Egal, ob während eines Praktikums im Ausland, oder während eines Flirts mit Austauschstudenten aus Lateinamerika – Wissen um die Unterschiede zwischen kollektivistischen und individualistischen Kulturen hilft.

Du gehst mit deiner Familie und deinen Grosseltern in ein Restaurant. Der Kellner bringt deinem Grossvater die Speisekarte und dein Grossvater bestellt für die ganze Familie. Wie würdest du das empfinden? Wärst du irritiert oder sogar genervt, da du nicht für dich selbst bestellen darfst? Oder wäre es für dich selbstverständlich, dass dein Grossvater als Familienältester diese Entscheidung trifft und dass er auch weiss, was für dich und den Rest der Familie am besten ist?

Zwischen Schutz und Verpflichtung

Die Beantwortung dieser Frage könnte gemäss Sozialpsychologen einen Hinweis darauf geben, ob es sich beim Antwortenden um einen Abkömmling individualistisch oder kollektivistisch geprägter Kulturen handelt.

In individualistischen Kulturen sind die Bindungen zwischen den einzelnen Individuen eher locker, jeder kümmert sich um sich selber und seinen engeren Freundes- und Familienkreis. Selbstverwirklichung hat zudem einen hohen Stellenwert inne.

In kollektivistisch geprägten Kulturen hingegen ist ein Individuum viel stärker in eine Gruppe eingebunden, es wird füreinander gesorgt. Als Korrelat zu diesem stärkeren gesellschaftlichen Schutz besteht dann auch die Notwendigkeit, sich stärker an gewisse gesellschaftsinterne Regeln zu halten.

Wenn dich das Verhalten des Grossvaters in der vorhin geschilderten Szenerie erstaunt hat, bist du wohl in einer individualistischen Kultur aufgewachsen. Du bist es dir gewohnt, deine Meinung direkt zu äussern. Du hast vielleicht ein Umfeld, in welchem Karrierepläne und Backpacking-Reisen durch Südostasien oder Lateinamerika sowie exotische Freizeitbeschäftigungen diskutiert werden.

Hast du dich über das Verhalten des Grossvaters gar nicht gewundert, bist du wahrscheinlich eher in einer kollektivistischen Kultur grossgeworden. Deine Familie kommt ursprünglich aus dem asiatischen, arabischen oder auch lateinamerikanischen Raum und du bist es dir gewohnt, dass Entscheidungen oft gleich für die ganze Gruppe getroffen werden. Zudem ist es für dich nicht so wichtig, dich mit deinen Erfahrungen und deinem Erscheinungsbild von der Masse abzuheben, sondern du strebst danach, dich gut in die Gesellschaft einzufügen.

Management und interkulturelle Kompetenzen

Unterschiede aufgrund eines auseinandergehenden Verständnisses des Zusammenspiels von Mensch und Gesellschaft müssen auch in der Arbeitswelt beachtet werden. In der Schweiz ist es üblich, einzelne Mitarbeiter für ihre Leistungen zu loben und auch das Talent einer Person explizit wertzuschätzen.

Besonders in asiatischen Kulturräumen stehen aber die Leistungen eines Teams im Vordergrund. Arbeitnehmer leisten Überstunden und verzichten auf Ferien, um keinerlei Zweifel zuzulassen, dass sie sich voll und ganz für das Unternehmen einsetzen. Eine Wertschätzung eines besonders grossen Talentes eines Individuums bleibt da zumeist aus.

Abfallentsorgung einfach erklärt

Indirekte Kommunikation ist insbesondere im asiatischen Raum angesagt, um die Harmonie zu wahren. Sind staatliche Behörden den Abfall auf den Strassen leid, wird in der Werbung beispielsweise eine Familie gezeigt, die mit Küchengeräten hantiert und dabei versehentlich einen Blumentopf vom Fensterbrett herunterstösst. Ein klarer Hinweis darauf, den Abfall vorschriftsgemäss zu entsorgen, wäre in Europa vielleicht angebracht, aber in China nicht unbedingt.

Bei indirekt transmittierten Nachrichten wird der Einzelne nicht blossgestellt. Das ist für ein harmonisches Miteinander stark förderlich. Von Bedeutung sind die gewonnenen Erkenntnisse auch in der kultursensiblen Psychotherapie. Bei kollektivistischen Völkern, die in Vergangenheit oft Verfolgung und Gewalt ausgesetzt waren oder immer noch sind, muss das kollektive Trauma des Volkes auch in die Behandlung miteinbezogen werden.

In Europa wird man grundsätzlich in eine individualistische Kultur hineingeboren. Wobei aber zwischen den einzelnen Ländern, Regionen und Situationen immer noch Unterschiede zu bestehen vermögen. Griechenland ist weniger individualistisch geprägt als Deutschland und die Schweiz. Ein in der Schweiz wohnhaftes Kind, das von Eltern aus einem anderen Kulturkreis aufgezogen wurde, unterscheidet sich nichtsdestotrotz vom Durchschnittschweizer in seinem Verständnis von Gemeinschaft.

Europa ist nicht die Welt, und die Vorstellung, dass jede Kultur dem Individuum eine ähnliche Bedeutung zugesteht, ist verfehlt. Kollektivistische Kulturen machen mit über 90% immer noch klar die Mehrheit aus.

Für die Entwicklungshelfer unter euch

Von Bedeutung mag sein, dass vor allem ärmere Länder kollektivistisch sind, wohlhabende Länder hingegen eher individualistisch. Der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Individualismus wurde noch nicht genügend erforscht, um klare Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Der Schluss liegt nahe, dass sich erst eine wohlhabende Gesellschaft leisten kann, individualistisch zu sein. In ärmeren Regionen dieser Welt sind die Abhängigkeitsverhältnisse stärker ausgeprägt und der Einzelne profitiert zugleich stärker von einem sozialen Auffangnetz.

Die finanziellen Verhältnisse alleine vermögen diese Unterschiede zwischen den Kulturen noch nicht zu erklären. Auch die historische Entwicklung einer Gemeinschaftsstruktur vermag dafür Erklärungen anzubieten.

Es liegen zwar noch nicht alle Unterschiede, Kausalitäten und Korrelationen zwischen Gemeinschaftsstrukturen und anderen bestimmenden Elementen erforscht auf dem Tisch. Nichtsdestotrotz ist schon das Wissen um den Bestand solcher Unterschiede wertvoll für das interkulturelle Verständnis.

In ärmeren kollektivistischen Kulturen dieser Welt reichen Individuen zumeist mühsam verdientes Geld automatisch an die ganze Community weiter. Würde anstatt dessen das Geld auf die hohe Kante gelegt, um später ein eigenes Business aufbauen zu können, wäre das ein erster Schritt in Richtung effizienter Armutsbekämpfung.