79 Jahre prall gefülltes Leben, über 80 weitere Lebensgeschichten und die Gabe diese in mitreissende Wort zu kleiden – wer würde sich das schon entgehen lassen?

Es ist ein eisiger Dienstagabend, an dem sich hartgesottene Federica de Cesco-Fans und -Interessierte bis in den Raum für Literatur im Postgebäude am Bahnhof St. Gallen kämpfen. Wer in einer der hinteren Reihen sitzt, dem fällt auf, dass grau die dominierende Farbe auf den anwesenden Köpfen ist. Doch ist dies eindeutig ein Versäumnis unserer Generation, ein von der Universität organisierter Event mit dieser interessanten Persönlichkeit sollte uns durchaus den Weg vom Rosenberg hinab wert sein.
Federica de Cesco ist eine der bekanntesten Autorinnen der Schweiz und hat im Laufe ihres Lebens über 80 Bücher veröffentlicht. Derzeit hält sie eine vierteilige Vorlesung im Rahmen des Öffentlichen Programms der HSG – eigentlich zum Thema Freiheit, doch lässt sie sich ganz im Sinne dieses Themas nicht darauf beschränken, sondern spricht auch über ihr neues Buch, die Arbeit mit Lektoren und ist selbstverständlich für alle Fragen ihres Publikums offen. Schade nur, dass das Programm dieser öffentlichen Vorlesungen bei uns Studenten so wenig bekannt ist und genutzt wird.
Wer ein wenig zu Federica de Cesco recherchiert, der erfährt schnell, dass die Autorin in ihrem Leben schon in allerlei Ländern gelebt und den Rest bereist hat. Im Gespräch verrät die gebürtige Italienerin, dass es dennoch immer ein schönes Gefühl ist zurück in die Schweiz zu kommen, wo sie sich seit 60 Jahren heimisch fühlt. Davon abgesehen verspürt sie ihre Wurzeln in Japan – dem Land aus dem ihr Ehemann stammt und dessen Kultur sie fasziniert. Eine Zeit lang lebte sie auch beim Nomadenvolk der Tuareg, deren Lebensweise und soziales Gefüge allerdings heute durch den Einfluss des Islams, die Armut und kriegerische Auseinandersetzungen vollkommen zerstört seien, wie sie bedauernd anmerkt. Als sie das Volk damals kennenlernte, erinnerten sich die Menschen allerdings im Gegensatz zu heute noch sehr gut an ihre früheren Traditionen und Lebensweisen. Kurz nach der Scheidung von ihrem ersten Mann suchte sie Unterstützung bei einer Freundin, der Schwester des Amenokal, des Tuareg-Königs, die ihr riet: «Federica, du bist jetzt geschieden – das ist eine Erfahrung. Jetzt musst du dich vergnügen mit hübschen, jungen Männern. Und wenn du einen guten, jungen Mann findest, den heiratest du dann.»

Romantik unter Pariser Tischen

Genau diese Mentalität, das Leben ohne Einschränkungen zu geniessen, fand de Cesco äusserst lehrreich. Und den Rat der Freundin setzte sie auch prompt um, als sie ihren zweiten Ehemann, den japanischen Fotografen Kazuyuki Kitamura, traf. Die Geschichte dieses Kennenlernens klingt wie eine Sequenz aus einem heillos romantischen Film: Sie sitzt mit Freunden in einem Bistro in Paris, als zwei Japaner hereinkommen und sich am Nebentisch niederlassen. Der eine fällt ihr sofort auf, doch schaut er nicht zu ihr herüber. Um das Näherkommen irgendwie herbeizuführen, spielt sie mit ihrem Ring und lässt ihn ganz unauffällig unter seinen Tisch kullern, woraufhin er höflich mit ihr unter diesen kriecht. Und so findet das erste Treffen unter dem Tisch eines Pariser Bistros statt. Doch kurz danach verlässt der gutaussehende Japaner das Cafe und Federica de Cesco ärgert sich bereits über die verpasste Chance. Doch wie es der Zufall will, trifft sie ihn am nächsten Tag auf der Strasse, allerdings ist er eher verhalten und in Eile und sogleich wieder weg. Doch dann am dritten Tag läuft sie ihm erneut an der selben Stelle über den Weg. Dieses Mal geben sie dem Schicksal eine Chance und gehen essen.

Wenn sich das nicht als Drehbuch eignet!

Neugierde weckt die Autorin, als sie während der Veranstaltung von ihrem neuen, demnächst erscheinenden Buch erzählt und auch aus dessen Manuskript vorliest. Es basiert auf der wahren Geschichte einer ihrer deutschen Tanten, die sie immer für langweilig hielt. Doch dann entdeckte
sie in deren Wohnung drei Schuhschachteln voller Briefe, Fotos und Dokumente, die eine grosse, vergangene Liebesgeschichte dokumentieren. Die Tante arbeitete kurz nach dem Krieg für die britische Besatzungsmacht als Übersetzerin und lernte dort einen britischen Captain kennen und lieben. In groben Zügen folgt das Buch der wahren Geschichte der beiden, doch erlaubt sich die Autorin durchaus der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen. Während des Vorlesens fällt de Cescos wunderbar bildliche Sprache auf, beispielsweise als die junge Protagonistin auf einem Stuhl sitzend «selbst zum Stuhl werden will», um sich vor dem Briten zu verstecken, der sie gerade das erste Mal anblickt. Doch mehr soll hier nicht verraten werden, schliesslich wollen wir viel Spass beim Lesen lassen.
Woher nimmt die Schriftstellerin nur die Inspiration für ihre über 80 Bücher? Sie erklärt, dass es an gewissen Orten plötzlich eine unsichtbare Wechselwirkung gibt – einen Moment, der einen Funken in ihr zündet. Besonders fasziniert sie der Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, den sie beispielsweise in Japan so stark spürt, wo alle drei ineinander fliessen. Auch bei den Tuareg war ihr klar, dass deren Vergangenheit verloren geht und sie versuchte, einen kleinen Teil zu bewahren. Zudem inspirieren sie manche Personen und deren Geschichten, so wie die ihrer deutschen Tante, und werden als Ideal für Figuren in Büchern verwendet.

Schwacher, bösartiger Mann
statt starker Frau

Ein anderes Buch aus dem sie während der Vorlesung liest ist «Die neunte Sonne» aus dem Jahr 2015. Im Gespräch nennt sie dieses auch als eins ihrer Lieblingsbücher, obwohl es ihr einziges Buch war, das keinen Erfolg hatte. Sie vermutet, dass es an der Hauptfigur liegt, denn ihre Leser wollen für diese schwärmen können. Im Gegensatz zu ihren anderen Büchern handelt es sich hier um einen schwachen, bösartigen Mann und keine starke Frau. Das Buch handelt von einem deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg, der in China schwer traumatisiert und daraufhin in einem Kriegsgefangenenlager in Japan festgehalten wird. Dieses Lager wird von einem Nachkommen der Samurai geleitet, der sehr human mit seinen Gefangenen umgeht und das Leben fast wie in einem Ferienlager gestaltet mit Segelboot, Orchester und Tennisplatz. Und an diesem Ort, von diesem Orchester wird die neunte Sinfonie von Beethoven das erste Mal auf dem asiatischen Kontinent aufgeführt. Bei dieser Begebenheit handelt es sich tatsächlich um historische Wahrheit, was de Cesco zu dem Buch inspiriert hatte. In dem vorgelesenen Kapitel lässt die Autorin bereits anklingen, dass das Konzert das Trauma reaktiviert, doch erfährt der Zuhörer nicht, was weiterhin mit dem Protagonisten geschieht. Besonders interessant an dieser Passage ist, wie die Schriftstellerin es vermag, die Musik in Worten auszudrücken, sodass der Leser sich als Zuhörer fühlt.

«Hier habe ich das dritte
Mal geheult»

Sicher hat Federica de Cesco in ihrem Leben schon hunderte Komplimente zu ihren Büchern vernommen, doch berichtet sie von dem schönsten, welches ihre Lektorin ihr neben dem letzten Satz eines Manuskripts machte: «Hier habe ich das dritte Mal geheult.» Denn darum geht es der Autorin – sie möchte ihre Leser bewegen und Vorbilder schaffen. Kurzum: «Ich habe immer geschrieben, was ich gerne gelesen hätte. Der Zufall hat gewollt, dass es auch von anderen gerne gelesen wird.»