Eine günstige Übernachtungsgelegenheit sagen die einen, eine Lebenseinstellung die anderen. prisma zeigt euch, wie die Onlinecommunity www.couchsurfing.org funktioniert und was sie alles bietet, wenn man sich darauf einlässt.

Wir hatten ausgemacht, dass du nächste Woche auf meinem Sofa schlafen kannst. Leider muss ich dir nun absagen, denn ich bin dann doch nicht in Izmir. Meine Mutter hat gesagt, sie hätte Sehnsucht nach mir, und deshalb bin ich nächstes Wochenende in unserem Sommerhaus in Burhaniye. Wenn du willst, kannst du mich gerne begleiten. Das Haus liegt am Meer, und die nächste Stadt, Ayvalik, bietet wie Izmir ebenfalls viel zu entdecken.

Was klingt wie eine Nachricht unter engen Freunden ist in Wirklichkeit die Kommunikation zwischen zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben und erst seit einer Woche über Internet in Kontakt stehen. Kennen gelernt haben sie sich durch die Onlinecommunity www.couchsurfing.org, weil er, der Verfasser, sein Sofa Fremden als Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung stellt. Sie, die Adressatin der obigen Nachricht, möchte ebendieses Sofa als Schlafstätte nutzen.

Weltweit tun es den beiden über drei Millionen Mitglieder gleich: Sie stellen ihr Sofa oder Bett zur Verfügung, nutzen eine der weltweit angebotenen Schlafgelegenheiten oder tun beides abwechslungsweise. Zwar kann man auch nur Gastgeber oder nur Gast sein, letzlich basiert das Prinzip jedoch auf Gegenseitigkeit.

Täglich gewinnt die Community mehr Mitglieder und die Anzahl angebotener Schlafgelegenheiten wächst pro Minute durchschnittlich um fast ein Bett, eine Hängematte oder ein Sofa.

Mehr als nur gratis schlafen

Was sich wie eine Möglichkeit anhört, während Erkundungszügen durch die weite Welt günstige Schlafgelegenheiten zu finden, ist für viele Anhänger des Couchsurfing wesentlich mehr. Die Faszination bei dieser Art zu Reisen liegt nicht im Schlafplatz selber, sondern im direkten Eintauchen in die Kultur des Reiselandes sowie das Leben des Gastgebers. Sofort steht man mit Einheimischen in Kontakt und erlebt das Reiseland viel intensiver und authentischer, als wenn man es auf eigene Faust erkunden würde. Man sieht, was den Gastgeber im Alltag beschäftigt und was diesen Alltag prägt. Man begleitet ihn zu Ausflügen oder Anlässen, wodurch man auch seine Familie und sein Umfeld kennen lernt.
Beispielhaft ist hier das Erlebnis einer Couchsurferin in der Türkei: Weil ihr Gastgeber eine Gemeinschaft religiöser Derwisch-Tänzer kannte, konnte sie einer Sufi-Zeremonie beiwohnen, die heute kaum mehr stattfindet. Wenn überhaupt, werden solche Tänze sonst als Touristen-attraktion arrangiert und müssen teuer bezahlt werden.

Offenheit & Neugier zählen

Durch diese Nähe zu Einheimischen profitiert man also automatisch von deren Wissen über die lokalen Zustände – man erfährt und erlebt Dinge, die kein Reisender sonst wahrnimmt. Dies setzt jedoch beim Reisenden und auch beim Gastgeber voraus, dass sie sich auf neue Leute, Kulturen und Erfahrungen einstellen können und diesen offen gegenüberstehen. So sind sich auch viele Couchsurfer in ihrer Denkweise ähnlich: Offenheit, Neugierde und Unkompliziertheit sind für die meisten Communitymitglieder kennzeichnend und prägen die gesamte Plattform. Der Leitsatz «Participate in Creating a Better World, One Couch at a Time» zeigt, dass es um weit mehr geht als um den praktischen Aspekt: Menschen verschiedenster Kulturen sollen sich kennenlernen, Freundschaften sollen sich entwickeln und gegenseitiges Verständnis soll entstehen. Durch die unmittelbare Nähe zu anderen Communitymitgliedern werden Erlebnisse ermöglicht, die man als normaler Reisender – oder auch als Gastgeber bei sich zu Hause – sonst niemals hätte.

Damit will www.couchsurfing.org dazu beitragen, dass sich Menschen rund um die Welt miteinander verbunden fühlen und die gegenseitige Gleichgültigkeit vermindert wird. Ob ein solcher Frieden jemals Realität wird, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass man ihn dank der Couchsurfing-Community zu sich nach Hause auf die Couch einladen kann.