Die HSG ist bekannt für ihren Status als eine der führenden Wirtschaftsuniversitäten Europas.Trotz ihres vorwiegend auf die Wirtschaft zugeschnittenes Angebot verfügt die Universität über verschiedene Angebote, die den Studierenden auch humanistische und künstlerische Facetten zugänglich machen. Einerseits besteht an der HSG eine beachtliche Kunstsammlung mit Kunstwerken von berühmten Künstlern wie Alberto Giacometti oder Jean Arp, ohne dabei zu vergessen, dass die Architektur des Hauptcampus selbst einen kunsthistorischen Meilenstein des Brutalismus darstellt. Andererseits bietet die Universität auf Bachelor- und Master-Niveau Kontextstudien an, welche eine flächendeckende Vertiefung in andere Fachrichtungen ermöglichen, und dabei oftmals auch die Kunstwerke auf dem HSG-Campus miteinbinden. Im Frühjahrssemester 2017 ist ein neuer Kurs zum bisherigen Angebotskatalog der HSG dazu gestossen: „Kunst und Demokratie“ mit Prof. Tina Freyburg, die den Lehrstuhl für Comparative Politics innehat, ermöglichte den Studierenden, ihre „Wohlfühlzone“ zu verlassen und künstlerisch aktiv zu werden.

Auch wegen meines politikwissenschaftlichen und kunsthistorischen Hintergrunds wollte ich mehr über dieses „Neue Ding“ im Masterstudium erfahren und durfte dazu den ehemaligen MIA-Studenten Julian Vasiljevic befragen. Julian ist ein ehemaliger HSG-Student aus Berlin mit Bachelor- und Masterabschluss in International Affairs.

Wie unterscheidet sich dieser Kurs von anderen HSG-Kursen?

Im Vergleich zu anderen Kursen fiel Julian bei „Kunst und Demokratie“ sofort die enge Betreuung durch die Dozierenden auf, sprich zwei Dozierende (Tina Freyburg und Rebecca Welge) und ein Bildhauer (Friedhelm Welge). Die Struktur des Kurses erschien auch nicht so streng wie er dies manchmal in anderen Kursen erlebte; als Studierender erhielt man relativ viel Raum, um sich einzubringen, mitzumachen und sich kreativ zu betätigen. Ein Teil der entstandenen Bilder sind übrigens im Unigebäude an der Müller-Friedbergstrasse 8 (5. Stock) zu sehen.

Was lernt man in einem solchen Kurs?

In einem ersten Schritt wurde den Studierenden zuerst das politikwissenschaftliche Grundwissen über die relevantesten demokratischen Theorien vermittelt. Die darauffolgende Anwendung – wie man Demokratie in Kunst „hineininterpretiert“ und dann künstlerisch umsetzt – entpuppte sich als ein etwas schwieriger Schritt. Zu diesem Zweck suchten sich die Studierenden ein paar Kunstwerke an der HSG heraus, mit der Aufgabe die unterschiedlichen Demokratiemodelle anzuwenden. In Julians Fall war dies die Giacometti Skulptur im 2. Stock im Hauptgebäude, die er mit dem liberalen Demokratiemodell verband. Die Verbindung zwischen Kunst und Demokratie diskutierten die Teilnehmer auch am Leben und Werk von Joseph Beuys. Dieser hat sich durch seine Kunst aber auch neben seiner Kunst stark für seine politische und demokratische Überzeugung eingesetzt. Das darauffolgende künstlerische Schaffen sollte den Studierenden die Möglichkeit geben, ihre eigenen Auffassungen der Demokratie in eigenen Kunstwerken zu reflektieren und diese dann auch im angemessenen Umfeld auszustellen. Zum Abschluss des Praxisworkshops haben alle Teilnehmer zusammen ein grosses Gemälde entworfen. In dieses Werk flossen die erworbenen künstlerischen Fähigkeiten, aber auch das entwickelte demokratische Verständnis mit hinein. Nach Julian hatte der ganze Prozess, dieses Werk zu kreieren, auch etwas Demokratisches an sich. Es ging um Diskussionen, Entscheidungen, Kompromisse, Arbeitsteilung und ein gemeinsames Ergebnis. Das Ergebnis fand er sehr beeindruckend. Er hätte von sich selbst nicht gedacht so etwas einerseits malen zu können und andererseits auch so viel Freude daran zu haben. Für Julian war der Lerneffekt sehr gross im künstlerischen wie auch in der Wahrnehmung von Demokratie.

Was ist Kunst und Demokratie?

Julians Meinung nach gibt es einen riesigen Interpretationsspielraum zum Tandem „Kunst und Demokratie“. Beispielsweise kann ein Kunstwerk einerseits mit Demokratie in Verbindung gebracht werden, andererseits kann man die Demokratiefrage auch auf den Kunstmarkt anwenden. Bei Gerhard Richters Werken wird meist der Preis über den Markt bestimmt und oft weiss man nicht, wer da die Fäden in der Hand hat. Bei solchen Vorgehensweisen kann es natürlich auch undemokratische Elemente entfalten. Der deutsche Bildhauer Friedhelm Welge hat den Studierenden besonders bei der Interpretation der Kunstwerke und dem Entwickeln und Ausdruck von Kreativität unter die Arme gegriffen.

Herausforderungen?

Da es sich um die Erstauflage handelte, war es für die Dozierenden interessant zu sehen, wie ihr Konzept ankommt und wie weit man mit den Studierenden im Thema Kunst gehen kann. Beim politikwissenschaftlichen Theorieteil musste man sich ausführlich mit den verschiedenen Theorien auseinandersetzen und im kunstangewandten Teil haben Studierende und Dozierende gleich viel dazu beigetragen, da alle gemalt haben. Dabei musste man sich schon aus der Wohlfühlzone wagen. Vergleichsweise macht man in anderen HSG-Kursen, was man normalerweise so tut, man schreibt, man hält eine Präsentation oder absolviert eine Prüfung. Bei Kunst und Demokratie stand jedoch das individuelle politische Verständnis und das künstlerische Schaffen im Vordergrund, wobei das aktive Malen sich für Julian ein bisschen auch als Herausforderung entpuppte. Ein bisschen Selbstüberwindung schafft dem Abhilfe.

Warum sollte man einen solchen Kurs im Kontextstudium besuchen?

„Kunst und Demokratie“ war eine Veranstaltung, die man normalweise nicht an der HSG antrifft. Der Kurs war dafür ausgelegt, etwas Neues im Kontextstudium auf Masterebene auszuprobieren und kreativ aktiv zu werden. Inhaltlich lernt man viel zum Thema Demokratie und auf spielerische Art und Weise werden die Bildenden Künste erprobt und erlernt. Der Kurs soll auch ein Ansporn sein, sich mit der eindrücklichen Kunstsammlung der HSG gründlicher auseinanderzusetzen. Die Dozierenden planen, den Kurs erneut anzubieten.

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Über den Autor

Alexander Griesser promoviert derzeit an der HSG zum Thema Populismus und Kunstfotografie. Ausserdem arbeitet er als Wissenschaftlicher Assisstent und Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Spanische Sprache und Literatur (SHSS-HSG) und dem Centro Latinoamericano-Suizo (CLS-HSG).