In verstaubten, alten Gebäuden werden Theorien gelehrt, erforscht und weiterentwickelt, die keinen gesellschaftlichen Mehrwert haben. Stimmt das?

Pro

Maximilian Günnewig-Mönert sieht die Kritik an den Geisteswissenschaften als ungerechtfertigt. Komplementär zu den quantitativen, «exakten» Wissenschaften erklären sie das, was uns andernfalls verborgen bliebe.

Das gesellschaftliche Ansehen der Geisteswissenschaften leidet. Sie kommen als Luxus-Studiengänge daher, die keine exakten Ergebnisse liefern. Brauchen wir sie dann überhaupt noch, während uns Asien in Sachen Pisa weit überlegen ist? Sollten wir alle Ingenieure werden?

Dieser Vorwurf stilisiert die Geisteswissenschaften zu einem Hort der Kultur, dessen Antipoden, die Technik und die Ökonomie, als exakte Wissenschaften volkswirtschaftlichen Nutzen generieren. Die Geisteswissenschaften dagegen finden nur noch als unter Bestandsschutz gestellte Relikte Berechtigung. Doch dieser Eindruck trübt, da Geisteswissenschaften einen ökonomisch-gesellschaftlichen Nutzen haben. Gibt es jemanden, der Deutsch- und Fremdsprachenlehrer für unnütz hält? Wer bezweifelt, dass ein wirtschaftlich prosperierendes Land ein funktionsfähiges Rechtssystem braucht, welches sich durch Kritik weiterentwickelt? Sind Unternehmensleitungen nicht auch bei der Rekrutierung über kulturelle Standortfaktoren genau im Bilde und profitieren von der Attraktivität kommunaler Einrichtungen? Stellen wir wirklich die Ausbildung von fähigen Dirigenten und Theaterdramaturgen in Frage, wenn wir tourismuswirksame Spektakel besuchen?

Jenseits ökonomischer Verwertbarkeit

Dennoch scheint sich das hartnäckige Bild zu halten, dass die Notwendigkeit für Geisteswissenschaftler in Anbetracht der grossen Probleme des 21. Jahrhunderts eher gering ist. Klimawandel, Automatisierung und High-Frequency Trading erfordern Kenntnisse der Ingenieurs- oder zumindest der quantitativen Wissenschaften. Gemäss Pisa schneiden ostasiatische Länder in diesen Fächern erheblich besser ab, als europäische (wobei es Ausnahmen gibt), was immer wieder auf die quantitative Ausrichtung der dortigen Ausbildung zurückgeführt wird. Ferner verweist dieses Argument auf die Angst, im globalen Wettbewerb abgehängt zu werden. Sollen wir also auf die Geisteswissenschaften verzichten, um marktgerechte Arbeitskräfte zu produzieren? Oder sollten wir nicht eher die Freiheit und die Chance haben, das zu studieren und zu lernen, was wir wollen und wo unsere Begabungen liegen, jenseits ökonomischer Verwertbarkeit?

Wissenschaften die Sinn herstellen

Insofern unterliegt die vorgebrachte Kritik an den Geisteswissenschaften ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Der Philosoph Odo Marquard sprach davon, dass Geisteswissenschaften Sinn herstellen: Sie analysieren, gehen in die Tiefe, provozieren, überprüfen gesellschaftliche Vorgänge und suchen Präzedenzfälle geschichtlichen Handelns. Grade in Zeiten eigenartiger Geschichtsvergessenheit, Beschleunigung und postfaktischer Wissenschaftskritik sollten wir auf diese Qualitäten bauen und durch sie den Teil der Welt verstehen, der uns durch die Naturwissenschaften verborgen bliebe.

Contra

Andjelko Topic sieht die Kritik an den Geisteswissenschaften als angebracht. Wenn Europa nicht ganz hinter Asien zurückfallen will, ist es an der Zeit zu handeln.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie machen es mehr als deutlich. Während europäische Staaten mit einem starken Fokus auf «qualitative» Wissenschaften mässig abschneiden, befinden sich die ostasiatischen Länder, die ihre Schwerpunktsetzung an den «quantitativen» Wissenschaften ausrichten, im Spitzenfeld.

Sorabistik, Gräzistik, Onomastik, Afrikanistik, Christliche Archäologie, Keltologie, Tibetologie, Diakonik. Die Liste sogenannter hochspezialisierter geisteswissenschaftlicher Orchideenstudiengänge lässt sich noch weiter fortsetzten. Zudem wurden die Philosophie des Antiken Griechenlands, Mediävistik, die Geschichte des Byzantinischen Reiches seit dem 18. Jahrhundert permanent auf Universitäten europaweit gelehrt und die Existenzberechtigung im 21. Jahrhundert ist nach fast 300 Jahren Forschung und keinen weiteren neuen Erkenntnissen, laut dem ehemaligen OECD-Beauftragten und Schweizer Bildungs- und Globalisierungsexperten Toni Stadler mehr als fragwürdig. Über Jahrzehnte hinweg werden deshalb vor allem aus der Schweizer Wirtschaft immer mehr Stimmen laut, diese Studiengänge weiter einzudämmen und die dafür aufgebrauchten Ressourcen und finanzielle Mittel aus dem Bildungsbudget für Lehrstühle, Professoren und wissenschaftliche Assistenten, verstärkt zu volkswirtschaftlich «nützlicheren» MINT-Studiengängen zufliessen zu lassen.
Trotz der Vormachtstellung und der internationalen Reputation technischer Hochschulen, wie der ETH in Zürich oder der EPFL in Lausanne, wurden an Schweizer Universitäten im Jahr 2014 doppelt so viele Geistes- und Sozialwissenschaftler als Naturwissenschaftler ausgebildet. Der von den Hochschulen produzierte Output an Naturwissenschaftlern, kann die Nachfrage der Wirtschaft nach Programmierern, Ingenieuren und Chemikern bei weitem nicht befriedigen und die Schweiz ist vom Zuzug ausländischer Fachkräfte abhängig – ob sie es nun will oder nicht.  Den Naturwissenschaftler liefern mit ihrem technischen Know-how und ihrer Expertise die Patente, Errungenschaften und Antworten auf die Problemstellungen unserer heutigen Gesellschaft, wie Erderwärmung, Überalterung und der Energiewende. Stadler stellt die Frage, ob ein Lateinstudent den selben gesellschaftlichen Nutzen erfüllt wie ein Chemiestudent, der an Mitteln gegen Alzheimer forscht.

Promovierter Taxifahrer

Dieses hartnäckige Bild, dass die Notwendigkeit für Geisteswissenschaftler in Anbetracht der grossen Probleme des 21. Jahrhunderts, eher gering ist, scheint nicht komplett ungerechtfertigt zu sein. Ostasiatische Staaten wie China, Singapur und Japan zeigen diesmal den europäischen «humboldtschen Universitäten» klare Leitpfade, um im globalen Wettbewerb noch einigermassen mitspielen zu können. In der DACH-Region sind gesellschaftswissenschaftliche Studiengänge regelrecht überfüllt, weil Geisteswissenschaften oftmals eine Mittel-zum-Zweck Lösung vieler Maturanden sind. Anders in Asien, wo man dem gesellschaftlichen Nutzen vor dem Eigeninteresse den Vorzug gibt, um durch quantitative Wissenschaften einen positiven Mehrwert für die Gesellschaft zu bilden anstatt ein Slawistik- oder Soziologiestudent mit Taxischein zu werden.