Pro bezahlter Semestergebühr erhält der Verein Aiesec St. Gallen 1.50 Franken. Wofür das Geld verwendet wird, weiss die Universität nicht; Aiesec hält sich bedeckt.

Jedes Semester 1226 Franken. Dieser Betrag dürfte zumindest den Schweizer Bachelorstudenten der Universität St. Gallen nicht fremd sein: So viel bezahlen sie halbjährlich, um an der HSG studieren zu dürfen. Durchschnittlich kostet ein Studium an einer Schweizer Hochschule oder Fachhochschule gemäss Berechnungen des Bundesamts für Statistik aber rund 11500 Franken. Die Differenz zwischen tatsächlichen Kosten und Semestergebühren wird von Bund, Kantonen und Privaten getragen.

Drei Franken Mensa

Weniger bekannt hingegen ist, wie sich die Studiengebühren zusammensetzen, wohin die Beträge fliessen, welche Leistungen damit gedeckt werden. Ein Blick in die Gebührenordnung der Universität bringt Licht ins Dunkel. Von den 1226 Franken sind 1000 Franken sogenannte Kolleggelder. Damit werden die Grundleistungen gedeckt. Auf der Masterstufe ist dieser Betrag 200 Franken höher. Weitere 100 Franken pro Semester entrichten die Studenten für Prüfungsgebühren.
Punkt 1.4 im Gebührenreglement schlüsselt den Restbetrag, die eigentlichen Studiengebühren auf: Von 126 Franken werden 35 Franken für «Leistungen an die elektronische Kommunikation» verwendet, 24.50 Franken für die Services der Bibliothek und weitere Leistungen, weitere vier Franken gehen an die schweizerische Urheberrechtsgesellschaft. Schliesslich erhält die Studentenschaft (SHSG) 26 Franken pro errichteter Semestergebühr. Diese Beiträge werden für Projekte verwendet, welche allen Studenten zugutekommen.
Übrig bleiben nach dieser Rechnung noch 36.50 Franken, welche in die sogenannten «studentischen Selbsthilfeorganisationen» fliessen: 22 Franken für den akademischen Sportverband, zehn Franken für den Darlehens- und Stipendienfonds, drei Franken für die Genossenschaft Mensa. Letzterer Betrag wird für Aufwendungen wie etwa die Anschaffung eines Foccaccia-Ofens oder einer zweiten Kaffeemaschine im Bibliotheksgebäude verwendet. Summa summarum fehlen nun noch genau 1.50 Franken, um zum Total von 1126 Franken zu gelangen. Und wie es scheint, gibt es weder einen Rechenschaftsbericht, einen Geschäftsbericht, noch irgendwelche Informationen, die aufzeigen würden, wofür diese 1.50 Franken genau verwendet werden.

Seit 1955 jährlich 1.50 Franken

Was bekannt ist: Der Betrag von 1.50 Franken geht an den studentischen Verein Aiesec St. Gallen. Aiesec ist eine internationale Non-Profit-Organisation, welche internationale Praktika und Volunteering-Programme für Studenten organisiert. Aiesec St. Gallen war die erste schweizerische Ortsgruppe der Organisation und wurde 1951 durch HSG-Studenten gegründet.
Es drängt sich die Frage auf, warum eine international organisierte Vereinigung, die in 127 Ländern präsent
ist – oder zumindest deren Niederlassung in St. Gallen — Gelder erhält, die gemäss Gebührenordnung der HSG in «studentische Selbsthilfeorganisationen» fliessen. Schliesslich sollten die Gebühren für Projekte verwendet werden, von denen alle Studenten profitieren können. Die Antwort liegt im Jahr 1955. Damals hat die Studentenschaft den Gebührenanteil für Aiesec von 1.50 Franken beantragt und dieser wurde gutgeheissen. Die rechtliche Grundlage ist also vorhanden.
Man rechne: Im Jahr 1955 waren 572 Studenten an der HSG eingeschrieben, heute sind es 8  337. Seit 62 Jahren erhält Aiesec St. Gallen pro Jahr drei Franken aus jeder bezahlten Semestergebühr. Angeglichen an die jeweiligen Studierendenzahlen sind das bis heute über den Daumen gepeilt über 550  000 Franken, die über die Jahre in die Kassen von Aiesec St. Gallen flossen.

Keine Rechenschaft

Zugegeben, der Betrag von 1.50 Franken an sich ist unbedeutend klein. Was jedoch erstaunt: Aiesec muss weder gegenüber der Universität noch gegenüber den Studenten Rechenschaft darüber ablegen, für welche Projekte der Verein jährlich die rund 24  000 Franken ausgibt. Beim Aiesec St. Gallen Präsidium heisst es nur: «Wir überlassen es der Universität, die spezifischen Empfänger und Summen der Gelder zu kommentieren.» Bei der Universität weiss man indes nichts von einem Rechenschaftsbericht, den Aiesec abliefern müsste: «Es besteht unseres Wissens von Seiten Aiesec keine Verpflichtung eines jährlichen Reportings gegenüber der Universität», sagt HSG-Sprecher Marius Hasenböhler-Backes. Einzig die Budgets muss Aiesec dem Beirat vorlegen. Aber auch in diesen ist nicht ersichtlich, welchen Gegenwert die Studenten konkret für ihren Beitrag von 1.50 Franken erhalten.
Im Klartext heisst das: Entweder will Aiesec St. Gallen sich nicht über die Verwendung der Gelder äussern, oder aber man weiss nicht im Detail, für welche Projekte die Beiträge der Studenten verwendet werden. Beide Szenarien sind problematisch, handelt es sich hierbei doch um studentische Gelder, die Aiesec seit 1955 jährlich zufliessen. Man darf erwarten, dass die Studenten ein Anrecht darauf haben, zu erfahren, wohin ihre Beiträge fliessen.

Unbefriedigende Intransparenz

Dass die Aussage von Aiesec St. Gallen unbefriedigend ist, findet auch SHSG-Präsident Mario Imsand: «Hinter Aiesec steht ja eine Stiftung, die für die Projekte von Aiesec Gelder spricht. Sollte es sich hierbei auch um studentische Gebührengelder handeln, müssen die Studierenden transparent über deren Verwendung informiert werden.» Auch ein Blick in den Geschäftsbericht von Aiesec Schweiz hilft nicht weiter. Ausgewiesen für das Vereinsjahr 2014/2015 wird lediglich ein Verlust von 34  008 Franken bei einer Bilanzsumme von 119  000 Franken. 2013/2014 belief sich der Verlust auf 12  533 Franken.
Der jährliche Zustupf von rund 24  000 Franken durch die HSG-Studenten, welcher gemäss Aiesec die effektiven Kosten bei weitem nicht decken würde, wird vor dem Hintergrund dieser Zahlen in ein anderes Licht gerückt. Hinzu kommt, dass Aiesec St. Gallen gemäss Aussagen mehrerer Studenten bis vor rund vier oder fünf Jahren auf dem Rosenberg ein ganzes Haus als Büroräumlichkeiten besetzte. Später wurde das Büro auf zwei Räume in den «Gründercontainern» unterhalb der Bibliothek reduziert. Heute hat Aiesec St. Gallen noch einen Büroraum. Das Geld schwindet, die Büros werden geräumt. Und nach wie vor wissen die HSG-Studenten nicht, was mit ihrem Beitrag passiert.

Wunsch nach mehr Unterstützung

Nicht zu leugnen ist, dass Aiesec mit seinen Projekten eine noble Sache unterstützt. Neben der Vermittlung und Koordination internationaler Praktika und Freiwilligeneinsätze, war Aiesec St. Gallen auch massgeblich an der Gründung der HSG Talents Veranstaltung beteiligt. Darum besteht auch eine Vereinbarung zwischen dem Career Service Center der Uni und Aiesec St. Gallen. Details dazu sind allerdings nicht zu finden.
Frappant ist, dass jegliche Transparenz über die Verwendung der studentischen Gelder fehlt. Bei Aiesec St. Gallen ist man sich dessen wohl nicht bewusst: Man sei dankbar für die Unterstützung, welche man erhalten würde. «Wir möchten die Universität und die SHSG ermutigen, die Förderung zu erhöhen – nicht nur für uns, sondern generell für die Vereine an der Universität», sagt die Präsidentin von Aiesec St. Gallen. Man glaube, dass die Verbreitung von Events und Aktivitäten über mehrere unabhängige Vereine und Clubs einen gesunden Wettbewerb schaffe, welcher letztlich zum «besten Resultat für alle Studenten und die Universität führt — im Gegensatz zur Konzentration der Aktivitäten bei der Administration oder der SHSG».
Zumindest von einer Konzentration der Gelder bei der SHSG kann aber nicht die Rede sein. Als offizielle Teilkörperschaft der Universität ist die SHSG zudem der Transparenz verpflichtet. Das bestätigt auch Mario Imsand: «Die Aktivitäten der SHSG sind für alle Studierenden gedacht, und wir sind bemüht, stehts im Interesse aller Studierenden zu handeln.» Man unterstütze Vereine in allen Belangen und biete mit den SHSG-Fonds auch die Möglichkeit zur finanziellen Förderung. «Wir fungieren als Verteiler, der sicherstellt, dass studentische Gelder transparent und bedarfsgerecht investiert werden können.»
Die Regelung der Kolleggelder, welche direkt an Vereine gelange, sei historisch gewachsen und in diesem Sinne eine Ausnahme. «Ich gehe davon aus, dass die Beiträgefür Aiesec gerechtfertigt sind und auch im Sinne aller Studenten eingesetzt werden», sagt Mario Imsand. «Eine Entscheidung, welche vor 62 Jahren getroffen wurde, bedarf sicherlich mal einer Überprüfung.» Erst auf wiederholtes Nachfragen heisst es bei Aiesec, die Gelder würden primär zur Unterstützung der «Praktika und Volunteering Möglichkeiten» verwendet. Es ist unklar, ob  von dieser Verwendung der  Gelder wirklich alle Studenten profitieren – wie es die Idee der Solidarität dieser Beiträge eigentlich vorsehen würde. Und ob das Geld wirklich für diesen Zweck eingesetzt wird.