Michael Hanekes «Das weisse Band» versucht zu erklären, wie aus Jugendlichen später Nazis werden konnten

Es herrscht eine angespannte Stimmung im Haus des Pastors, als seine beiden ältesten Kinder zu Beginn des Filmes verspätet nach Hause kommen. Seine Begrüssung fällt dementsprechend karg aus: «Ich weiss nicht, was trauriger ist: euer Fortbleiben oder euer Wiederkommen.» Die Kinder ahnen, dass sie der Strafe nicht mehr entgehen können, und dennoch bitten sie um Verzeihung. Doch es ist nutzlos, der Vater hat sein Urteil gefällt. Zehn Peitschenhiebe wird er den beiden am nächsten Tag verpassen, und als besonderes Zeichen der Schande müssen die Kinder in den nächsten Wochen ein weisses Band tragen, als Symbol ihrer verlorenen Unschuld und Reinheit. «Ich dachte, dass in eurem Alter Sitte und Anstand genug in eurem Herzen herangewachsen ist, dass ihr solcher Erinnerung nicht mehr bedürft. Doch ich habe mich getäuscht.»

Eine trügerische Ruhe

Die Gefühlskälte der handelnden Personen, die gewaltsame Züchtigung als Form der Erziehung sowie der Glaube an die Macht der Autorität sind es auch, die man im weiteren Verlauf des Films immer wieder antrifft. «Das weisse Band» erzählt von einer norddeutschen Dorfgemeinschaft kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, die durch eine Reihe seltsamer Vorgänge aufgewühlt wird. Da stürzt der Dorfarzt mit seinem Pferd über ein gespanntes Seil und verletzt sich schwer, während der Sohn des Gutbesitzers am Tage des Erntedankfestes misshandelt wird. Und die Serie geht weiter: Eine Bäuerin stirbt bei einem Arbeitsunfall, der behinderte Sohn der Hebamme wird fürchterlich gequält, eine Scheune geht in Flammen auf und ein Bauernsohn findet seinen Vater aufgehängt im Stall. Doch um tatsächliche Aufklärung bemüht ist niemand, und so wirklich Sinn ergeben diese ganzen Verbrechen auch für den Zuschauer nicht. Alles Zufall? Ritual? Bestrafung? Und warum sind die Kinder immer in der Nähe der Tatorte? Man weiss es nicht, und es ist auch nicht wichtig. Vielmehr schafft der Film es, den Zuschauer nach einer halben Stunde in einen unglaublichen Sog zu ziehen, man wähnt sich fast als Teil dieser Dorfgemeinschaft, und ein unangenehmes, bedrückendes Gefühl geht von dieser trügerischen Ruhe und gleichzeitigen Angespanntheit innerhalb des Dorflebens aus.

Aus welchem Boden erwächst Radikalismus?

Der österreichische Regisseur Michael Haneke hat in einem Interview gesagt, dass ihn bei diesem Film besonders interessiert habe, aus welchen gesellschaftlichen Strukturen heraus politischer Radikalismus entstehen kann, ohne dabei konkret auf den deutschen Nationalsozialismus hinzuweisen. Der Nährboden für die Ideologie besteht in «Das weisse Band» aus Unterdrückung, Demütigung, Unglück und Leid, und genau das zeigt der Film. Aus diesem Blickwinkel heraus ist es ein kluges Meisterwerk von Haneke, das auch filmisch durch grandiose Schwarz-Weiss-Bilder und wirklich gute deutsche Schauspieler überzeugt. Aber besonders die düstere Stimmung, die der Film vermittelt, hinterlässt einen beklemmenden Eindruck – denn man spürt, die Katastrophe ist nahe.