Spitzensport und Studium – ein herausfordernder Balanceakt, der keine Zeit fürs Sofa übriglässt. Trotzdem denkt Mountainbike-Weltmeisterin Jolanda Neff nicht daran, auf die Normalität des Studiums zu verzichten.

Sie sind auf gutem Weg, die beste Mountainbikerin aller Zeiten zu werden. Inwiefern realisieren Sie
Ihren Erfolg?

Ich durfte sicher ein paar schöne Erfolge feiern. Man darf aber nie vergessen, dass unzählige Stunden Aufbau und Training dahinterstecken. Seit meinem ersten U23-Weltmeister-Titel (2012) sind bereits fünf Jahre vergangen. Grosse Erfolge brauchten meist mehrere Anläufe, in denen ich immer wieder etwas verbessern konnte. Wenn es sein müsste, könnte ich den Weg für einen solchen Erfolg wie den Weltmeister-Titel noch einmal gehen. Das gibt mir Sicherheit.

Wieso klappte es ausgerechnet in dieser Saison mit dem Weltmeistertitel?

In den vergangenen drei Jahren gewann ich im Frühling jeweils fast alle Rennen. Dieses Jahr gewann ich bis im Mai kein einziges – eine komplett andere Situation also. Vor der EM Ende Juli war ich guten Mutes und nahm mich dann mit einem Sturz selbst aus dem Rennen. Durch die erlittene Schulterverletzung sah ich mich gezwungen, den Fokus mitten in der Saison neu zu setzen. Danach konnte ich mich einen Monat lang gut vorbereiten, mit Qualität trainieren und das Weltcup-Finale in Italien gewinnen. Zwei Wochen später wurde ich Weltmeisterin in Australien.

Wie wichtig ist Ihnen die
Bestätigung eines Erfolgs?

Es ist immer ein anderes Paar Schuhe, etwas zum ersten, oder aber zum zweiten Mal zu gewinnen. Nach dem Gewinn des ersten Gesamtweltcups als jüngste Siegerin aller Zeiten war mir die Bestätigung extrem wichtig. Beim zweiten Mal ist der Wettkampf zwar derselbe, aber alles rundherum ist so viel schwieriger. Dreimal mehr Leute wollen dir einen Tipp geben.

Wiegt der eigens von Ihnen erzeugte Druck schwere als jener von aussen?

Den Druck machst du dir schlussendlich immer selbst. Da ich das, was ich tue, gerne mache, gibt es gar keinen eigentlichen Druck. Ich habe meine Ziele und möchte diese erreichen. Du bist derjenige, der im Endeffekt entscheidet, wie nahe du etwas an dich heranlässt. Wenn die Öffentlichkeit das Gefühl hat, ich müsse das Rennen gewinnen, will ich das in der Regel schon seit fünf Jahren. Deshalb fällt es mir relativ leicht, mit hohen Erwartungen von aussen umzugehen.
Ist verstärkte Abschottung gegenüber der Öffentlichkeit kein Thema?
Das wird schnell als arrogant oder hochnäsig aufgefasst. Du musst immer zu allen freundlich bleiben und für dich selbst wissen, was richtig ist. Irgendwann lernt man besser damit umzugehen, auch wenn es immer wieder aufs Neue eine Herausforderung ist. Dadurch, dass ich in den ersten drei Monate der Saison «nirgends» war, interessierte sich niemand mehr für mich.

Ihr Vater ist Ihr Trainer. Wie
häufig kommt es zu Konflikten?

Jeder Athlet ist individuell. Für den einen passt dieser Trainer-Typ, und für den anderen ein völlig anderer. Mit meinem Vater harmoniert es wunderbar. Er tickt ähnlich wie ich und weiss genau, wie er mir seine Inputs verklickern kann. Konflikte gibt es nie, er streitet nicht gerne. Ich möchte an der Situation nichts ändern. Von aussen scheint es so, dass er nur Trainer von mir ist, weil er gleichzeitig mein Vater ist. Er wird nie als der Trainer angeschaut, der mich zur Weltmeisterin machte.

Wie häufig empfinden Sie das
Training als Pflichtprogramm?

Ich gehe immer gern trainieren. Wenn ich an einem Tag nicht aufs Velo kann, gefällt mir das gar nicht. Schön ist, dass man beim Velofahren nicht ständig am Anschlag ist. Wenn flaches Erholungstraining angesagt ist, belastet dich das nicht sehr stark. Im Gegenteil: Es baut dich eher auf. Anschliessend fühlst du dich besser und frischer. Logischerweise gibt es aber auch harte Trainings, nach denen man erschöpft und glücklich ist.

Was tun Sie, um abzuschalten
und sich zu entspannen?

Das Problem ist: Ich habe keine Zeit dafür. Das Training ist meine «Erholungszeit». Als ich letztens bei meinem Bruder in der WG war, chillten alle auf dem Sofa. Erst da wurde mir klar, dass man das überhaupt kann (lacht). Mir fehlt es aber gar nicht, aufs Sofa zu liegen. Wenn ich Velofahren gehe, schaue ich, dass möglichst immer eine Kollegin oder ein Kollege mitkommen kann. Daneben würde ich mir trotzdem mehr Zeit mit Kollegen wünschen.

Wie formulieren Sie Ihre Ziele für
einen Grossanlass wie Olympia?

Die interne Formulierung der Ziele mit dem Trainer ist weniger zurückhaltend als die externe Formulierung in den Medien. Sobald du in den Medien einmal etwas sagst, hängen sie dich an dem auf und nehmen dich auseinander. Ich finde, dass es nur heisse Luft ist, über Ziele zu reden. Es macht viel mehr Sinn, über das zu reden, was du bisher erreicht hast. Beispielsweise ist als dreifache Weltmeisterin das logische Ziel Olympia. In Rio war mein Ziel gesund ans Rennen zu gehen – keine konkrete Platzierung.

Bei Olympia in Rio resultierte ein
8. Platz im Strassenrennen sowie
ein 6. Platz im Mountainbike.
Würden Sie rückblickend etwas
anders machen?

Im Frühling würde ich ein paar Sachen sicher anders machen. Nicht einmal weniger auf Strassenrennen setzen, aber vielleicht das Höhentrainingslager anders gestalten. Die Zeit in Rio würde ich etwas anders organisieren, auch in Bezug auf die Betreuer. Schlussendlich waren das meine allerersten Olympischen Spiele. Es ist ein Prozess, bis man weiss, wie das System «Olympia» funktioniert – ein Geheimrezept gibt es nicht.

Verletzungen während Grossanlässen machten Sie erst im Nachhinein
publik. Leidet da nicht die Glaubwürdigkeit darunter?

Ich weiss selbst nicht, ob ich das nochmals gleichmachen würde. Mir war es kurz nach dem Rennen einfach nicht möglich, das zu sagen. Ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, Ausreden für eine mittelmässige Leistung zu suchen. Im Rahmen meines Saisonrückblicks schrieb ich dann alles so, wie es war. Wie gesagt, es waren meine ersten Olympischen Spiele und ich habe Mühe damit, wenn mir dann vorgeworfen wird, in einem so bitteren Moment keine Erklärung abgegeben zu haben. Die nicht endenden Vorwürfe machen es schwierig, diese Enttäuschung abzuhaken.

Haben Sie direkt nach Abschluss der Kantonsschule mit der Aufnahme
eines Studiums geliebäugelt?

Nach der Matura war es für mich kein Thema. Während des letzten halben Jahres an der Kantonsschule habe ich mir jeden einzelnen Tag abgestrichen. Ich wollte nur noch trainieren und besser werden. Nach der Matura war ich drei Monate in Neuseeland, danach kam die Saison und im Anschluss daran durfte ich ins Sportmilitär. Das dauerte den ganzen Winter über. Dann war sogleich die Saison 2013 an der Reihe. Im nächsten Winter trainierte ich so gut wie noch nie. In der nachfolgenden Saison gewann ich erstmals den Gesamtweltcup. Es lief wie am Schnürchen und ich war Profisportlerin, bevor ich es selbst merkte.

Schlussendlich war Ihnen das Leben
als reine Profisportlerin doch zu
wenig erfüllend.

Im Winter 2014/2015 spürte ich, dass ich noch etwas für den Kopf brauche. Ich begann ein Fernstudium in Geschichte. Dieses war spannend und cool, aber organisatorisch unmöglich. Das Problem war, dass man an vier Samstagen pro Semester anwesend sein musste. Und Samstag ist Renntag. Ich habe tatsächlich Rennen abgesagt, um dort anwesend sein zu können. Auch im Olympia-Jahr wollte ich nach wie vor etwas für meinen Kopf tun. Ich lernte Spanisch. Das war cool, weil ich es mir selbst einteilen konnte. Es war «nice to have», hatte aber keinen klaren Weg. Dann kam die Idee eines regulären Studiums mit reduziertem Pensum auf.

Werden Sie die Doppelbelastung Studium und Spitzensport aufrecht-
erhalten?

Das Studium an der Universität Zürich (Anm. d. Red.: Geschichte im Hauptfach, französische und englische Literaturwissenschaften im Nebenfach) will ich unbedingt beibehalten. Es gibt mir die Möglichkeit, mich in einem Umfeld zu bewegen, indem es nicht um den Sport geht. Die Leute reden mit mir, weil ich neben ihnen im Vorlesungssaal sitze und nicht, weil ich Velofahre. Das gibt mir eine Normalität, die ich sehr schätze. Zudem gefallen mir die Strukturen, die mir das Studium gibt.

War die HSG für Sie eine Option?

Leider nein. Ich finde die HSG sehr cool und habe auch Freunde, die dort studieren. Der einzige Grund, der für mich dagegensprach: Es sind nicht meine Fächer – ich bin nicht der Typ für Wirtschaft und Zahlen.

Als 24-Jährige gehören Sie zu den
eher älteren Studierenden.

Auch mit meinen 24 Jahren komme ich mir nicht uralt vor an der Uni. Es kommt bestimmt niemand an die Uni und denkt von mir «Wow, die ist aber alt…» Ich werde sowieso immer jünger eingeschätzt. Ausserdem habe ich einen guten Grund, warum ich «erst» auf dieser Stufe des Studiums bin und das sind keine verhauenen Prüfungen.

Wie kommen Sie mit Druck
bei Klausuren zurecht?

Vor Prüfungen bin ich nicht so nervös. Im schlimmsten Falle erhalte ich eine schlechte Note. Weh tut das aber nicht.

Werden Sie an der Uni häufig
um ein Selfie gebeten?

Fragen nach Selfies oder Unterschriften gibt es eigentlich nicht. Ich spreche nicht über den Sport und versuche, eine möglichst normale Studentin zu sein. Ich geniesse es, mit meinen Mitstudierenden übers Studium sowie Gott und die Welt zu reden. Ich kenne genug andere Leute, mit denen ich über den Radsport sprechen kann.

Sie leben seit noch nicht allzu
langer Zeit in einer WG.

Ich wohne in einer für mich wirklich perfekten WG. Meine beiden Mitbewohnerinnen sind ebenfalls Olympionikinnen und verstehen den Sport bestens.

Sie sind glücklich als Single. Hätte
in Ihrem straffen Zeitplan ein Freund überhaupt Platz?

Also wenn er nur auf dem Sofa herumliegen will, würde es schwierig werden. Es wäre sicher einfacher, wenn er auch Velofahren würde. Ich habe wirklich nichts gegen Leute, die nicht Sport als liebstes Hobby haben. Vom Zeitmanagement her würde es einfach furchtbar kompliziert werden. Ich bin nicht direkt auf der Suche, weil dies zeitintensiv ist und ich auch nicht die grosse Partygängerin bin. Zurzeit sind meine Prioritäten anders gesetzt und ich habe auch nicht das Gefühl, etwas zu verpassen.

Aus welchen Gründen würden
Sie mit dem professionellen
Mountainbiken aufhören?

Es müsste viel passieren, bis ich mich gegen den Radsport entscheiden würde. Es wird eher so sein, dass ein äusserer Einfluss dazu führt. Familie kann ein Grund werden, ist aber noch weit weg.

Wo sehen Sie sich nach Ihrer
Profi-Karriere?

Klar mache ich mir die Überlegung: «Was fange ich danach mit dem Studium an?» Aber bis ich damit fertig bin, dauert es bestimmt noch fünf Jahre. Das ist eine lange Zeit und ich will mich jetzt noch gar nicht auf ein konkretes Ziel festlegen. Ich kenne aber Leute, die dasselbe studiert haben wie ich. Deren Beschäftigungen geben mir eine Zukunftsperspektive.