Nebst dem stressigen Alltag suchen viele Menschen einen Weg, sich auf die «wichtigen» Aspekte im Leben zurückzubesinnen. Achtsamkeitstraining ist im Aufwind – doch was steckt hinter diesem Phänomen?

Heutzutage haben die Menschen keine Zeit. Sie leben nicht mehr wirklich, sind eher zu funktionierenden Wesen geworden, die von Wochenende zu Wochenende, von Ferien zu Ferien leben. Aber nicht von Tag zu Tag. Nicht von Moment zu Moment.
Wie kann man da sein Leben noch geniessen? Sind es nicht die kleinen Momente, die das Leben erst ausmachen? «Concentrate on the present moment», predigte bereits Buddha. Doch durch den andauernden Stress lebt der homo oeconomicus in seiner eigenen, kleinen Welt und trifft eigennützige Entscheidungen. Gezwungenermassen, denn er muss seine beruflichen und sozialen Pflichten erfüllen. Jedoch gibt es ein Rezept dagegen: «Achtsamkeitstraining». Bei den vielbeschäftigten Hollywoodstars ist es bereits der neuste Schrei. Angelina Jolie und Emma Watson sind begeisterte Fans von ihrer neu erlangten «mindfulness». Doch was steckt dahinter?
Es gibt zwei Definitionen von Achtsamkeit. Zum einen gibt es die Achtsamkeit, wie wir sie umgangssprachlich verstehen, dass man auf einander Acht geben soll. Dabei schenken wir anderen Menschen Zuwendung und sorgen uns um sie. Das Gegenteil von Egoismus also.
Wenn wir über die Achtsamkeit als Fähigkeit sprechen, wird das Konzept erweitert: «Du sollst jeden Augenblick bewusst wahrnehmen.»
Wenn wir in einem Moment vollkommen achtsam sind, sind wir uns unserer unmittelbaren Umgebung klar bewusst und nehmen ohne Vorurteile wahr, was in diesem Augenblick geschieht. Dadurch können wir Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle und alle weiteren Wahrnehmungen, ob angenehm oder unangenehm, so akzeptieren, wie sie sind.
Wann warst du das letzte Mal vollkommen bewusst im Hier und Jetzt? Die meiste Zeit sind wir in Gedanken und nicht bei uns selbst. Wenn wir einmal einen Moment zum innehalten hätten, haben wir immer noch das Mobiltelefon, das uns genügend Ablenkung liefert.

Ein Selbstversuch

Nimm bewusst deine Sehfähigkeit war. Schau dich um. Nimm bewusst deine Fähigkeit zu hören war. Was hörst du? Nimm bewusst deinen Körper war. Was fühlst du? Wer dies für eine bestimmte Zeit macht, wird bemerken, dass er schnell abgelenkt wird. Die Gedanken schweifen ab.
Dies ist genau der Moment, in welchem man mit dem Training ansetzen muss: Wir holen unseren Fokus wieder zurück. Das Gehirn muss dabei arbeiten. Stell dir bildlich vor, wie es die Gedanken zurückholt – ein wahres Fitnesstraining fürs Gehirn. Dies ist die Grundidee des Trainings.
Achtsamkeitstraining besteht aus Meditation, Yoga und Übungen im Alltag. Es erfordert einen gewissen Zeitaufwand, doch nur so lernen wir mit unserem Verstand zu arbeiten. Kürzlich wurde herausgefunden, dass Achtsamkeitsmeditation sogar die Strukturen im Gehirn verändert, welche unter anderem im Zusammenhang mit Selbstregulation und Resilienz stehen. Achtsamkeit ist ein anerkannter Fachbereich, so wird an der Oxford Universität einen Masterstudiengang in Achtsamkeitstherapie angeboten und viele Institute besitzen ein Zentrum für Achtsamkeit.

Stresssituationen bewältigen

Du sitzt im Auto und bist schon spät dran für eine wichtige Sitzung. Bei der Autobahneinfahrt stockt es, und plötzlich stehst du mitten im Stau. Ein Stressgefühl baut sich über dir auf wie eine graue Wolke. Deine Finger verkrampfen sich um das Lenkrad und du denkst nur noch an den wütenden Chef. Deine Gefühle nehmen Überhand und du verlierst den Überblick über die Situation. Schlussendlich kommst du mit einer Beule und einem Versicherungsschaden von 3’000 Franken davon.
Ganz anders wäre eine Person die Achtsamkeit trainiert mit dieser Situation umgegangen. Durch das Training ist der Mensch fähig, seine Gefühle nicht die Kontrolle übernehmen zu lassen und in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Indem sie sich seiner Umgebung klar bewusst ist, verliert eine achtsame Person ihren Fokus nicht.
Der achtsame Mensch hätte sich sogar ganz andere Gedanken gemacht: Ist niemand verletzt? Wird Erste Hilfe benötigt? Achtsamkeitstraining befähigt einen nicht nur, sich in entscheidenden Momenten zu fokussieren, sondern führt zudem zu einer empathischeren Grundeinstellung.

Ein Wundermittel?

Nebst der Stressreduktion berichteten Teilnehmer von Achtsamkeitsseminaren über viele weitere Vorteile, die sie aufgrund des Trainings erleben konnten. Durch die direkte Erfahrung des Augenblickes gewannen sie ein tieferes Verständnis für sich selbst. Achtsamkeit führt zu einer umfassenderen Sichtweise, die neue Perspektiven eröffnet. Ängste und Sorgen können sie einfacher ertragen und Lösungsmöglichkeiten für ihre alltäglichen Probleme einfacher finden, weil sie ihre Gedanken ordnen können. Sie sind sich eines Schmerzes bewusst, doch lassen ihn nicht ihr gesamtes Leben bestimmen.
Der achtsame Mensch ist allgemein zufriedener mit seinem Leben, denn auch wenn man alles hat – Familie, Freunde, Karriere – solange das Bewusstsein dafür fehlt, wird man immer eine gewisse Unvollständigkeit fühlen, was sehr frustrierend sein kann.
Es gibt sogar eine Studie, die darlegt, dass Erfolg im Leben nicht von Faktoren wie Intelligenz oder der Gesellschaftsklasse, welcher man angehört, abhängt, sondern von der Fähigkeit, den Fokus nicht zu verlieren. Aufmerksamkeit bildet die Grundlage für jeglichen Lernprozess.
«Achtsamkeit ist der Schlüssel zum Erfolg», behauptet so auch Anne-Marie Rossi, welche das Training durch ihre Non-Profit-Organisation «Be Mindful» für mehr Leute zugänglich machen möchte. Vor allem für Schüler und Studenten ist das Training hilfreich. Analog zur obig beschriebenen Situation im Auto kann sich der Student seine Gefühlslage in der Prüfungsphase vorstellen. Wer hat da nicht schon einmal die Kontrolle verloren und sah keinen anderen Ausweg mehr als sich für Stunden im Bett zu verkriechen, was dann jedoch den ganzen Lernplan auf den Kopf stellte? Das Gegenmittel lautet abermals Achtsamkeitstraining.
Auch das «achtsam sein», wie wir es umgangssprachlich verstehen, wird gefördert. Der achtsame Mensch ist einfühlsamer und kann besser auf seine Mitmenschen eingehen. Er ist nicht mehr nur auf sich selbst fokussiert. Ein achtsamer Mensch wird als Freund sehr geschätzt. Mehr Aufmerksamkeit bei den kleinen Dingen im Leben zaubert schnell ein Lächeln ins Gesicht des Gegenübers: Jede Frau freut sich darüber, wenn ihre neue Frisur bemerkt wird. Jeder Mann wünscht sich einen Kumpel, der sein Lieblingsbier kennt.

Eigeninitiative

«Sollen wir nun alle zu kleinen Buddhas werden?», fragst du dich nun vielleicht. Die Antwort lautet: «Ja, wieso nicht?» Achtsamkeitstraining bringt nur Vorteile für dich selbst, für den persönlichen Erfolg und die ganze Gemeinschaft. Deshalb wird er auch das First-Class-Ticket ins wahre Leben genannt.