitt 25 Mal am Tag», sagt Ludewig und relativiert gleichzeitig: «Meistens handelt es sich dabei aber um die prosoziale Lüge, deren Ziel eigentlich «positiv» ist: Wir lügen, um andere nicht zu verletzen, aus Höflichkeit oder um unsere Privatsphäre zu schützen.» Ganz die Dozentin illustriert Ludewig das Konzept der prosozialen Lüge mit einem plastischen Beispiel: «Wenn ich meinen Mann, fünf Minuten bevor wir das Haus verlassen müssen, frage, ob ihm mein Kleid gefällt, wird er wahrscheinlich ja sagen und das Kleid vermutlich loben, auch wenn es ihm nicht gefällt, damit ich mich wohl fühle» und fügt hinzu «und natürlich auch damit wir rechtzeitig zu unserer Verabredung kommen.»

Zwischen Gut und Böse

Auch Ludewig ist kein unbeschriebenes Blatt: «Als Kind habe ich einmal Süssigkeiten gestohlen und wurde erwischt. Das war mir sehr unangenehm.»
Ihr eigene Antwort auf die Frage nach dem Guten und Bösen im Menschen erklärt sie anhand einer Anekdote aus ihrem Beruf, der Opfer- und Täterbefragung: «Zwei junge Männer wurden von einer 20-jährigen Bekannten beschuldigt, sexuell übergriffig geworden zu sein.» Die Herausforderung sei hier im Einzelgespräch und die Analyse des Gesprächs die Wahrheit zu ergründen, denn es gab keine weiteren Zeugen. Es stand eine Aussage gegen die andere Aussage. «Die beiden Herren sagten aus, dass es in keiner Weise zu einem sexuellen Kontakt gekommen ist.» Der angehende Jurist und der angehende Polizist machten einen gepflegten und sympathischen Eindruck. «Ich wusste, ich muss ganz hart arbeiten, um die Aussagen objektiv zu beurteilen», beschreibt sie die Herausforderung in den mehrstündigen Explorationen mit der jungen Frau. Die Analyse zeigte: Die Aussage des Opfers war sehr glaubhaft.
Am Tag der Gerichtsverhandlung, an dem die von Ludewig verfassten Glaubhaftigkeitsgutachten hätten eingebracht werden sollen, folgte die grosse Überraschung: «Die beiden jungen Männer hatten nach dem Lesen des Gutachtens die Tat zugegeben, sich beim Opfer schriftlich entschuldigt und wollten es finanziell unterstützen», erzählt Ludewig. «Ich bin zu den beiden hingegangen, und habe ihnen die Hand gegeben: sie waren während der Tat, die 10 Minuten dauerte, schlechte Menschen. Danach stehen sie hin und empfangen die entsprechende Strafe. Zugleich haben sie Verantwortung für ihre Tat sowie gegenüber dem Opfer übernommen. Ich wünschte ihnen alles Gute für die Zukunft.»

«Ich nehme die Geschichten
mit nach Hause»

Wenn man im Beruf mit solchen Schicksalen konfrontiert wird, stellt sich schnell die Frage, wie man sich und sein Privatleben davon abgrenzt. Ludewig hat da eine klare Haltung: «Natürlich nehme ich die Geschichten teilweise auch mit nach Hause. Einfach am Feierabend die Haustüre abzuschliessen und alles auf Knopfdruck zu vergessen, ist eine moderne Idealvorstellung, die aber eigentlich realitätsfremd ist.» Psychologen und Juristen sind keine emotionslosen Roboter. «Wir sind Menschen, die anderen Menschen (Klienten, Parteien) in der Not fachliche Unterstützung anbieten und zwar mit Hilfe des erlernten Wissens aus der Uni.» In Seminaren hilft die Dozentin Richtern, KESB-Mitarbeitern, Polizeibeamten oder auch Mitarbeitenden des Staatssekretariats für Migration mit schweren Schicksalen, auf die diese im Beruf treffen, umzugehen und einzuordnen.
Gerade letzteres stellt die Mitarbeiter des Staatssekretariats für Migration vor eine riesige Herausforderung, wenn sie Asylsuchende befragen und die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen untersuchen müssen. Sie sollen herausfinden, ob die Aussagen des Asylsuchenden über die politische Verfolgung im Heimatland erfunden oder erlebnisbasiert sind. Die Mitarbeiter erkennen dabei nicht selten, dass die asylsuchende Person sehr wahrscheinlich politisch nicht verfolgt wurde, doch auf dem Weg nach Europa viel Leid und Angst erlebt hat. Kürzlich habe sie gar davon gehört, dass es Asylbewerber gibt, die dreitägige Vorbereitungskurse besuchen, damit Ihre Aussage vor dem Amt möglichst glaubhaft wirken werden, denn es gehe um viel, den Asylstatus des Befragten, sowie meist auch um denjenigen der ganzen Familie.
Ähnlich differenziert beurteilt Ludewig auch die Problematik des Ghostwritings von studentischen Arbeiten: «Es gibt offenbar eine Nachfrage nach solchen Dienstleistungen», es dürfe auf keinen Fall dazu kommen, dass gutbetuchte Studierende sich durch Geld einen Vorteil verschaffen können. In ihrer eigenen Lehrtätigkeit ist Ludewig aber noch nie damit in Berührung gekommen. «Ich versuche die Aufgaben für Seminararbeiten und Präsentationen als Vertiefung der Veranstaltung zu gestalten», und so schliesse sich die Möglichkeit aus, dafür einen unbeteiligten Dritten engagieren zu können.