Mit dem Medical Master, der Campuserweiterung und einem geplanten Informatik-Studiengang stehen für die HSG grosse Veränderungen an. Kommt dies nicht einer Verwässerung gleich? Rektor Thomas Bieger nimmt Stellung.

Für die Etablierung des Medical-Master-Programms erhält der Kanton St. Gallen vom Bund 4.6 Millionen Franken. Was ist – vom Geld abgesehen – der Antrieb, ein solches Medizin-Studium nach St. Gallen zu holen?

Ziel des von der Regierung in Auftrag gegebenen Projektes ist es, einen Beitrag zur Linderung des Ärztemangels zu leisten. In der Ostschweiz beläuft sich der Anteil der nicht in der Schweiz ausgebildeten Ärzte auf über 40 Prozent. In Regionen mit angebotener Medizinausbildung sind es hingegen nur 25 Prozent. Das auf einem Kooperationsmodell mit der Universität Zürich und dem Kantonsspital St. Gallen beruhende Projekt eines Joint-Medical-Master-Programms ist nicht nur eine Chance für die gesamte Region, sondern auch für die HSG als Wirtschaftsuniversität. Der Gesundheitsbereich macht in der Schweiz 12 Prozent vom Bruttosozialprodukt aus – Tendenz stark steigend. In unserer Vision heisst es, dass wir uns mit aktuellen Fragen aus Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen. Deshalb sollten wir den Gesundheitsbereich unbedingt miteinbeziehen.

Führt die Einführung eines Medizin-Programms nicht zu einer Verwässerung einer Wirtschaftsuniversität?

Eine Verwässerung, durch die Wegnahme von Geld, ist ausgeschlossen, da es einen ergänzenden, separat finanzierten Leistungsauftrag geben soll. Die Identität der Professorenschaft wird nicht verändert, da die Professuren gemäss Kooperationsvereinbarung an der medizinischen Fakultät Zürich sowie am Kantonsspital St. Gallen angesiedelt sind. Wir werden lediglich einige Brücken-Professuren haben, die Themen zwischen Medizin und Gesundheit sowie den Kerngebieten der HSG abdecken. Weiter ist zu erwähnen, dass es sich mengenmässig lediglich um drei Jahrgänge à 40 Studenten handelt. Alle Universitäten, die mehr als nur eine Business School sein wollen, investieren heute in hohem Masse in Forschung und Lehre im Schnittbereich zu Health Care Management und Health Economics. Mit der geplanten Ausbildung im Bereich Medizin verfügt die HSG über eine hervorragende Verankerung in einem Feld von wachsender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bedeutung, auf die vergleichbare Universitäten neidisch sind.

Wie wollen wir als Wirtschaftsuniversität Mehrwert bieten und im Vergleich zu den ungleich grösseren Standorten konkurrenzfähig sein?

40 Plätze sind eine sinnvolle Grösse in Bezug auf die Kapazitäten am Kantonsspital. Im Bereich der klinischen Ausbildung auf Masterstufe sind die Economies of Scale – anders als in der Bachelor-Ausbildung – beschränkt. Der Vorteil ist, dass wir die hier bereits vorhandenen medizinischen Lehrkapazitäten mit erhöhtem Gewinn für die Region besser nutzen können. Auch für die Schweiz insgesamt bringt die Einbindung des Standortes St. Gallen definitiv Vorteile.

Wie schätzen sie die Erfolgschancen der kantonalen Abstimmung im Jahre 2018 über die Ausweitung des Zweckartikels des Universitätsgesetzes ein?

Erst einmal betrachten wir es als Gunst, wenn das Projekt mittels Volksabstimmung demokratisch legitimiert werden kann. Man muss vor jedem demokratischen Entscheid Respekt haben. Da es sich um einen Beitrag zur Behebung des Ärztemangels handelt, gehen wir derzeit von sehr guten Chancen aus.

Wurde bei einer allfälligen Ablehnung der Anpassung des Universitätsgesetzes durch das Stimmvolk das Geld für die Vorbereitungen aus dem Fenster geworfen?

Bis und mit Ende vergangenen Jahres haben wir die Projektarbeiten aus eigenen Mitteln finanziert. Es ist die Aufgabe jeder Institution, die eine öffentliche Aufgabe erfüllt, an innovativen Projekten mitzuarbeiten. Im Rahmen des Budgets 2017 wurde ein ergänzender Kredit für die weiteren Vorbereitungsarbeiten gesprochen. Die Aufbauarbeiten gehen damit nicht zu Lasten des Kernbereichs der HSG.

Wo gibt es Synergien zwischen Medizin, Recht und Wirtschaft?

Studierende in Medizin profitieren von der HSG in ergänzenden Fächern – analog zum hiesigen Kontextstudium – in Schnitthemen wie Recht, Management und Ökonomie. Die beiden Themen, die die Zukunft unserer Gesellschaft und Wirtschaft prägen werden, sind Gesundheit und Digitalisierung. Beide haben direkte oder indirekte Berührungspunkte mit unseren Kernfächern. Deshalb sollen für Studierende in den klassischen HSG-Fächern Möglichkeiten im Bereich Patientenrecht, Gesundheitsökonomie oder Health Care Management aufgebaut werden.

Was muss bis zur Ankunft der ersten Medizin-Studierenden (voraussichtlich 2020) noch alles geschehen?

Bereits führte man in den Schulen des Kantons Informationskampagnen durch. Parallel dazu wurde an der Finalisierung der Vereinbarung mit der Universität Zürich und an der notwendigen Ergänzung des Universitätsgesetzes gearbeitet. Weil das Vorhaben neue Ausgaben für den Kanton generiert, die 1.5 Mio. Franken pro Jahr überschreiten, wird es eine Volksabstimmung geben. Für die 40 Plätze in St. Gallen sind 86 Voranmeldungen – die Bewerbenden müssen den medizinischen Eignungstest noch bestehen – eingegangen, vergleichsweise ein sehr guter Wert. Nun stehen die Arbeiten am Curriculum sowie organisatorische Fragen bezüglich Aufbau der School an. Diesbezüglich können wir mit Dr. Jürg Felix auf eine sehr qualifizierte Projektleitung zählen.

Wie werden die künftigen Betriebskosten finanziert?

Für die Finanzierung der laufenden Betriebskosten ist eine separate Leistungsvereinbarung vorgesehen.

Das Kantonsspital St. Gallen stellt die Fachkräfte für die Ausbildung der Studierenden zur Verfügung. Ist die notwendige Lehrkompetenz vorhanden?

Bereits heute unterrichten die Professoren des Kantonsspitals an verschiedenen Schweizer Universitäten und im Ausland. Ein signifikanter Prozentsatz der zukünftig notwendigen Lehrkapazität wird also schon heute geleistet. Die Idee ist, dass ein grosser Teil dieser Lehrkapazität hierhin gelenkt wird.

Sind weitere lokale Kooperationen denkbar?

Zusammen mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt St. Gallen, welche bereits heute im Bereich der Medizin (z.B. künstliche Haut) tätig ist, der Fachhochschule St. Gallen, dem Kantonsspital, sowie mit unserer Digitalisierungsinitiative, kann sich in Kooperation mit der Universität Zürich ein eigentliches Know-how-Cluster entwickeln.

Ist die Lancierung eines Medical Masters mit Blick auf die die Wirtschaft betonende Vision 2025 nicht etwas stossend?

Was kann eine Wirtschaftsuniversität, die Antworten für aktuelle Fragen von Wirtschaft und Gesellschaft bieten will, mehr tun, als sich mit dem am schnellsten wachsenden Sektor zu befassen, der noch ein Thema von gesellschaftlicher Brisanz ist? Es gibt keinen Bereich, indem ein solch starker Arbeitsplatzaufbau geschieht und so viele gesellschaftliche Themen auftauchen, wie in der Medizin.

Wie steht es um die Campuserweiterung am Platztor?

Das Projekt Platztor ist ein langfristiges Campus-Ausbauprojekt. Dieser Ausbau ist notwendig, weil die jetzige Infrastruktur auf 5000 Studenten ausgerichtet ist; zurzeit studieren über 8300 Personen an der HSG. Am Platztor sollen Kapazitäten für rund 3000 Studenten geschaffen werden. Es handelt sich um ein Projekt mit städtebaulicher Bedeutung; es geht um eine Entwicklung der Kernstadt in Richtung Osten. Wir rechnen mit einer Fertigstellung des Projekts in rund zehn Jahren. Dieses Projekt wird für die Qualität der Universität im digitalen Zeitalter entscheidend sein. Wenn eine Universität in einem kleinen Markt an einem Hochlohn-Standort überleben will, muss sie einen Mehrwert gegenüber den rein digitalen Angeboten in der Lehre durch persönliche Interaktion schaffen. Dies kann nur dadurch erreicht werden, indem wir im Sinne des Campus-Gedankens einen Begegnungsort für Menschen schaffen und Forschung und Lehre näher zusammenbringen. Darüber hinaus ist ein Learning Center geplant. In der Nähe der Universität benötigen wir eine Erweiterung der Bibliothek in Bezug auf Studierendenarbeitsplätze und Plätze für neue Lernformen wie «Collaborative Learning». Das Ziel wäre eine Eröffnung des Learning Centers um das Jahr 2022. Wir richten uns darauf ein, dieses Center als Beitrag der HSG-Gemeinschaft über private Donatoren zu finanzieren. Dies würde eine rasche Realisation ermöglichen. Idealerweise wird so ein Center zum international ausstrahlenden Symbol der neuen Lehre. Bereits dieses Jahr wird an der Müller-Friedberg-Strasse ein neues Institutsgebäude mit Seminarräumen in Betrieb genommen.

Die Finanzierung des Learning Centers steht primär auf privaten Beinen. Wie wollen Sie die Unabhängigkeit der Universität bewahren?

Es gibt klare Grundsätze für die Annahme von Spenden. Immer gelten die Unabhängigkeit sowie die akademische Freiheit in Lehre und Forschung. Das Recht für personelle Entscheide muss immer bei der Universität sein, und es muss die Publikationsfreiheit gewahrt sein.

Wie will man während der Bauzeit eine förderliche Lernatmosphäre sicherstellen?

Der Vorteil ist, dass ein Learning Center als Ergänzungsbau zur Bibliothek erstellt werden kann. Allerdings steht auch noch die Sanierung des B-Gebäudes an. Diese Arbeiten werden soweit als möglich jeweils über den Sommer hinweg getätigt.

Werden Lehrvideos den klassischen Universitätsbetrieb ablösen?

Wenn man daran glaubt, müsste man Universitäten wie jene in St. Gallen schliessen. Eine Universität in einem hoch entwickelten Wirtschaftsstandort muss mehr vermitteln, als das, was überall auf der Welt mittels Lehrvideos und Massive Open Online Courses vermittelt werden kann. Nur durch kreative Aktivitäten kann die geforderte Wertschöpfung generiert werden. MOOCs betreiben wir nur, um daran für die Verbesserung der Lehre zu lernen. Längerfristig haben wir in diesem Netzwerkgeschäft als kleiner Anbieter keine Chance.

Wie schaut die Lehre der Zukunft aus?

Die Idealvorstellung ist das sogenannte «Blended Learning»: Reine Wissensvermittlung findet ausserhalb des Unterrichts statt. Die Zeit im Klassenraum wird genutzt, um mittels Fallstudien, Debatten und Simulationen mit persönlicher Interaktion den eigentlichen Mehrwert zu schaffen. Da sind wir noch in Rückstand. Zumindest investieren wir bereits in Probe-Infrastrukturen wie den Trading Room und verfügen über ein Teaching Innovation Lab.

Welche Neuerungen sind im Bereich Informatik geplant?

Einerseits läuft ein Projekt zur Einführung eines Zertifikatsprogrammes, das den Erwerb von Zusatzqualifikationen in Informatik und Data Science für alle Studierenden der HSG ermöglicht. Wenn alles klappt, können wir bereits diesen Herbst mit einer Pilotgruppe starten. Zweitens ist der Ausbau von Kompetenzen im Bereich Informatik zu erwähnen. Der Universitätsrat hat drei neue Lehrstühle für Informatik freigegeben. Zurzeit ist man daran, die Ausschreibungsgrundlagen zu erarbeiten. Dritter Punkt ist ein eigenständiger Informatik-Schwerpunkt. Diesbezüglich ist eine Machbarkeits-Studie, finanziert durch die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell, in Arbeit. IT, respektive Data Science, ist im Zeitalter von Big Data ein unverzichtbares, ergänzendes Fachgebiet einer Wirtschaftsuniversität. Viele vergleichbare Universitäten wie die SMU in Singapur oder Paris-Dauphine haben entsprechende Departments oder Schools.

Das Jahr 2018 mutiert mit mehreren die HSG betreffenden Volksabstimmungen zum Schicksalsjahr. Was erwarten Sie von diesem Jahr?

2018 wird neben der Medical-Master- und Platztor-Abstimmung auch über den Aufbau des Informatikschwerpunktes zu befinden sein. Direkt für den Betrieb der Universität notwendig ist die Erweiterung der Universität mit dem Projekt Platztor. Die beiden anderen Projekte sind als Chancen zu betrachten. Ich würde deshalb sagen, dass 2018 nicht zu einem Schicksals-, sondern zu einem Chancenjahr wird. Im Jahre 2027 wird die HSG hoffentlich eine Universität sein, die mit einem modernen Campus einen ähnlichen Akzent wie schon heute die Wirtschaftsuniversität Wien zu setzen vermag. Wir wollen Standards setzen und unseren Auftrag als regional verankerte, global ausstrahlende Wirtschaftsuniversität, dank einer Medizinausbildung und verstärkten Kompetenzen in IT und Data Science, noch besser erfüllen können.