Profs Privat mal etwas anders: prisma begleitet den Direktor des Instituts für Politikwissenschaft bei seinem abendlichen Workout und spricht mit ihm über ein Leben zwischen Europa und den USA, den HSG-Oktoberfesttisch und die Herausforderung, vor die er seinen Elektriker stellte.

Natürlich kommt man um das Thema nicht herum, deshalb fragen wir Professor James Davis gleich zu Beginn unseres gemeinsamen Workouts nach Donald Trump: Freut er sich insgeheim auch ein bisschen, weil der nun so viele neue Untersuchungsgegenstände liefert? «Nein, ich bin zu sehr Bürger und zu sehr der Meinung, dass die aktuelle Politik falsch ist. Aber Trump hat die Annahmen darüber, wie die zukünftige amerikanische Aussenpolitik aussehen wird, grundlegend verändert. Natürlich ist das für mich interessant.»

Ein Leben zwischen Europa und den USA

Nicht nur von Berufswegen dreht sich bei James Davis alles um transatlantische Beziehungen, sondern auch privat spielt sich sein Leben auf beiden Seiten des grossen Teiches ab: Eigentlich stammt James Davis von der amerikanischen Ostküste, vor allem die Familie seines Vaters ist in New England tief verwurzelt. Dieser war aber als Pilot der amerikanischen Luftwaffe in Deutschland stationiert. So verbrachte Davis einen Teil seiner Kindheit diesseits des Atlantiks und lernte Deutsch. Dass er nach seinem Studium in an der Michigan State University, an der Columbia University und in Harvard für seine Habilitation nach München ging, hatte aber andere Gründe: «Zu dieser Zeit platzte gerade die New-Economy-Blase. Die Unis mussten sparen und schrieben keine neuen Stellen aus.», erklärt uns Davis. Ein Freund machte ihn dann auf eine Ausschreibung der LMU aufmerksam, woraufhin er den Schritt zurück nach Deutschland wagte.

Harvard zweite Wahl?

Auch seine akademische Laufbahn verdankt er im Grunde einem ähnlichen Zufall: «Ich wollte nach meinem Studium an der Columbia University eigentlich in den diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten eintreten und hatte auch alle Aufnahmetests und Auswahlverfahren bestanden. Dann – das war zum Ende der Reagan-Ära – gab es aufgrund der Haushaltslage einen Einstellungsstopp und ich konnte keine Stelle antreten.» Vor diese Herausforderung gestellt entschied sich Davis zu promovieren. Als dann mitten während seiner Promotionszeit der Einstellungsstopp aufgehoben wurde, reizte ihn die Aussicht nicht mehr. Er trat ein Postdoctoral Fellowship bei Samuel Huntington in Harvard an.

Von Türen und Life Lessons

Die Gelassenheit, bei Herausforderungen und Planänderungen schnell umdenken zu können, ist ihm von diesen grossen und vielen weiteren kleineren Erlebnissen geblieben: «Ich kam immer wieder in einen Raum mit drei Türen, aber zwei waren verschlossen und so habe ich die dritte genommen», beschreibt Davis seine Erfahrungen. Es sei aber nicht so gewesen, dass er das Beste aus einer schlechten Lage hätte machen müssen: «Die Optionen, die sich mir auftaten, waren immer sehr interessant und reizvoll. Ich habe nicht das Gefühl etwas verpasst zu haben. Man darf seinen Kopf nicht darüber zerbrechen, was hinter den anderen beiden Türen gewesen wäre.»

Inputs aus den Vorlesungen

So hält er es auch, wenn er an seine Entscheidung, von München nach St. Gallen zu gehen, denkt: «Ich hatte damals ein Angebot der Uni Innsbruck. Das politikwissenschaftliche Institut dort wäre eigentlich grösser und renommierter gewesen. Aber ich entschied mich für die Uni
St. Gallen, weil ich das Gefühl hatte, dass sie mir mehr Möglichkeiten zur Entfaltung und zur eigenen Gestaltung bieten würde.» Die Kultur, das unternehmerische Denken und die Freiheit an der HSG schätzt Davis bis heute. Und überhaupt spielte Freiheit bei seiner Berufswahl eine entscheidende Rolle: «Ich geniesse es, die Freiheit zu haben, mich in meinem Job mit dem zu beschäftigen, was ich will. Ich suche mir aus, was ich lese und worüber ich schreibe. Ich könnte es mir nicht anders vorstellen.» Seine Forschung hat also immer auch etwas mit seinen persönlichen Interessen zu tun. Besonders wichtig ist es ihm, eigentlich Selbstverständliches zu hinterfragen. Dabei helfen die Fragen und Inputs von Studenten in seinen Vorlesungen. Unter Anderem aus einer Diskussion während eines Kurses heraus ist die aktuelle Kooperation mit dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport entstanden. «Der Student hat keine Widmung bekommen. Aber ich glaube wir haben ihm einen Job angeboten!», lacht Davis. Noch besser, finden wir.

In der Expertenrunde der Bundeskanzlerin

Auch mit Angela Merkel hat Davis schon zusammengearbeitet, im Rahmen seiner Tätigkeit als Mitglied der Expertenrunde des «Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin». Eine Anekdote aus dieser Zeit kann er uns nicht verraten, aber wie eindrucksvoll die Bundeskanzlerin in diesen Treffen war: «Es war eine Zeit, in der so viel Anderes passiert ist. Und ich dachte mir immer, dass der Zukunftsdialog nicht oberste Priorität haben könnte. Aber sie war auf jedes Treffen perfekt vorbereitet und konnte auf Stellen aus den Berichten verweisen. Das hat mich sehr beeindruckt.»

Ausgleich beim Sport

Dass sich prisma mit James Davis in der Sporthalle trifft, ist gar nicht so aussergewöhnlich. Wer regelmässig im Gym ist weiss, dass Professor Davis hier mehrmals in der Woche abends anzutreffen ist. Der Austausch mit den Studierenden hier gefällt ihm: «Die meisten Studis erkennen mich nicht , manche aber schon, Sie lassen mich dann aber in Ruhe, weil sie wissen, dass gerade keine Sprechstunde ist. Aber es ist auch schön zu sehen, wie Hürden fallen, weil es keine Hierarchie gibt. Man duzt sich, hilft sich gegenseitig hier und da, zum Beispiel beim Spotten. Das ist eine schöne Abwechslung.» Davis nutzt die Zeit beim Sport, um einen freien Kopf zu kriegen. Oft kommen ihm dabei neue Ideen oder er schafft einen Durchbruch bei Fragestellungen, bei denen es zuvor nicht weiterkam. Und natürlich geht es auch um das Training, auch wenn sportlicher Ehrgeiz nicht der Anreiz ist: «Ich möchte einfach den Verfall aufhalten!», lacht er.

Traditionen bewusst wahrnehmen

Der Jahresverlauf von James Davis ist geprägt von Traditionen. Während der Fastenzeit verzichtet er zum Beispiel auf Alkohol. Mit Religion oder Glaube habe dies aber weniger zu tun als mit der Bedeutung, die Traditionen und Rituale für ihn haben. Weihnachten verbringt er mal bei seiner Familie in den USA, mal kommt diese zu Besuch in die Schweiz. Aus seiner Zeit aus München ist Davis eine Vorliebe für das Oktoberfest geblieben. Jedes Jahr veranstaltet er dort einen HSG-Stammtisch für Professoren und Doktoranden. Ganz besonders ist für ihn auch die Herbstzeit, in der man sich in seiner Kindheit in New England traditionell auf einen harten Winter vorbereitete und die mit dem Höhepunkt Thanksgiving endet. Ein Thanksgiving Dinner veranstaltet er auch jedes Jahr und kocht für zwölf Personen. Der Zentraleuropäische Standardofen ist für solche Herausforderungen allerdings nicht gewappnet. «Ich brauche dafür zwei Öfen. Einen für den Truthahn und einen für die Beilagen. Wir haben also in unserer Küche tatsächlich zwei Backöfen installieren lassen. Und als ich den Elektriker fragte, ob auch zu dem zweiten einen Starkstromanschluss gelegt habe, winkte dieser ab und meinte, den bräuchte man nur, wenn man auf die Idee käme, die beiden Backöfen auch noch gleichzeitig zu verwenden. Und dann musste ich ihm klarmachen, dass es genau darum geht. Er war entgeistert.»