Ist China wirklich innovativ oder lediglich die verlängerte Werkbank des Westens mit einem Talent zum Kopieren? Darum drehte sich der diesjährige Anlass des Industrial Club. prisma war dabei und hat gut aufgepasst. Ausserdem gibt Vorstandsmitglied Dominik Uhlmann im Interview Einblicke in den Club.

Wer sich die Dimensionen der Investitionen in China lieber bildlich vor Augen führt, kann sich kurz auf eine Web-Bildersuche «Roche+Campus+China» einlassen. In China wird investiert. Multinationale Firmen nehmen viel Kapital in die Hand und erwarten, dass sich das lohnt: Innovation, made in China. Das war das Thema beim «Annual Event» des Industrial Club – der Club am Puls jener Betriebe, bei welchen man sich noch die Hände schmutzig macht (siehe Interview mit Vorstandsmitglied Dominik Uhlmann unten).

Innovation, made quick and dirty

Nicht nur, dass China über viel ausländisches Kapital verfügt, sondern auch die hohe Anzahl an zunehmend gut (auch an auswärtigen Universitäten) ausgebildeten jungen Leuten, die darauf brennen, Produkte und Märkte zu verändern, ist ein Grund, wieso China innovativ ist. Dass wo ein Wille auch ein Weg ist, wird dadurch bewiesen, dass manche chinesische Firma bei Auftragseingang vielleicht noch nicht weiss, wie sie das bestellte Produkt genau herstellen werden… und doch wird dann geliefert.

Grosse Einigkeit herrschte unter den Diskussionsteilnehmern bezüglich der Erkenntnis, dass sich das chinesische Verständnis von Innovation deutlich vom westlichen unterscheidet. Der Begriff des Abends war wohl «Pragmatismus»: Konsens herrschte, dass chinesische Innovatoren deutlich weniger linear arbeiten als westeuropäische. Vereinbarungen von gestern können heute plötzlich über den Haufen geworfen werden, weil die Dynamik der Umstände ein anderes Vorgehen effizienter und effektiver erscheinen lässt.

Die Meinung des Podiums tendierte dazu, dass dieses Verhalten von Mitarbeitern und Partnern durchaus eine wertvolle Ressource für westliche Unternehmen sein kann – die aber natürlich ganz andere Führungs- und Kooperationsstrategien erfordert. Eine andere Führungsstrategie darf aber nicht bedeuten, die Menschen vor Ort per se anders zu behandeln. Ein klares No-Go sei – eigentlich offensichtlich – die Mitarbeiter vor Ort als «zweite Klasse» zu behandeln. Zusammenarbeit auf Augenhöhe muss gelten. Dirk Voges (siehe Box) betonte, dass dies auch umgekehrt gelten muss: Wenn der westeuropäische Unternehmer mit Angst an die Kooperation gehe, beispielsweise ob der überwältigenden Dynamik der etwas unorganisierten «dirty» Innovationsprozesse, könne es nicht gut kommen. Wer in China Fuss fassen wolle, müsse mit Herz, Seele und Freude bei der Sache sein.

Ein weiterer Aspekt des chinesischen Innovationspragmatismus ist der teils vom europäischen Modell divergierende Fokus. In China wird viel Energie investiert in Produkte, die Geschäftsprozesse vereinfachen. Die chinesische Antwort auf Whatsapp bietet viele weitere Funktionen für den Geschäftsalltag und erlaubt es zum Beispiel, über die App auch gemeinsam zu bezahlen. Ist das nun Innovation oder eine einfache Weiterentwicklung von Existierendem? Eine ähnliche Frage stellt sich auch bei Produkten, die in China aus der jahrelangen Präsenz von Produktionsstätten fremder Firmen und aus damit gewonnenem Wissen entstehen.

Nachhaltigkeit ist kein Luxus

Das Publikum fragt sich zu Recht, ob in einem sich so schnell wandelnden Umfeld nachhaltiges Wirtschaften überhaupt möglich sei. Nektarios Palaskas (siehe Box) hatte in der Diskussion betont, dass die oberste Priorität für die chinesische Regierung die Stabilität im Land und somit die Zufriedenheit der Leute ist. Voges stellte diese Aussage nun in den Zusammenhang mit Nachhaltigkeit: Skandale der letzten Jahre, beispielsweise die Todesfälle von Säuglingen wegen verunreinigten Milchpulvers oder der permanente Smoghimmel über den Grossstädten, bewegen die chinesische Öffentlichkeit. In diesem Sinne müsse die Regierung die Probleme angehen, nicht aus Liebe zur Umwelt, sondern um des Wohlstands willen, so die Meinung in der Runde. In einem China der Tumulte könne sich die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte nicht fortsetzen.

Die Referenten waren eine gelungene Mischung verschiedener Hintergründe, ohne dabei den Fokus des Industrial Club aus den Augen zu verlieren:

Pascal Marmier, CEO Swissnex China (Begrüssung)

Roger Moser, Assistenzprofessor für Internationales Manage- ment und Direktor des Asia Connect Center der Universität St. Gallen (Moderation)

Dirk Voges, Legal Director EMEA bei Yingli Green Energy In- ternational AG

Ernst Lutz, ehemaliger CTO von Sulzer

Nektarios Palaskas, Head of Science Technology and Education Section bei der Schweizer Botschaft in China

Dominik_Uhlmann

Dominik, die Vereinslandschaft an der HSG ist äusserst vielfältig. Wieso hast du dich gerade für den Industrial Club entschieden?

Die Industrie fasziniert mich aufgrund des unmittelbaren Bezugs zum Produkt. In diesem Sinne ist auch der Nutzen, den man schafft, gut greifbar. Das fehlt mir persönlich im Banken- oder Versicherungssektor. Zudem ist die Industrie ideal für alle, die ein Flair fürs Technische haben – für Autos, Roboter, Maschinen. Mit der Industrie in Kontakt gekommen bin ich schon früh durch ein Familienunternehmen, einem Industriedienstleister im Raum Winterthur. Zum Industrial Club hat mich dann ein Praktikum in der Wirtschaftsprüfung geführt, wo ich in viele Industrieunternehmen Einblick hatte. Seit zwei Jahren bin ich nun im Vorstand des Industrial Club. Die Dynamik in diesem eher jungen Verein ist packend, es herrscht Start-up-Atmosphäre. Wer eine Vision hat, kann selbst etwas auf die Beine stellen. Der Club bietet seinen Mitgliedern ein vielfältiges Programm – von Produktionsbesichtigungen bis hin zum Annual Event, der jedes Jahr ein anderes Thema vertieft behandelt.

Apropos Annual Event: Wie habt ihr euch für das diesjährige Thema «Chinnovation – China auf der Überholspur» entschieden?

Wir suchen unsere Themen immer so aus, dass sie verbreitet genug sind, damit sich unsere Mitglieder damit identifizieren können. Andererseits ist es unser Ziel, doch auch eine andere Sicht zu bieten. So ist China ein medial eher ausgelutschtes Thema, primär hört man von China als verlängerte Werkbank des Westens. Jedoch gibt es auch eine andere Sicht, die seit ein paar Jahren aufkommt: China als Land der Innovationen – nicht als Produktionsland für europäische Innovationen. Diese Kontroverse haben wir aufgegriffen. Ist China ein Innovationsmotor, der Europa vielleicht schon überholt? Oder ist das alles nur Fassade und eigentlich werden Produkte nach wie vor kopiert, nur schneller?

Wie schätzst du die Zukunft der Industrie in der Schweiz ein? Welche Trends siehst du?

Die Industrie ist in der Schweiz sehr stark, sie trägt mehr als 20 Prozent zum BIP bei. Gemäss meinen Erfahrungen rund um den Industrial Club würde ich sagen, dass sich praktisch alle hier ansässigen Industrieunternehmen zum Standort Schweiz bekennen. Trotzdem findet natürlich Auslagerung statt, sei es teilweise oder ganz. Manche beispielsweise fertigen hochtechnische Komponenten in der Schweiz an, die Endmontage findet dann aber näher bei Kunden oder einfach in einem Billiglohnland statt. Trotz Auslagerungen können Unternehmen zum hiesigen Wirtschaftswachstum beitragen: Manche Unternehmen wachsen so stark, dass mit einer Auslagerung nur ein Teil des Wachstums ins Ausland verschoben wird.

Als HSGler in die Industrie – was schwebt dir konkret für deine Laufbahn vor?

Ich sehe mich im B2B. Besonders spannend finde ich Grossprojekte, die über mehrere Jahre laufen und in denen man verschiedene Produkte in einem ganzen System integriert. Als Master-Student in Finance und Accounting sehe ich meinen Einstieg beispielsweise im Controlling. Wenn man sich in klassisch betriebswirtschaftlichen Bereichen eine fundierte praktische Expertise erarbeitet hat und das Unternehmen gut kennt, gibt es nach und nach sicher auch Möglichkeiten, sich in anderen Bereichen einzubringen.