Fünf Master-Studenten holten sich am Schweizer Kurzfilmfestival für Studierende in Fribourg den Preis für den «Best Content». Sie gewannen damit gegen zahlreiche Filmschulen – was nicht jedem im Publikum gefiel.

Es gibt viele HSG-Studierende, deren erklärtes Ziel es ist, in einem Beratungsunternehmen oder einer Bank ihr grosses Geld zu verdienen – und ein breites Lehrangebot, das dieses Bedürfnis nach Wohlstand perfekt bedient. Seit Jahrzehnten bildet die Universität St. Gallen Studierende in Wirtschafts- und Rechtsfächern aus, einen Master in Philosophie oder Astronomie wird nicht angeboten. Da macht es Sinn, dass die Wahrscheinlichkeit grösser ist, einen HSG-Abgänger als CEO im Bankenwesen statt als Abenteurer im Weltall vorzufinden. Doch dass die HSG abwechslungsreich und mehr als ihr Klischee ist, wurde einmal mehr von fünf MOK-Studierenden bewiesen. Sie haben im Frühlingssemester 2017 den Kontextkurs «Visual Storytelling: Von der Idee zum fertigen Kurzfilm» besucht und ein fünf-minütiges Werk konzipiert, produziert und schliesslich als Film-Festivalbeitrag eingereicht – und sich damit gegen zahlreiche Studierende von Filmschulen durchgesetzt.

Kunterbuntes Filmteam

Das fünfköpfige Filmteam bestehend aus Aline Weber, Anna Szymor, Baris Erdal, Fabian Markun und Violeta Torres weist nicht nur in deren Filmerfahrungen grosse Unterschiede auf. So begann ihre akademische Karriere von Filmwissenschaft, Publizistik, Psychologie, Spanisch bis hin zu Islamwissenschaft mit einer ganzen Bandbreite von verschiedenen Bachelor-Abschlüssen. «Ja, wir sind eine bunte Truppe», meint Anna im Gespräch, «dies zeigte sich auch während der Produktionsarbeiten.»
Zu Beginn des Semesters malten sich alle ein komplett anderes Bild aus, wie der Kurzfilm am Ende aussehen sollte. Vom Kurs vorgegeben war lediglich das Thema «am Rand». Wie sie dies umsetzten, zum Beispiel auch, ob der Film fiktionaler oder dokumentarischer Natur sein sollte, war den Gruppen selbst überlassen. Nach mehrwöchigem Brainstorming und der Hilfe der Dozenten Felix Seyfarth und Marius Born stand das Drehbuch ihres Films «The Caretaker» endlich: Constantin, ein verzweifelter Assessment-Student, wird während der Lernphase vom Hauswart Peter auf die Prüfungen vorbereitet, der sich nach etlichen Jahren im Hausdient der HSG quasi im 42. Semester befindet.
Die Arbeitsphase vom Drehbuch zum fertigen Film gestaltete sich ähnlich wie bei einer gewöhnlichen Gruppenarbeit. Alle Mitglieder übernahmen festgelegte Aufgaben, die bis zum Drehtag erledigt werden mussten, wobei alle in jedem Bereich ein wenig mitwirkten. «Dies ist bei professionellen Filmsets ein wenig anders,» erklärt Baris, der die Kameraführung während den Dreharbeiten übernahm. «Die Arbeit in der Filmindustrie ist normalerweise von einer strikten Hierarchie geprägt. Während den Drehtagen sind wir unseren Rollen schon treu geblieben, aber die passende Musik haben wir beispielsweise alle gemeinsam gesucht.» Rückblickend realisierte das Filmteam, dass während den teils stressigen Drehtagen das Glück sicherlich auch auf ihrer Seite war: Strahlend schönes Wetter begleitete die Filmcrew während der beiden Drehtagen, die Schauspieler Levi Rusterholz und Hans Gysi harmonierten gut miteinander – selbst die alte Latzhose, die kurz vor dem Dreh in einem Keller gefunden wurde, passte dem Hauswart wie die Faust aufs Auge.

Pfiffe gegen die Universität

Dass ihr Kurzfilm tatsächlich ins Programm eines Festivals aufgenommen, geschweige denn gewinnen würde, damit hatte niemand gerechnet: «Wir wollten uns in Fribourg einfach einen schönen Abend machen und das Festival geniessen, als plötzlich unsere Namen aufgerufen wurden.» Dies sei ein sehr besonderer Moment gewesen, da die anderen Kurzfilme aus Projekten von anerkannten Filmschulen stammten. Doch als bei der Preisübergabe bekannt gegeben wurde, dass der Gewinnerfilm von HSGlern produziert wurde, ertönten Pfiffe aus dem Publikum. Dies schien das Filmteam der Universität St. Gallen allerdings nicht allzu sehr beeindruckt zu haben – sie beschäftigten sich an diesem Abend mehr mit der sicheren Aufbewahrung ihrer Trophäe, die zwei Mal fast zu Bruch gegangen ist. Trotzdem kann an dieser Stelle auch einmal das Bild der toleranten Kunstschaffenden in Frage gestellt werden.

Bald ein HSG-Kurzfilmfestival?

Seit ihrem Erfolg in Fribourg durfte das Filmteam die Verantwortung für einige Videoprojekte der Universität übernehmen. Vor allem Baris kann sich gut vorstellen, in der Zukunft im Filmbereich tätig zu sein. Auch für Violeta ist klar: «Ich will nicht mein Leben lang in einem stieren Büro sitzen.» Doch vorerst würden Anna und Baris gerne als Präsidenten des KinoVereins ein Kurzfilmfestival auf die Beine stellen, um den vielen Filmen, die an der Universität im Rahmen des Kontextstudiums entstehen, eine Plattform bieten zu können.
Auch Felix Seyfarth, Dozent und Leiter des Media Labs, ist der Meinung, dass HSG-Studierende durchaus das Potenzial dazu besitzen, auch im künstlerischen Bereich erfolgreich zu sein: «Die Qualität der Filme, die im Kontextstudium kreiert werden, verbessert sich von Jahr zu Jahr ziemlich drastisch. Die Universität bildet zwar keine Regisseure aus, aber sie kann den Studierenden durchaus kreative Arbeitsprozesse beibringen, was beispielsweise bei einer reinen Management-Ausbildung sonst oft zu kurz kommt.» Trotz fehlender HSG-Studierenden im Weltall bietet die HSG somit weitaus mehr Diversität an, als man auf den ersten Blick vermuten würde.