Franco Buehlmann berichtet, wie er das CEMS Blockseminar «Corporate Sustainability & Strategy» in Filzbach (GL) (üb)erlebt hat. Er erzählt, warum ihn die ersten Tage an den Militärdienst erinnert hatten. Dass Shell eventuell einen Geheimplan gegen Fleischesser in der Schublade hat. Wie ein Seilbahnprojekt das HSG-Grün noch grüner werden lassen könnte. Und warum Klimaerwärmung nur ein Märchen ist.

Das CEMS Programm
CEMS (Community of European Management Schools) ist das Netzwerk von führenden Wirtschaftsuniversitäten und multinationalen Unternehmen in Europa. Auch die Universität St. Gallen gehört dazu. Der CEMS Master’s in International Management (CEMS MIM) kann zusätzlich zu einem «normalen» Masterabschluss erlangt werden. Dafür müssen neben dem Basis-Master-Programm zusätzlich spezielle CEMS Kurse, Skills Seminare und ein Blockseminar besucht und Business Projects durchgeführt werden. Ebenfalls muss ein Semester an einer der Partnerschulen und ein Praktikum im Ausland absolviert werden und es müssen zwei Fremdsprachen fliessend beherrscht werden. Der anspruchsvolle CEMS MIM soll zukünftige Manager mit interkulturellen und sprachlichen Kompetenzen ausstatten und sie so auf die Herausforderungen der global vernetzten Geschäftswelt bestmöglich vorbereiten. Das Curriculum wurde in Zusammenarbeit mit den Corporate Partners praxisnah entwickelt. Das CEMS Programm wurde im Financial Times Ranking «Masters in Management 2007» auf dem 2. Platz der europäischen Top 40 geführt.
Das CEMS Blockseminar
Das CEMS Blockseminar ist fester Bestandteil des CEMS Curriculum. Studenten und Professoren verschiedener CEMS Universitäten kommen zu Beginn des Herbstsemesters für einen einwöchigen Workshop zu einem ausgewählten Thema zusammen. Als CEMS Studierender hat man die Wahl, an welcher Universität innerhalb der CEMS Community man das Blockseminar absolviert. Die Themen variieren von Universität zu Universität. Das Blockseminar der Universität St. Gallen zum Thema «Corporate Sustainability & Strategy» fand vom 31.08.-05.09.2008 in Filzbach (GL) über dem Walensee statt. Organisiert und betreut wurde das Seminar vom Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ). Das IWÖ befasst sich mit der Erforschung der Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Natur und Gesellschaft im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung. Das IWÖ geht teilweise auch auf die umweltökonomische Studenteninitiative «oikos» zurück.

Mit 2 Stunden Schlaf ans Seminar

Nach nicht einmal zwei Stunden Schlaf versucht mich mein Wecker mit seiner nervigen Melodie zu wecken – anfangs erfolglos, dann aber doch mehr und mehr wirksam. Bis ich schlussendlich aufstehe. Zum Glück wohne ich nicht weit vom Bahnhof. Dort wartet der Bus auch schon. Auf Smalltalk habe ich heute keine Lust. Deswegen setze ich mich zuhinterst in die rechte Ecke. Und ich bin nicht der Einzige. Dass das Seminar zwei Wochen vor Semesterbeginn an einem Sonntagmorgen startet, ist unglücklich. Nicht nur, weil ich erst gerade aus dem dreiwöchigen Militärdienst zurückgekommen bin. Nicht nur, weil ich am Wochenende – das ja somit nur noch den Samstag umfasste – noch in eine neue Wohnung ziehen musste. Eben auch, weil am Vorabend bzw. bis in die Nacht hinein das Madonna-Konzert – das grösste Konzert in der Schweiz seit jeher – stattfand und ich Tickets dafür hatte. Und andern ging es ähnlich. So gab es solche, die erst gerade nach einem Praktikum wieder nach St. Gallen gekommen waren und die noch keine Zeit gehabt hatten, die Umzugskisten vom Auto in die neue Wohnung zu tragen. Wenigstens bin ich nun endlich restlos überzeugt, dass es doch richtig war, mich fürs Blockseminar in der Schweiz – und nicht wie zuerst in Betracht gezogen in Paris – anzumelden. Nach all dem Stress war ich nun im Bus – müde, ausgebrannt, ohne Ambitionen, ohne Motivation, ohne Erwartungen. Von Sonntag bis Dienstag änderte sich meine Befindlichkeit nicht stark. Die Vorträge zu «Sustainability» erschienen mir eher allgemein gehalten. Ich hatte immer das Gefühl, das ich all das tagtäglich in der Zeitung lese. Eine aktive Teilnahme meinerseits an den Diskussionen fand nicht statt – ich konzentrierte mich darauf, die Augen möglichst offen zu halten. Aber natürlich gab es auch Höhepunkte. Neben dem erstklassigen Essen im Ferien- und Seminarzentrum «Lihn» waren dies die Besichtigung der SN Energie und des dazugehörigen Stausees und die Gastreferate über nachhaltiges Investment (SAM), über soziale Verantwortung von Unternehmen im Pharmabereich (Novo Nordisk) sowie über die Herausforderungen im Ölgeschäft (Shell). Dass die anderen Vorträge wirklich so oberflächlich waren, wage ich heute zu bezweifeln – vielleicht war es auch meine Wahrnehmung, die eher aufs Oberflächliche beschränkt blieb. Auch fühlte ich mich immer noch «im Militär» – Essenszeiten vorgeschrieben, Tagesprogramm auf Papier, kaum Freizeit. Wie dem auch sei, ab Mittwoch sah dann alles anders aus.

Grüne Häuser und Shells inoffizielle Anti-Fleisch-Kampagne

Der Mittwochmorgen begann mit einem Ausflug zur Gasser AG in Chur. Das Familienunternehmen der Gebrüder Gasser bietet Baumaterialien, Haustechnik und Beratungsleistungen im Bereich des nachhaltigen Bauens an, d. h. für so genannte Niedrigenergiebauten. Bereits im Vorfeld des Seminars hatte sich jeder Teilnehmer im Rahmen der amerikanischen Fallstudie «living homes» mit ökologischen Bauten – so genannten «green homes» – auseinandergesetzt. Die Fallstudie sowie diese Betriebsbesichtigung zähle ich zu meinen wichtigsten Lernerfolgen dieses Seminars, konnte ich doch Theorie und Praxis gewissermassen verbinden und eine mir vorher unbekannte Vielfalt an raffinierten energiesparenden Technologien kennen lernen. Herr Gasser selbst war eine Attraktion: Seine Rede hochemotional, zugleich warnend und leidenschaftlich. Der Ton mal lauter, mal leiser. In gebrochenem Englisch, mit vielen deutschen Wörtern gespickt. Sehr charmant. Und überzeugend. Wenn er sagt, der Sinn sei ihm wichtiger als Geld, dann glaubt man ihm. Und das macht ihn so sympathisch.
Von Mittwoch bis Freitag wurden auch ausgewählte Papers zum Thema gruppenweise behandelt und präsentiert. Jetzt konnte man sich (endlich!) mit konkreten und präzisen Fragestellungen im Bereich der Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Ich fand die jeweils anschliessenden Diskussionen besonders interessant und lehrreich. Der Partizipationslevel im Kurs war nun um Dimensionen gestiegen. Häufig mussten Diskussionen am Ende wegen Zeitmangels regelrecht abgewürgt werden. Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass ich selten in einem anderen Kurs so lebhafte, kritische und konstruktive Diskussionen erlebt habe. Dies kann sicherlich auf die kulturelle Diversität und die hohe Motivation der CEMS Community zurückgeführt werden. Neben den behandelten wissenschaftlichen, eher spezifischen und konkreten Fragestellungen interessieren mich insbesondere generelle Nachhaltigkeitstheorien wie z. B. «The Limits of Growth» oder ähnliche polarisierende Arbeiten – doch mir ist bewusst, dass das Eingehen auf solche Theorien den Rahmen des Seminars sowohl in thematischer als auch in zeitlicher Hinsicht gesprengt hätte. Insofern hat das Seminar meine Erwartungen in thematischer Hinsicht erfüllt. Obwohl ich auch einige kritische Anmerkungen gemacht habe – was ich immer mache –, muss ich im Nachhinein zugeben, dass es eine tolle Woche war. Zwar habe ich mir nicht viel neues Fachwissen angeeignet, doch die Besichtigungen, die Gastreferenten aus sehr unterschiedlichen Bereichen sowie die wertvollen Diskussionen haben mein Bewusstsein für die Vielfalt und Komplexität der Thematik geschärft. Wem beim Stichwort «Nachhaltigkeit» einfällt, er solle vielleicht in Zukunft weniger mit dem Auto fahren, hat Recht. Doch wenn er dann dafür länger duscht oder mit dem gesparten Geld mehr Fleisch isst, so muss ich nun Einspruch erheben. Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch belastet die Umwelt nämlich so stark wie 250 Kilometer Autofahrt. Grösstenteils schuld daran ist das Methan, das Kühe während der Verdauung freisetzen. Zudem benötigt die Herstellung eines Kilogramms Fleisch die fünf- bis zehnfache Menge pflanzlichen Proteins und der Wasserverbrauch für 1 Kilogramm Fleisch beläuft sich auf unglaubliche 10’000 Liter. Darauf aufmerksam gemacht hat uns der Vertreter von Shell, der dann im Restaurant auch konsequent Fisch bestellt hat. Trotz dieser Aktion blieben bei vielen von uns Zweifel, ob Shells umsatzmässig eher geringe alternative Aktivitäten wirklich ernst gemeint sind oder doch eher als strategisches «window-dressing» einzustufen sind. Natürlich war das Seminar auch ideal, um die anderen CEMS Studenten kennen zu lernen – z. B. beim Tischtennisspiel im Keller. Des Weiteren hat das Seminar meine Aufmerksamkeit auf das IWÖ und einen – im Bachelorstudium häufig vernachlässigten – Themenbereich gelegt, den ich mir auch später als Vertiefungsbereich, sei es im Rahmen einer Masterarbeit oder anderer Projekte, vorstellen kann. Die Unterkunft «Lihn» war ebenfalls ein Baustein, der die Erfahrung der Nachhaltigkeit unterstützt hat. Das Essen ist 100 % bio, alles hausgemacht und die Zutaten stammen aus der Region. Zudem arbeitet das Lihn eng mit sozialen Einrichtungen in der Umgebung zusammen.

Corporate Wettfressen und singende Gastreferenten mit Windrädern

Grundsätzlich werde ich gerne zum Essen eingeladen. Doch bei Firmen werde ich skeptisch. Und nach zwei mehrstündigen schweren Abendessen mit Corporate Partners am Montag und am Dienstag war ich Mitte Woche bereits gesättigt. Wäre am Donnerstag beim dritten Corporate Dinner nicht Käsefondue auf dem Programm gestanden, so hätte ich dann definitiv keinen Appetit mehr gehabt. Der mehrstündige Smalltalk an der Tafel frisst auch die letzten Stunden des ausgefüllten Tages auf, die mir normalerweise zum Sporttreiben dienen würden. Stattdessen wird Gang für Gang reichlich Nahrung aufgetischt – und man kann die Nachspeise kaum abwehren, wenn der Sponsor gleich nebenan sitzt, auch wenn man schon lange satt ist. Nachhaltig scheint mir dies höchstens in ökonomischer Sicht für das Pharmaunternehmen, dessen Diabetesmittel dadurch wohl eher noch gefragter werden. Allermindestens für die anderen geht’s schlussendlich nur ums Recruiting. Und um dort gute Karten zu haben, wird grosszügig aufgetischt – möglichst mehr als bei den anderen Firmen. Solche Anlässe gleichen sich meist und sind daher eher unpersönlich. Exemplarisch hat sich der eine Gastreferent noch vor dem Dinner verabschiedet, «da er noch Stakeholder zuhause hätte» – anscheinend wichtigere. Anders war das Unternehmen Vestas, das Windräder herstellt. Gleich zu Beginn haben die Referenten zur Auflockerung das Lied «My Bonnie is over the ocean» angestimmt und alle im Saal sind bei jedem «B» vom Stuhl aufgestanden bzw. haben sich wieder hingesetzt. Es wurde dann jeweils v. a. bei der Passage «Bring back, bring back, bring back my Bonnie to me, to me» hektisch. Jedenfalls hatten alle grossen Spass. Zudem wurde jedem im Saal ein kleines Windrad zum Zusammenbauen überreicht. Und auch das Dinner war viel origineller: Käsefondue! Die Stimmung war so gut, dass im Laufe des Dinners dann auf französisch-belgische Initiative hin das Lied nochmals gesungen wurde.

Busirrfahrt und Märchenstunde

Zum Abschluss stand am Freitag die Besichtigung eines im Seilbahn- und Transportsystemwesen tätigen Unternehmens in Österreich auf dem Programm. Ironischerweise war dieser Tag von ungeplanten «Nachhaltigkeitspannen» geprägt, was dem Seminar jedoch keinen Abbruch tat, sondern höchstens belustigend wirkte. Zuerst war da der Busfahrer, der den Zielort nicht finden konnte. Er fuhr mehrmals am gleichen Ort vorbei, hin und zurück, dann Karten lesen, dann gefährliche Kehrmanöver, dann wieder Karten lesen. Aus ökologischer Sicht eher weniger sinnvoll. Und umso erstaunlicher, als heute doch praktisch jeder Passagier selbst ein Navi im Handy eingebaut hat. Wegen der einstündigen Verspätung konnte der geplante Fabrikrundgang dann nicht mehr durchgeführt werden und wir gingen gleich zur Präsentation des Unternehmens durch den Marketingverantwortlichen über. Er begann gut, indem er auf Wunsch spontan und selbstsicher von Deutsch in ein gutes Englisch wechselte und auch gleich den dazu passenden Foliensatz fand. Er stellte verschiedene Projekte für Seilbahnen (sehr ökologisch!) und Transportsysteme z. B. in Städten vor – u. a. auch ein Seilbahnprojekt in Portland, das eine Universität mit dem Stadtzentrum verbindet. Schlagfertig fügte er an, er warte nur noch auf die Bestellung eines ähnlichen Projektes durch die Universität St. Gallen. Wären wir nach seiner Präsentation gleich zu den köstlichen Sandwichs übergegangen, dann hätten wir das thematische Schlusswort des Seminars verpasst. Auf die Frage, ob sich das Unternehmen vor der Klimaerwärmung und damit vor der zukünftigen Schneeunsicherheit vieler Wintersportorte fürchten würde, hätte man viele gescheite Antworten bringen können. Z. B. hätte man darauf verweisen können, dass das Unternehmen immer mehr Projekte in Städten baut. Oder dass die Firma immer mehr industrielle Transportsysteme realisiert. Er meinte jedoch, er hätte Studien gesehen, die keinen Klimawandel vorhersehen würden. Die warmen Winter der letzten Jahre könnten auch Zufall sein, es hätte auch früher schon mal warme Winter gegeben. Und übrigens: «Wenn ihr den Eindruck habt, die Schneesäule sei vor zehn Jahren grösser gewesen, dann kann das auch daran liegen, dass ihr damals kleiner wart.» Danach war es still im Raum. Es wurden keine weiteren Fragen gestellt. Professor Rolf Wüstenhagen meinte dann nur kurz: «Vielleicht können wir jetzt zu den Sandwichs übergehen.» Was für ein Schlusswort. Es war wirklich ein geniales Seminar.