Es ist nie zu spät, etwas Neues zu lernen. Unter den heranwachsenden Jünglingen der Universität St. Gallen verstecken sich auch einige ältere Studierende. Die etwas reiferen Kommilitonen Thomas Meyer und Daniel Messmer offenbaren uns ihre Beweggründe und Motive.

Haben Sie bereits etwas studiert oder haben Sie bisher gearbeitet?

Thomas: Ich habe als Dipl. El.-Ing. FH in den Fachrichtungen Informatik, Computertechnik, Elektronik und Energietechnik abgeschlossen und an der HSG den Executive-MBA HSG absolviert.
Daniel: Vor der Einschreibung an der HSG arbeitete ich einige Jahre. Dazwischen habe ich im Abstand von ein paar Jahren zuerst die Berufsmatura nachgeholt und dann die Passerelle gemacht.

Was haben Sie vorher studiert
oder gearbeitet?

Thomas: Beruflich bin ich seit vielen Jahren im Senior Management tätig, wobei ich bisher mehrheitlich im Ausland tätig war. Bis vor kurzem als Mitglied der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrates in einem grossen, weltweit tätigen Konzern mit Gewinn- und Verlust-Verantwortung von 450 Millionen Franken. Dort war ich auch der Präsident einer Stiftung.
Ich zähle zu meinen beruflichen Highlights unter anderem den Aufbau einer neuen Business Unit in den USA, welche heute dem Unternehmen rund 500 Millionen Franken. Umsatz pro Jahr beisteuert. Ein weiteres interessantes Projekt war der Aufbau einer neuen Business Unit in Europa für Grossprojekte. Beide Aufbauprojekte waren in der Energiebranche für die Technologie-Konzerne Siemens und Landis + Gyr.
Sehr spannend war auch das grosse Reorganisationsprojekt, welches ich auf Stufe Konzern-Geschäftsleitung bei einem anderen Unternehmen durchgeführt habe. Mit dem Ziel der Kostenoptimierung haben wir beim Konzern mit rund 20 Firmen alle Prozesse und technischen Tools harmonisiert, alle Firmen vernetzt und alles organisatorisch zentralisiert.
Nebst dem Studium bin ich auch der CEO und VRP einer Firma, welche auf Investments (Private Equity) und Unternehmensberatungen spezialisiert ist.
Daniel: Ursprünglich absolvierte ich eine kaufmännische Ausbildung in einem Industriebetrieb in St. Gallen. Später arbeitete ich in verschiedenen Branchen, unter anderem bei zwei Banken, öffentlichen Verwaltungen, einer Krankenversicherung und im Kantonsspital St. Gallen.

Wie sieht Ihre familiäre Situation aus?

Thomas: Ich bin glücklich verheiratet mit Madeleine. Seit rund 20 Jahren leben wir nun zusammen. Davon auch vier Jahre in den USA, als ich dort für Siemens tätig war.
Daniel: Ich bin alleinstehend und wohne in Wittenbach. Die kurze Pendeldistanz vom Wohnort zu der Uni ist ein grosser Vorteil für mich.

Was hat Sie zu dazu bewegt,
nochmals / neu zu studieren?

Thomas: Ich studiere an der HSG Rechtswissenschaften. Nebst Management-Themen und dem Engineering interessierte mich dieses Thema schon immer stark. Ich habe bereits die Rechtsabteilung in einem Konzern geleitet und auch sonst war ich in meiner beruflichen Karriere sehr viel mit Rechtsfragen konfrontiert. So habe ich in diversen Sprachen und Staaten sehr komplexe Verträge verhandelt und erstellt, Unternehmen aufgebaut, M&A’s mitbegleitet, und so weiter. Nun nehme ich mir die Zeit, diesen dritten Themenbereich auf hohem Niveau zu vertiefen.
Daniel: Es bestand bei mir immer das Interesse an einer beruflichen Weiterentwicklung. Das Interesse an juristischen Fragen entstand bei den verschiedenen Arbeitseinsätzen, unter anderem im Asyl-Erstempfangs-Zentrum in Kreuzlingen. So fiel die Entscheidung letztlich für die Juristerei.

Weshalb haben Sie sich für die
HSG entschieden? Gibt es einen bestimmten Grund?

Thomas: Ich bin in St. Gallen aufgewachsen, habe in dieser Region ein paar Jahre gearbeitet und meine Eltern leben immer noch hier. Ich fühle mich daher mit St. Gallen und der HSG eng verbunden. Diese geniesst einen sehr guten Ruf und ich bin stolz, Teil dieser Community zu sein.
Daniel: Den einfachsten und am wenigsten kreativen Grund: Die geografische Nähe. So kann ich den bisherigen Wohnsitz behalten.

Sie sind ja nun doch etwas älter als der Rest der Studierenden, fühlen Sie sich integriert und akzeptiert?

Thomas: Der Altersunterschied ist nicht die primäre Frage. Aufgrund meines Werdegangs sind die Interessen aber meist unterschiedlich. Viele der Studierenden kennen sich noch vom Gymnasium oder vom Assessmentjahr. Dieses Netzwerk fehlt mir natürlich. Trotzdem fühle ich mich wohl und akzeptiert. Auch die Zusammenarbeit bei Gruppenthemen ist sehr angenehm.
Daniel: Ja. Ich war bereits in der Passerelle der Älteste in der Klasse. Es gibt in jeder Veranstaltung immer eine älteste und eine jüngste Person im Raum.

Haben Sie bestimmte Massnahmen
getroffen, um den sozialen Anschluss zu
finden? Wenn ja, welche?

Thomas: Ich bin Mitglied der HSG Alumni, von ELSA und beim HSG Investment Club. Diese Netzwerke sind sicherlich eine geeignete Plattform dafür.
Daniel: Ich bin Mitglied bei ELSA. Bei den verschiedenen Vereinsanlässen hatte ich Gelegenheit, Leute aus der gleichen Studienrichtung kennen zu lernen.

Denken Sie, dass das Alter im
Studium eine grosse Rolle spielt?

Thomas: Das Bestehen des Studiums hängt grundsätzlich vom erfolgreichen Absolvieren der Prüfungen ab. Lebenserfahrung kann man – bei der Art, wie die meisten Prüfungen im Rechtsstudium gestaltet sind – kaum gewinnbringend einbringen. Das Verinnerlichen der Gesetzesbücher, das Verstehen der Zusammenhänge und die richtige Anwendung derselben ist weitgehend eine Frage des Fleisses. Ich bin es gewohnt, sehr systematisch und diszipliniert an Dinge heranzugehen und ich habe extreme Ausdauer. Man hört oft, mit dem Alter wird das Lernen schwieriger. Ich kann das für mich nicht bestätigen. Ich bin noch immer extrem aufnahmefähig und ausdauernd.
Daniel: Nein, ausser wenn man sich das Studium selber unnötig schwer macht und das Alter als Nachteil ansieht.

Haben Sie eine lustige Anekdote, die Sie gerne mit uns teilen würden, die Ihnen bis jetzt im Studium unterlaufen ist?

Thomas: In der Tat halten mich Studenten anfänglich oft für einen der Dozenten und sprechen mich beim ersten Kennenlernen in den Kursen mit «Sie» an. Das kläre ich dann aber jeweils rasch.
Daniel: In der ersten Englischstunde hielt mich tatsächlich eine Kollegin zuerst für den Dozenten, als ich den Raum betrat. Zu einer ähnlichen Einschätzung kam offenbar auch der Kellner, welcher nach einem gemeinsamen Abendessen der ELSA in einem Restaurant die gesamte Rechnung vor mir auf den Tisch legte. Er erwartete offenbar, dass der Älteste in der Runde alles bezahlt oder zumindest das Inkasso übernimmt. Die Vereinspräsidentin hat diesen Job dann aber mindestens gleich gut gemacht wie ich.