Das HSG-Leben einmal etwas anders: Im Break reisten Studenten in den Libanon und spielten mit syrischen Flüchtlingskindern an der Grenze zu Syrien. Eine Studentin berichtet.

Es ist ein merkwürdig dunstiger, staubiger Samstagmorgen anfangs April. Zwei Busse fahren gemächlich durch die hüglige, teils karge Landschaft, vorbei an Militärstützpunkten und weidenden Schafen, weiter in Richtung Bekaa-Ebene. Die Bekaa-Ebene liegt im Herzen Libanons und beherbergt einige hunderttausend syrische Flüchtlinge in inoffiziellen, verstreuten Siedlungen. In den Bussen befinden sich vor allem Studenten der American University of Beirut (AUB), auf dem Weg zu zwei Schulen für syrische Flüchtlingskinder. Die Studenten sind Teil einer Initiative, die mehrere dieser Schulen betreut. Für diesen Samstag ist ein Fun-Day mit Spiel und Spass geplant. Mit an Bord der Busse sind auch Professor Christoph Frei und eine Gruppe HSG-Studenten.

Migration verbindet

Wir sind bereits seit zwei Tagen im Land und haben uns im Rahmen des Kurses «The Economics, the Law, and the Politics of Migration» intensiv mit libanesischen Experten, Professoren und Studenten an der AUB ausgetauscht. Der neue Kurs wurde innerhalb weniger Monate als Pilotprojekt von Christoph Frei und dem AUB-Professor Mahmoud Haidar ins Leben gerufen. Den Anstoss zum Kurs bot die andauernde Flüchtlingskrise in Europa und dem Nahen Osten. Im Libanon alleine leben zwischen eineinhalb und zwei Millionen syrische Flüchtlinge auf einer Fläche, die der Grösse der drei Schweizer Kantone St. Gallen, Graubünden und Thurgau entspricht. Die Flüchtlinge haben keinen offiziellen legalen Status oder das Recht zu arbeiten. Die Lebenskosten sind trotzdem sehr hoch, und viele Flüchtlinge arbeiten inoffiziell und für einen Hungerlohn. Die, die können, gehen nach Europa, denn das ist billiger, als zu bleiben. Während sich Europa und der Nahe Osten mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sehen, besteht doch die Hoffnung, dass wir voneinander lernen und das Problem gemeinsam angehen können.

Kommunikationsversuche auf Arabisch

Nach zwei Tagen intensiver Diskussionen an der AUB sind wir nun auf dem Weg in die Schulen in der Bekaa- Ebene, mit der Hoffnung von der Uni wegzukommen und zumindest einen kleinen Einblick in die Realität der Flüchtlinge zu gewinnen. Bei unserer Ankunft ist der Hof bereits voll mit Schülern im Alter von 3 bis 16 Jahren. Die Kinder sind aufgeregt, aber die Berührungsängste bleiben vorerst bestehen. Bereits in den Bussen haben wir uns in Zweierteams aus je einem Arabisch Sprechenden und einem HSGler gefunden. Meine Partnerin, eine Ingenieursstudentin aus Beirut, ist auch das erste Mal dabei und weiss nicht, was uns erwartet. Auf dem Hof trauen sich zwei kleine Mädchen an uns heran und verwickeln meine Partnerin in ein Gespräch. Das Gespräch dreht sich offensichtlich um mich. Ich stehe daneben und lächle die Mädchen verlegen an. Im Klassenzimmer herrscht bereits Chaos. Die Schüler sollten sich alle erst einmal vorstellen und ihren Traumberuf nennen. Schnell wird klar, trotz Sprachkenntnissen ist meine Partnerin heillos überfordert und vergisst, mich in irgendeiner Weise miteinzubeziehen. Nach fünf weiteren peinlichen Minuten des verlegenen Lächelns versuche ich es auf eigene Faust. Ich setze mich zu einer Gruppe Mädchen und merke sofort, dass mich meine zehn Wörter Arabisch auch nicht viel weiter bringen. Glücklicherweise handelt es sich um Kinder, und bald verfliegen die Hemmungen. Langsam gewöhnen sie sich an mich und brabbeln auf mich ein, ohne sichtbares Interesse daran, ob ich auch nur ein Wort davon verstehe. Mit der Zeit entwickeln wir eine Art gemeinsame Sprache, teils Englisch, teils Arabisch, teils Hand und Fuss und sehr viel absolut Unverständliches.

Spiel mit der Kamera

Wir beginnen ein Spiel an der Tafel, mit Zeichnen und Erraten. Das Chaos ist deutlich weniger geworden, seit einer der Lehrer, selbst ein syrischer Flüchtling, zu unserer Hilfe gekommen ist. Er hat einen erstaunlich sanften Umgang mit den Schülern und spricht mit einer sehr ruhigen Stimme. Mir fällt auf, dass er mit einem Bein hinkt. Trotz seiner Ruhe hören die Kinder auf ihn. In gebrochenem Englisch bezieht er auch mich schnell mit ein in die Spiele. Dann endlich ist es Zeit und die Kinder dürfen raus auf den Hof und ihrer Energie Luft machen. Sie tauen nun vollends auf und streiten sich darum, wer meine Hand halten darf. Einer der Buben fragt, ob er meine Kamera nehmen darf. Sie lag die ganze Zeit im Zimmer und keines der Kinder hat sie bis jetzt angefasst. Mit einem etwas unwohlen Gefühl gebe ich ihm die Erlaubnis, und die Kamera wandert innerhalb von wenigen Minuten durch die Hände von mehreren Kindern. Das ungute Gefühl verschwindet bald, denn alle Kinder fragen mich vorher höflich und gehen sehr vorsichtig mit der Kamera um. Alle wollen mich fotografieren, und alle, die nicht gerade hinter der Kamera stehen, wollen mit mir auf das Bild.

Auf der anderen Seite

Viel zu schnell ist der Nachmittag vorbei und die Kinder gehen nach Hause. Wir sollen eigentlich auch zurück nach Beirut, aber der Bus hat einen kaputten Reifen. Währendem wir warten, zeigt einer der libanesischen Studenten zum nahen Hügel. Auf der anderen Seite liegt Syrien, informiert er uns. Erst jetzt wird mir bewusst, wie nahe wir am Kriegsgebiet sind. Die Situation bleibt jedoch entspannt. Einige Studenten und Professor Frei beginnen mit den farbigen Reifen zu spielen, andere bleiben im Schatten und tauschen sich aus. Auf dem Rückweg schlängelt sich unser Bus nicht ganz mühelos einen Berg hoch. Am Pass angekommen, sehen wir, dass noch ein wenig Schnee auf dem Kamm liegt. Im Bus herrscht Erschöpfung, viele schlafen oder träumen vor sich hin. Es wird nur wenig gesprochen. Uns ist bewusst, dass wir nur einen winzigen, beschönigten Teil der Realität für Flüchtlinge im Libanon gesehen haben. Trotzdem war das Spiel mit den Flüchtlingskindern die eindrücklichste und wertvollste Erfahrung dieser Reise. Der Ausflug an die Grenze zu Syrien hat sich gelohnt.