Ein Erlebnisbericht von Moritz Eichhöfer, Michael Festl und Petra Thiemann.

Wir brachen auf, um eine bedeutende Institution zu erkunden. So reisten 13 St. Galler Studierende aus 4 Master-Programmen Ende Juni 2008 ins Hauptquartier der Weltbank nach Washington. Bereits Monate im Voraus hatten wir uns mit Hilfe unseres Dozenten Pietro Veglio, dem ehemaligen Schweizer Exekutivdirektor der Weltbank, ein Bild von dieser komplexen Organisation gemacht. Einerseits stand und steht die Bank immer wieder im Fadenkreuz der Kritik. Ihre Kreditvergabe sei ineffizient, ihre Auflagen seien inadäquat, den betroffenen Staaten räume sie kaum Mitspracherechte ein, so lauten nur einige der Vorwürfe. Andererseits ist die Weltbank eine der grössten Errungenschaften auf dem Gebiet der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit, ein Hoffnungsträger für eine gerechtere Welt und nicht zuletzt der Traumarbeitgeber vieler junger Ökonomen.

«Money alone cannot solve the problem»

So traten wir unsere Entdeckungsreise mit einer entsprechenden Mischung aus Skepsis und gespannter Vorfreude an. In kleinen Gruppen hatten wir uns mit einzelnen Weltbank-Projekten beschäftigt. Wir hatten Projekt-Evaluationen, Zeitungsartikel, wissenschaftliche Aufsätze und Strategiepapiere durchforstet, um zu verstehen, was die Weltbank macht – auch, was sie falsch macht und was sie besser machen könnte. Die Themen reichten von der Arbeitslosigkeit in Kenia über die Infrastruktur in Indien bis hin zum Ärztemangel in Äthiopien. Veglio ermunterte uns, kritisch zu sein und gab wie so oft zu bedenken, dass «Money alone cannot solve the problem».

Multikulturelle Denkfabrik mit 7’000 «High Potentials»

Zwischen den Häuserschluchten im Zentrum Washingtons wirkt die Weltbank wie viele der anderen riesigen Verwaltungsgebäude, unspektakulär, die Fassade aus grauem Sichtbeton, unscheinbar der Besuchereingang. Drinnen betritt man dagegen ein lichtdurchflutetes, beeindruckendes Foyer. Im Weltbank-Gebäude arbeiten 7’000 «High Potentials» aus der ganzen Welt, eine multikulturelle Denkfabrik. Einige von ihnen hatten sich Zeit für unsere Arbeiten genommen. Wir waren positiv überrascht, wie intensiv sie unsere Themenpapiere gelesen hatten, wie detailliert sie zu unseren Meinungen Stellung nahmen und auf skeptische Fragen antworteten. Aber vor allem schätzten wir, wie (selbst-)kritisch und differenziert sie der Arbeit der Weltbank gegenüber stehen. Sie sind sich bewusst, dass es kein Patentrezept gegen die Armut gibt, sind aber stolz auf partielle Erfolge.

Nachhaltiger Eindruck

Die globalen Probleme beschäftigten uns auch über den Besuch der Weltbank hinaus. Wir diskutierten weiter – im Strassencafé, in der U-Bahn, in der Lobby unseres Quartiers und mit Weltbank-Mitarbeitern beim Nachtessen im Haus des Schweizerischen Exekutivdirektors Michel Mordasini. Spannende Impulse gaben uns auch die Besuche bei der Brookings Institution und dem Center for Global Development, zwei regierungsunabhängigen «Think Tanks», sowie der Besuch beim Internationalen Währungsfonds (IWF).
Nebenbei erkundeten wir auch die amerikanische Kultur. Gleich am ersten Abend erlebten wir die nationale Feier des «Memorial Day» vor dem Kapitol. Auch das Leben an einer ungewöhnlichen US-Bildungsinstitution bekamen wir am Rande mit. Untergebracht waren wir nämlich auf dem Campus einer Universität für Gehörlose, der Gallaudet University, wo sich sogar Mensamitarbeiter und Sicherheitspersonal mit Gebärdensprache verständigen. Zudem nutzten viele von uns den universitären Ausflug nach Washington als Sprungbrett für eine Reise durch die Staaten, zum Shoppen nach New York, zum Surfen nach Florida, und sogar an die Westküste.

Alles in allem gab uns das Seminar nicht nur einen intensiven Einblick in die Strukturen und Prozesse der internationalen Entwicklungshilfe, sondern auch Optimismus und Enthusiasmus angesichts der Überwindung globaler Probleme – für alle von uns eine einprägsame und bleibende Erfahrung.