Der Griff der Frauen nach politischer Macht: Petra Volpe bringt mit dem Spielfilm «Die göttliche Ordnung» ein Stück Historie über die Einführung des Frauenstimmrechts auf die Leinwand.

Kommt eine Schweizer Eigenproduktion in die Kinos, hört man mehr über die Diskussion um Sinn und Unsinn von Kulturfördergelder für Filmproduktionen, als vom Streifen selbst. Mit der entsprechenden Skepsis und hohen Leistungserwartung geht der Schweizer Steuerzahler trotzdem ins Kino. Als Ostschweizer oder studientechnisch gesehen Temporär-Ostschweizer kommt einem die Szenerie vertraut vor: Als Kulisse für den Dreh diente Speicher AR (wenige Autominuten von St. Gallen entfernt), das die Schweiz in den frühen siebziger Jahren darstellt. Der Satz «Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein» lastet fast vorwurfsvoll auf dem malerischen Dorf. Die Distanz zur sich öffnenden Gesellschaft in anderen Teilen der Welt wird mit weit klingenden Kirchglockenschlägen untermauert. Ganz anders als die Töne von Woodstock oder Flower Power zur gleichen Zeit.

Krawall im verschlafenen Dorf

Wir schreiben das Jahr 1971, in dem auf Bundesebene der zweite, dann erfolgreiche eidgenössische Urnengang zur Einführung des Frauenstimmrechts bevorsteht. Als Zuschauer ist man an dieser Stelle besorgt, dass der Spannungsbogen dahin ist. Jeder weiss, wie die Abstimmung ausgeht. Es bleibt jedoch spannend, wie die Regisseurin mit diesem inhärenten Problem historischer Filme umgeht. Beim Staubsaugen und Sockenaufhängen sehen wir die brave Nora Ruckstuhl, die von Marie Leuenberger gespielt wird. Eines Tages eröffnet die Mutter zweier Buben dem Ehemann (Max Simonischek), das Hausfrauendasein sei einfach langweilig. Nicht einmal einen Vertrag kann sie ohne seine Zustimmung abschliessen – und diese verweigert er, als sie Teilzeit in einem Reisebüro arbeiten will. Es gärt in ihr. Der private Konflikt politisiert sie, macht sie zur Mitstreiterin für das auch von Geschlechtsgenossinnen sabotierte Abstimmungsziel. Das braucht Mut.
Das herrschende traditionalistische Rollenbild wird im Film von der Sägerei-Chefin durchbrochen. Sie steht den ausschliesslich männlichen Arbeitern vor, zu denen auch der Mann von Nora Ruckstuhl gehört. Diese wird im weiteren Verlauf der Geschichte zur ärgsten Widersacherin von Noras Ja-Komitee für die kommende Abstimmung.

Vom Rock zur Hose

Die gewohnte Ordnung und der Lebensalltag des Dorfes wird erstmals erschüttert, als die Dorfbeiz von einer Italienerin übernommen wird. Der Espresso, der dort ausgeschenkt wird, hinterlässt eine saure Miene auf den Gesichtern der Frauen, die wohl zum ersten Mal ein solches ausländisches Gebräu trinken. Eine starke Symbolik, die wieder und wieder auftaucht: Handlungen mit Symbolwert werden beiläufig eingeflochten; nur manchmal wird die Grenze zum Plakativen geritzt, etwa wenn Nora Ruckstuhl ihr politisches Engagement mit einem Frisurwechsel und dem Eintausch ihrer biederen Garderobe gegen ein gewagteres Oberteil und Hosen einläutet. Naja, Frau kann es auch übertreiben. Dann doch lieber «Traumland» (ebenfalls von Petra Volpe); starke Symbolik in ruhiger Handlung, bei aktueller, lebensnaher Thematik.
Die erwähnten Qualitäten lassen einen über einige etwas zu sentimental geratene Auflösungen hinwegsehen und darüber, dass die eine oder andere Szene einen Schuss mehr Frechheit verträge. Diese versucht die Regie mit einem Erzählstrang ins Spiel zu bringen, bei dem es recht explizit um die Entdeckung der weiblichen Sexualität geht. So bildet denn am Ende ein Cunnilingus, vom Gatten als Premiere gewährt, zumindest dramaturgisch den Höhepunkt der emanzipatorischen Errungenschaft. Das scheint dann doch überzeichnet.
Im Abspann wird dann der weitere historische Verlauf der Einführung des Frauenstimmrechts beschrieben. Der Widerstand des Stimmvolkes des Kanton Appenzell Innerrhoden findet gewohnt prominent Erwähnung. Das damals nicht ganz und gar gegen das Frauenstimmrecht an sich protestiert wurde, sondern zu einem bedeutenden Teil bundesstaatsrechtliche Aspekte im Verhältnis Bund – Kanton Anlass zum politischen Aufstand gab, wird leider unterschlagen. Ein Film, empfehlenswert für alle, die gerne eine farbige Inszenierung der Schweiz von vorgestern und den Beginn des Wandels zur heutigen Gesellschaft erleben wollen.