Stellen sich auch die faulen und reichen Studenten allen Mühen des studentischen Lebens? Schreiben sie ihre Arbeiten selbst? prisma ging dem Gerücht «Ghostwriting an der HSG» auf den Grund und stiess auf handfeste Tatsachen.

Welcher Student kennt sie nicht, die Mühen, die das Verfassen einer akademischen Arbeit mit sich bringt? Auf der einen Seite bedeutet das Schreiben einer Dissertation, Master-, Bachelor-, aber auch schon Seminararbeit, einen beträchtlichen Zeitaufwand, den der Student neben dem herkömmlichen Vorlesungsbesuch oder der Arbeit erbringen muss. Auf der anderen Seite steigt der Stresspegel eines jeden Studenten, wenn der Abgabetermin näher rückt, die Arbeit aber noch nicht fertig ausgedruckt auf dem Schreibtisch bereitliegt. prisma ging der Frage nach, ob an der HSG wirklich alle Studenten diese Mühe auf sich nehmen, oder ob es auch solche gibt, die auf die kostenintensive und vor allem moralisch bedenkliche Alternative eines Ghostwriters zurückgreifen.

Jemand, der sich mit akademischem Ghostwriting bestens auskennt, ist Thomas Nemet. Im Jahr 2004 gründete der gebürtige Sachse mit ACAD Write seine eigene Ghostwriting-Agentur, die sich mittlerweile unter den grössten drei Agenturen im deutschsprachigen Raum etabliert hat. Seit er den Firmensitz vor sechs Jahren aus persönlichen Gründen in die Schweiz verschoben hat, ist ACAD Write die grösste professionelle Ghostwriting-Agentur der Schweiz.

2.4 Millionen Umsatz

Dass Ghostwriting mehr ist als ein ominöses Phänomen, von dem jeder schon mal gehört hat, wird mit einem Blick auf ACAD Writes Firmengeschichte ersichtlich: Über 8’600 Aufträge hat Nemets Agentur in ihrem elfjährigen Bestehen mittlerweile ausgeführt, gut 1’000 davon alleine während des letzten Geschäftsjahres. Das ergibt einen Umsatz von mehr als 2.4 Millionen Franken – Tendenz klar steigend. «Wir erwarten für das neue Geschäftsjahr eine Wachstumsrate klar im zweistelligen Prozentbereich», sagt Nemet. Um all diese Aufträge bewältigen zu können, beschäftigt der 44-Jährige gegenwärtig zwischen 250 und 300 freiberufliche Ghostwriter, die allesamt mindestens einen Masterabschluss besitzen. Er selbst hat mit dem Schreibenschon lange aufgehört und leitet ACAD Write als deren CEO.

Thomas Nemet sieht die Gründe für seine Erfolgsgeschichte hauptsächlich in der Akademisierung des Lebens: «Heute braucht man ja schon fast fürs Putzen einen Universitätsabschluss.» Dazu komme, dass Studenten von Professoren beim Schreiben einer akademischen Arbeit nur ungenügend unterstützt würden. «Sonst wäre der Einsatz eines Ghostwriters undenkbar.» Ausserdem habe nicht jeder Student neben dem herkömmlichen Vorlesungsbesuch noch die Zeit, sich dem Schreiben akademischer Arbeiten zu widmen, sei dies, weil er sich mit Hilfe eines Jobs das Studium selbst finanzieren muss, oder weil er sonstige familiäre Verpflichtungen hat.

Faules und reiches Klientel ist Klischee

Damit drängt sich die Frage auf, wie das Klientel eines Ghostwriters aussieht. Stimmt vielleicht sogar das Gerücht, dass sich an der HSG Söhne und Töchter reicher Eltern aus Faulheit vor dem Schreiben akademischer Arbeiten drücken und stattdessen einen Ghostwriter engagieren? «Das ist nun wirklich ein Klischee», erklärt Nemet. Von der blonden Supertussi bis zum Familienvater, der hundert Prozent arbeitet und daneben noch studiert, habe man praktisch alles. «In der Regel sind unsere Kunden aber Leistungsgeplagte und nicht einfach zu faul, um die Arbeiten selbst zu schreiben.»

Entspricht diese Argumentation wirklich der Realität oder dient sie dazu, ein moralisch bedenkliches Geschäftsmodell zu legitimieren? prisma hat nach Studenten gesucht, die schon einmal die Dienstleistungen eines Ghostwriters in Anspruch genommen haben, und sie nach ihren Motiven befragt. «Eigentlich habe ich früher immer alle Ar- beiten selbst geschrieben», erzählt ein Student, der anonym bleiben will und sich seine Masterarbeit fremdschreiben liess. Aufgrund familiärer Probleme habe er aber zu spät mit seiner Masterarbeit begonnen und diese nicht mehr in der vorgegebenen Zeit und Qualität fertigstellen können.

Ein anderer Student, der ebenfalls anonym bleiben will und seine Bachelorarbeit schreiben liess, rechtfertigt das Engagement seines Ghostwriters folgendermassen: «Neben dem Studium gehe ich mehreren anderen Tätigkeiten nach. Zum einen verdiene ich Geld, um mein Studium finanzieren zu können, zum anderen arbeite ich ehrenamtlich.»

Ob diese Aussagen repräsentativ sind, lässt sich schwer sagen. prisma liess es sich aber nicht nehmen, zumindest nachzurechnen, ob es sich für einen HSG-Studenten finanziell lohnen würde, seine Bachelorarbeit von einem ACAD Writer schreiben zu lassen. «Die Preise für akademische Arbeiten werden bei uns individuell berechnet», sagt Thomas Nemet. Dabei hänge der Preis grösstenteils von der Fachrichtung, der Universität, an der der Student studiere, und davon ab, ob die Arbeit einen quantitativen Teil beinhalte. «Eine HSG-Bachelorarbeit ist deutlich teurer als eine durchschnittliche Bachelorarbeit für eine andere Universität aus dem deutschsprachigen Raum, da die HSG extrem hohe Ansprüche an ihre Studenten stellt.» Eine durchschnittliche Bachelorarbeit kostet bei ACAD Write zwischen 4’500 und 5’500 Franken, für eine Masterarbeit sind es 10’000 und für eine Dissertation sogar 50’000 Franken.

Ghostwriter lohnen sich finanziell

An der HSG erhält ein Student für das Schreiben einer Bachelorarbeit 16 ETCS-Credits, was ungefähr 480 Arbeitsstunden entsprechen sollte. Wird angenommen, dass ein Student, anstatt die Bachelorarbeit zu schreiben, für 25 Franken die Stunde arbeiten geht, erhält man einen Wert von 12’000 Franken. Dieser Wert ist mehr als doppelt so hoch wie die 4’500 bis 5’500 Franken für eine durchschnittliche Bachelorarbeit. Daraus lässt sich schliessen, dass für einen HSG-Studenten das Engagement eines Ghostwriters selbst dann noch lukrativ wäre, wenn sich seine Bachelorarbeit im oberen Preissegment ansiedeln liesse.

Auch wenn Ghostwriting nicht omnipräsent ist: Es handelt sich um einen Millionenmarkt. Thomas Nemet schätzt das Gesamtmarktvolumen von Ghostwriting im deutschsprachigen Raum auf zehn bis zwanzig Millionen Franken. Dabei sei davon auszugehen, dass etwas weniger als die Hälfte der Nachfrage durch professionelle Ghostwriting-Agenturen abgedeckt würde. Der Rest werde durch Abkommen zwischen Studenten abgedeckt. BWL-Studenten würden den grössten Anteil an seiner Kundschaft ausmachen, gefolgt von Studenten anderer Geisteswissenschaften und Medizinstudenten.

Fremdgeschriebene Arbeiten sind eine Tatsache

Wie viele HSG-Studenten lassen sich aber nun konkret pro Jahr eine akademische Arbeit fremdschreiben? «Ich kann bestätigen, dass ACAD Write pro Jahr zehn bis zwanzig akademische Arbeiten für HSG-Studenten schreibt», so Nemet. Den Gesamtmarkt an der HSG würde er zurzeit maximal auf das Dreifache schätzen. Dazu müsse er noch sagen, dass nur knapp 15 Prozent seiner Kundschaft aus der Schweiz stamme. Der Löwenanteil von ACAD Writes Kundschaft komme weiterhin aus Deutschland.

Ghostwriting ist an der HSG also nicht nur ein Mythos, sondern Realität. Wie handhabt die Universität diese Problematik? In einer offiziellen Stellungnahme der HSG steht diesbezüglich: «Ghostwriting − ein Student reicht ein Werk in seinem Namen ein, das auf seinen Auftrag hin von einer anderen Person, einem sogenannten ‹Ghostwriter›, erstellt wurde − ist im Vergleich zu Plagiaten schwieriger zu erkennen.» Aus diesem Grund seien an der HSG auf verschiedenen Ebenen Massnahmen umgesetzt worden. Darunter fällt die klare Kommunikation, dass es sich bei Plagiaten und Ghostwriting um ein schwerwiegendes Vergehen gegen die Ordnung der Universität sowie die akademische Integrität handelt. Bei Zwischenbesprechungen soll klargestellt werden, dass sich die Studenten mit dem Inhalt auseinandergesetzt haben und im Falle eines Verdachts wird den Studierenden ermöglicht, sich mündlich zu verteidigen.

Trotz dieser Massnahmen erscheint es unwahrscheinlich, dass in Zukunft weniger HSG-Studenten auf die Möglichkeit eines Ghostwriters zurückgreifen werden. Jedenfalls wird auf das Herbstsemester 2016 das Kontextstudium an der HSG umstrukturiert, was eine Erweiterung der Schreibleistungen, die im Rahmen eines HSG Studiums erbracht werden müssen, zur Folge haben wird. Diese Tatsache wird zumindest die Zeit, die ein Student pro Arbeit zur Verfügung hat, nicht verlängern. Bleibt also einzig, an die Moral der Studierenden zu appellieren und zu hoffen, dass sich aus einem Gerücht mit Wahrheitsgehalt nicht plötzlich eine unliebsame Praxis entwickelt.

Illustration Eugénie Mathieu