InterRail – Eine Hommage zum 45-Jahre-Jubiläum einer europäischen Institution

Als ich mir mit sechzehn mein erstes InterRail-Ticket gekauft hatte, warf ich zwei Paar Socken und eine Mundharmonika in den Rucksack. Meinen Eltern zeigte ich geistig den Stinkefinger, als sie am Bahnsteig meinem Zug hinterherwinkten. Für mich war InterRail, wie auch für Generationen von Studierenden, Spätpubertierenden und Rucksacktouristen vor meiner Zeit, eine Zutrittskarte zu einer sonst nicht aufzufindenden Welt aus Freiheit, Spontanität und Abenteuer.

InterRail als Reiseform entstand im Kontext einer Zeit, die diese Nachfrage nach Freiheit und alternativem Tourismus geradezu herausforderte. Im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich immer mehr Menschen Ferien im Ausland leisten. Junge Menschen der 68er Bewegung, welche keine Lust auf Badeferien in Rimini oder Benidorm hatten, trugen entscheidend zum Entstehen von alternativen Reiseformen bei. 1972, vor 45 Jahren, sprang auch eine Gruppe von west- und osteuropäischen Eisenbahngesellschaften auf diesen Zug auf und lancierte die erste InterRail-Fahrkarte.

Interrail als Lebensgefühl

InterRail stand – was mich anbelangt – für mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Eng damit verknüpft ist ein neues Lebensgefühl, welches sich durcheine gewisse Offenheit für Neues und durch Akzeptanz und Toleranz gegenüber seinen Mitreisenden auszeichnete. Anders als in Flugzeugen oder Bussen teilte man sich meistens ein 6er Abteil, und war mit wildfremden Menschen auf engem Raum zusammengeschlossen. Im Nachzug konnte es vorkommen, dass man neben einem dicken schnarchenden Mann oder einer Familie mit weinenden Babys schlafen musste.

Die zufälligen und unerwarteten Begegnungen auf InterRail-Reisen sind es, was diese Art zu Reisen von anderen unterscheidet. Dazu gehören Einladungen von Abteilsnachbarn zu Kamillentee, Wurststulle und im Osten nicht selten auch zu Hochprozentigem aus einer dubiosen Plastikflasche. Das Gespräch mit dem rumänischen Au-Pair in Schweden im Zug nach Kopenhagen wird mir genauso für immer in Erinnerung bleiben wie die Schicksale von marokkanischen Gastarbeitern auf dem Weg von Bilbao nach San Sebastián.

In Politik und Wissenschaft wird ab und zu diskutiert, ob und in welchem Masse Reiseformen wie InterRail zur Herausbildung einer europäischen Identität beitragen. Es gibt vereinzelte Vorstösse, die InterRail mit diesem Hintergedanken fördern möchten. So hat beispielsweise der bayrische EU-Parlamentarier Manfred Weber im Oktober letzten Jahres vorgeschlagen, dass Bürgerinnen und Bürger der EU als Geschenk zur Volljährigkeit einen kostenlosen InterRail Pass erhalten sollen. Die Idee wurde zunächst von vielen begrüsst, scheiterte danach aber in der Europäischen Kommission an den zu hohen Kosten.

InterRail hat nicht an Beliebtheit nachgelassen

Kostenfragen sind auch bei InterRail selbst ein stetes Thema: Durch die Liberalisierung des Busfernverkehrs sowie die Preisvorteile von Billigflügen hat InterRail in den letzten Jahrzehnten erhebliche Konkurrenz bekommen, welche die Preise teils massiv unterbieten. Dazu kommen andere Herausforderungen: Obwohl die Nachfrage und Auslastung von Fernverkehrszügen nach wie vor sehr hoch ist, haben viele nationale Eisenbahngesellschaften ihr Angebot mehr oder weniger stark reduziert. So hat beispielsweise die Deutsche Bahn ihr Angebot an Nachtzügen beinahe aufgegeben. Auch aus der Schweiz gibt es seit Jahren keine direkten Züge nach Barcelona oder Rom mehr. Die Eisenbahngesellschaften begründen dies mit den hohen Investitionskosten des (teils veralteten) Rollmaterials.

Trotz diesen Schwierigkeiten scheint der Mythos InterRail nicht an Beliebtheit zu verlieren, insbesondere unter jungen Leuten. Ein Blick in die Verkaufsstatistik bestätigt diesen Eindruck: Zwischen 2005 und 2015 hat sich die Zahl der verkauften Pässe von 100‘000 pro Jahr auf über 250‘000 mehr als verdoppelt. Dabei sind 4 von 5 Kundinnen und Kunden unter 27 Jahren alt.[i]

Daher bin ich nicht der Einzige, der die Institution InterRail auch heute noch schätzt. Ich werde auch in Zukunft meine Sommerferien mehrheitlich rollend verbringen. Weil nichts schöner ist als das rhythmische Rattern der Räder auf den Schienenstössen, während der Fahrtwind im Hochsommer für Abkühlung sorgt. Und weil grenzüberschreitende Freundschaften auch in Zukunft wichtig bleiben werden. Und weil grenzüberschreitende Freundschaften auch in Zukunft wichtig bleiben werden.

Anmerkungen:

[1] Zahlen auf Anfrage erhalten von der Pressestelle der eurail-Group