Der universitäre Ansatz, die Digitalisierung aufzugreifen, kann nicht als Revolution bezeichnet werden. Warum der evolutionäre Ansatz besser zum HSG-Markenkern passt, eine Auslegeordnung.

Eine Universität ist keine Institution, die wie die Kirche als bremsendes, gesellschaftliches Korrektiv versuchen sollte, Menschen in sich immer schneller drehenden Zeiten Halt durch Glauben bieten zu wollen. Es ist ein Ort, der seine Funktion als Denk- und Forschungsplatz in der Gesellschaft wahrzunehmen hat, um mit qualitativ hochwertiger Forschung und Lehre Antworten liefern zu können, die für Orientierung bei evidenzbasierten Entscheidungen sorgen.
Auf der Senatsklausur in Appenzell Ende September wurde alles dem Motto «Digitalisierung» untergeordnet. In Workshops diskutierte man, wie Studierende und Lehrende mit entsprechendem Rüstzeug ausgestattet werden können, um noch besser für diesen Wandel befähigt zu werden. Der Bedarf, in diesem Bereich deutlich mehr tun zu müssen, Kompetenzen auf- und auszubauen, Wissen neu zu organisieren und für eine Aufwertung dieses Themengebiets zu sorgen, ist allen bewusst.

Gefühlte Langsamkeit vs. unüberschaubare Realität
Wenigen Studierenden geht dieser Wandel schnell genug. Dies liegt jedoch oft an einer beschränkten Sichtweise auf diesen Themenkomplex. Zwar würde es wohl keinen überraschen, wie wenig Studenten an der HSG programmieren können, aber diese Fähigkeiten sind vorhanden. Entsprechende Kurse, in denen man das Programmieren von Apps oder den Umgang mit Java lernt, werden bereits angeboten. Ursprünglich sollte dieser Artikel angereichert werden mit hippen Grafiken, wie viele Kurse bereits die Digitalisierung aufgreifen, aber derartige Statistiken existieren noch nicht. Gemäss It-Services der HSG sind sie aber «gefühlsmässig gestiegen». Dennoch gibt es eine Unzahl von Kursen, die uns ganz unterschiedlich auf diese Herausforderung vorbereiten. Nicht nur technisch, sondern vor allem durch eine Stärkung der Medien-, Methoden- und Sozialkompetenz. Wohl erst eine Zentralisierung der Kompetenzen und entsprechende Übersichtslisten würden die Entwicklung einer Gesamtsicht ermöglichen. Sie würde für Transparenz sorgen, aus der konkreter Handlungsbedarf ableitbar wäre.

Die Wirtschaftsuniversität Wien als Role Model?
Wer den Blick nach Wien wagen möchte, wird rasch feststellen, dass dort nicht nur eine architektonisch wunderschöne Wirtschaftsuniversität neben dem Prater entstanden ist, sondern, dass diese inzwischen auch eine hochintelligente IT-Infrastruktur aufweist. Die für Studierende zweifelsohne angenehme Online-Lernwelt, die «Learn@WU» genannt wird, ermöglicht es, einen Grossteil des Bachelorstudiums fernab des Campus (im stillen Kämmerlein) zu absolvieren. Als «Präsenz-Kompensation» wird ein 3-ECTS Kurs angeboten, der «Soziale Kompetenz» heisst. Im Schnitt fallen 25 Prozent durch und die Durchschnittsnote pendelt sich immer tiefer bei «gerade noch ausreichend» ein. Das hört sich schräg an? Ist es auch.
Daher würden wir trotz veränderter Marktbedingungen gut daran tun, uns nicht Hals über Kopf in die Online-Welt zu stürzen. Denn in unserer Lehre kommen viele Elemente vor, die zeitlos sind. Diese sollten auch erhalten bleiben. Eine Fernuni wird nie eine Bildungsstätte werden, sondern lediglich ein Massenausbildungsbetrieb. Die Kultur, die bei uns über Generationen gewachsen ist, in den Vereinen gelebt und vom Konzept der Präsenzuniversität getragen wird, ist Teil des Markenkerns der HSG. Soziale Fähigkeiten können durchaus theoretisch vermittelt werden, aber ohne Praxiserprobung sind sie nicht mehr wert, als das Papier, auf das sie gedruckt worden sind.
Vielleicht passen Videovorlesungen in ausgewählten Phasen des Studiums tatsächlich zu uns. Packen wir jedoch gleich die grosse Giesskanne aus, könnte im Handumdrehen eine völlig neue Landschaft auf dem Rosenberg entstehen, die schon bald ohne Studierende auskommt, weil sich alle online ihren Content ziehen. Das sollte keine Vision der HSG sein. Daher passt die schrittweise Vorgehensweise, die es ermöglicht, die Kausalität zwischen Massnahme und Auswirkung herzustellen.

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Lasset uns gemeinsam…
Für ein Gelingen macht die Mobilisierung der ganzen Organisation Sinn. Jene Professoren, für die Digitalisierung noch Neuland ist, müssen bereit sein, sich weiterzubilden. Aber auch wir Studierenden sollten mit noch mehr Energie entsprechende Kurse nachfragen. Zudem werden wir als Kollektiv bei dieser permanenten Herausforderung kaum umherkommen, unsere Strukturen agiler zu gestalten. Der eingeschlagene Weg der Universität, uns bei dieser Entwicklung mitzunehmen, folgt einem afrikanischen Sprichwort: «Wenn du schnell gehen willst, geh allein. Aber wenn du weit gehen willst, geh mit anderen.»
Wichtig hierbei ist es, das Ziel und unsere Kernkompetenzen nicht aus den Augen zu verlieren, um keinen Identitätsverlust zu erleiden. Der typische HSGler – wenn es ihn denn gibt – wird sicherlich nie in einer staubigen Garage zwischen Pizzakartons vor sich hin basteln, sondern mit seinen Kommilitonen und Professoren Bestehendes kritisch reflektieren und weiterdenken. Bevorzugt auf dem Rosenberg. Es wäre doch erstrebenswert, dass wir weiterhin im Miteinander uns in Empathie, Ethik und Kreativität üben, bevor diese Fähigkeiten eines Tages als Software auf unseren Maschinen laufen, die uns das laktosefreie Frühstück ans Bett fahren und der letzte Rest an Menschlichkeit automatisiert ist.
Solange uns Siri und Google weder lieben noch den Sinn des Lebens erklären können, hilft es, sich in der non-virtuellen Welt, auch Realität genannt, zurecht zu finden.

Illusrationen Larissa Streule