Seit sechs Jahren hütet Joel Mall das Tor bei der 1. Mannschaft des FC Aarau – mit Erfolg. Mit prisma spricht er über Kapital, die Vor- und Nachteile des Profifussballs und warum ein Studentenleben manchmal auch schön wäre.

Joel, du hast beim FC Brugg angefangen und stehst nun für den FC Aarau im Tor. Wolltest du schon immer Fussballprofi werden?

Als kleiner Junge spielt man Fussball als Hobby, aber so zu werden wie die Profis im Fernsehen, ist natürlich immer ein Ziel. Je weiter man in den Juniorenauswahlen fortschreitet, desto mehr konkretisiert sich dieses Ziel. Ich hatte das Glück, an den Punkt zu gelangen, an dem ich mein Hobby zum Beruf machen durfte. Geplant hatte ich dies nicht, davon geträumt jedoch immer.

Was schätzst du besonders an deinem Beruf?

Eigentlich führe ich ein «schönes» Leben, da ich viel Freizeit habe. Dazu gibt es aber viele Vorurteile. Ein «Schoggileben», wie es oft dargestellt wird, ist es nämlich nicht. Man muss sich seinen Platz erkämpfen und viele Auswahlverfahren durchlaufen. Ich bin dazu verpflichtet, mein ganzes Leben nach dem Fussball zu richten. Dies fordert zum Beispiel ein hohes Mass an Seriosität und viel Schlaf. Im Ausgang bin ich sehr selten anzutreffen und meine Wochenenden verbringe ich mit Fussball. Ausserdem stehe ich in der Öffentlichkeit und wie alle Leistungssportler stets unter Druck. Ich schätze es aber sehr, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen durfte. Etwas Schöneres kann einem kaum widerfahren.

Gibt es Momente, in denen du dir ein «normales» Leben fernab der Öffentlichkeit wünschst?

Nein, eigentlich nicht. Schlussendlich entscheidet jeder für sich, wie er mit der Öffentlichkeit umgehen will. Ich persönlich brauche die Öffentlichkeitspräsenz nicht unbedingt, weiss aber damit umzugehen. Die Vorteile überwiegen aber deutlich. Ich würde nichts an meinem Leben ändern wollen.

Was ist dein grösstes Kapital?

Bei vielen Berufen sind die geistigen Fähigkeiten und Kopfleistung gefordert. In meinem Fall steht das Physische im Vordergrund und mein Kapital ist der Körper, zu dem ich entsprechend Sorge tragen muss. Schlussendlich ist aber das Zusammenspiel verschiedener Faktoren entscheidend. Dazu gehört auch der Kopf: Nur wenn das Mentale funktioniert, kann der Körper eine optimale Leistung erbringen. Die mentale Leistung ist enorm wichtig, gerade wenn man unter Druck steht. Dagegen wird man mit der Zeit jedoch abgehärtet. Insofern kommt die Erfahrung ins Spiel, welche als leistungsbestimmender Faktor auch eine grosse Rolle spielt.

Wie kann man die mentalen Fähigkeiten trainieren?

Es gibt so etwas wie Mentaltraining. Meiner Meinung nach jedoch bringt dies nicht viel. Entweder hat man die mentalen Fähigkeiten oder man hat sie nicht. Ausserdem entwickelt sich die geistige Stärke im Lauf der Karriere. Am Anfang haben mir schlechte Spiele, in denen ich meine Wunschleistung nicht erbringen konnte, mehr zugesetzt. Heute kann ich persönliche Niederlagen viel besser verarbeiten und Frustrationen ablegen, sobald ich nach Hause komme.

Körper, Kopf, Erfahrung – welcher dieser Faktoren ist schlussendlich entscheidend?

Das ist schwer zu sagen. Auf die Dauer ist der Kopf wahrscheinlich entscheidend für die ganze Karriere. Es braucht aber natürlich alle Faktoren. Der Kopf kann noch so gut mitspielen, doch es nützt nichts, wenn der Körper aufgibt. Ich selbst musste diese Erfahrung während einer 18-monatigen Verletzung machen.

Wie sieht deine Zukunft nach der Fussballkarriere aus?

Darauf bereite ich mich jetzt schon vor. Ich hatte nach dem Gymnasium ein Studium angefangen, musste dies aber aus zeitlichen Gründen abbrechen. Jetzt absolviere ich eine Ausbildung zum Marketingfachmann an einer Abendschule und versuche, so gut wie möglich am Ball zu bleiben. Nebenbei eine Ausbildung zu haben ist mir sehr wichtig. Es ist die Voraussetzung, um später den Einstieg ins reguläre Berufsleben zu finden. Viele junge Fussballer denken vorerst nur ans Geld und verzichten auf eine Ausbildung. Mit abgeschlossener Matura und zukünftigem Marketingdiplom verfüge ich als Fussballprofi über gute Alternativen. Während der Zeit im Sportmilieu lernt man ausserdem viele Leute kennen und verfügt somit über ein grosses Netzwerk, was den Berufseinstieg erheblich vereinfacht.

Mit täglichem Training, Spielen an Wochenenden und Ausbildung hast du einen vollen Zeitplan. Wie vereinbarst du dies mit deiner Freizeit?

Eigentlich habe ich neben den sportlichen Pflichten relativ viel Zeit, daher bin ich selten gestresst und bringe Berufliches und Privates locker unter einen Hut. Für mich hat der Sport klare Priorität vor der Ausbildung. Der Fussball beschränkt sich vor allem aufs Wochenende. Stress entsteht nicht aufgrund von Zeitdruck, sondern vor allem im Kopf, wenn ein Spiel nicht gut lief und ich mit meiner Leistung nicht zufrieden bin.

Du erbringst vor allem körperliche Leistung. Fehlt dir dabei das Studieren?

Manchmal fehlt mir das Studentenleben, ja. Viele meiner Freunde haben nach dem Gymnasium direkt mit dem Studium angefangen und haben bereits einen Bachelorabschluss. Ein Stück weit beneide ich sie darum. Hätte ich denselben Weg eingeschlagen, wäre ich gleich weit. Andererseits verfüge ich über ein Leben, von dem viele andere träumen und daran würde ich nichts ändern wollen. Immer wieder höre ich, wie toll das Studentenleben sei, aber mein Leben ist nun mal anders. Man tendiert immer dazu, das Positive an dem zu sehen, was man nicht hat. Aber ich bin mit meiner Situation sehr zufrieden und erachte es als grosses Privileg, ein solches Leben führen zu dürfen.

Würdest du deine Marketingausbildung an einer Uni absolvieren, wärst du nicht Fussballprofi?

Ich habe ein Wirtschaftsstudium in Basel angefangen, musste aber nach einem Semester aus zeitlichen Gründen abbrechen. Die Vorlesungen morgens überschnitten sich mit den Trainingseinheiten, bei denen ich nicht fehlen durfte. So musste ich mich zwischen Fussball und Studium entscheiden. Sicher hätte ich die Marketingrichtung eingeschlagen, aber das kann ich ja nun auf einem anderen Weg nachholen.

Fotos: Nina Amann