Daniele Gansers letzter Lehrauftrag wurde nicht erneuert – die HSG hat ihn wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen. Der Historiker über die Schicksalsarena, den Syrien-Konflikt und Atombomben.

Wer sind Sie?
Ich bin ein Historiker, spezialisiert auf Friedensforschung. Mich interessiert die internationale Zeitgeschichte seit 1945. Ich bin 45 Jahre alt und habe zwei Kinder.

Was verstehen Sie unter dem Begriff Verschwörungstheorie?
Eine Verschwörung ist eine geheime Absprache von zwei oder mehr Menschen, um ein Ziel zu erreichen. 1961 wollte die CIA Fidel Castro stürzen. Sie führten die Schweinebucht-Invasion durch. Das ist eine Verschwörung, da sie Fidel Castro nicht vorher angerufen haben, um ihn zu warnen. Und wenn man sich über den Ablauf der Verschwörung nicht ganz sicher ist, ist das eine Theorie. Heute wird der Begriff als Kampfbegriff für Gebiete benutzt, über die nicht geforscht werden darf.

Wie gehen Sie damit um, dass viele Sie als Verschwörungstheoretiker bezeichnen?
Das ist eine Abwertung. Ich bin Historiker. Ich untersuche verdeckte Kriegsführung und Geheimarmeen. Ich decke solche Dinge analog zu einem Höhlenforscher auf. Viele denken, dass ich diese Höhlen auch selbst gebaut habe. Ich bin aber nur derjenige, der diese verdeckten Operationen untersucht. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Vergleichbar wäre, wenn ein Schreiner als «Pfuscher» bezeichnet würde. Wenn man einen Historiker als Verschwörungstheoretiker abwertet, nur weil er verdeckte Kriegsführung untersucht, ist das eine Hexenjagd. Inzwischen kenne ich das Spiel. Wenn ich einen Artikel sehe, der vom «Verschwörungstheoretiker Ganser» handelt, dann weiss ich, dass ich abgewertet werde. Wenn «Historiker Ganser» dasteht, dann lese ich den Artikel.

Ihr Lehrauftrag an der HSG wurde nicht erneuert. Denken Sie, dass Ihr Ruf für die HSG zu belastend war?
Das müsste man Caspar Hirschi fragen. Ich kann nicht sagen, was er denkt – ich habe ihn nie getroffen. Den Kurs gab ich zusammen mit Rolf Wüstenhagen, einem Freund von mir. Gemäss Evaluationen hat der Kurs sehr gut funktioniert. Deshalb ist die Ursache wohl in der Arena im Februar 2017 zu finden: Der Journalist Roger Schawinski griff mich an, indem er meine Forschung zu 9/11 als Blödsinn und mich als Verschwörungstheoretiker bezeichnete. Eine Zeitung fragte dann polemisch: «Wieso beschäftigt Uni St. Gallen Verschwörungstheoretiker?». Hirschi wollte auf diesen Druck nicht reagieren, da es dem Image der Uni geschadet hätte. Im letzten Dezember wurde dann der Lehrauftrag nicht mehr erneuert. Hirschi ging davon aus, dass die Geschichte ein Jahr später niemanden mehr interessieren würde. Offensichtlich irrte er sich – sie ist wieder allgegenwärtig.

Welche Rolle spielte Moderator Jonas Projer in der angesprochenen Arena?
Er hat drei Fehler gemacht. Erstens: Zu Beginn der Sendung hat er mich als umstrittenen Historiker vorgestellt, während sämtliche anderen Gäste als nicht umstritten dargestellt wurden. Das war nicht fair. Zweitens hat er eine private Mail von mir eingeblendet. Das geht nicht, da hätte er mich vorher fragen müssen. Drittens hat er die Mail zerschnitten und mir dann unterstellt, ich hätte mich widersprüchlich geäussert. Das stimmte aber nicht. Das war Lückenpresse live. Die Sendung geriet ausser Kontrolle. Ombudsmann Roger Blum untersuchte den Fall und kam zum Schluss, dass Mails nicht zerschnitten und ohne Einverständnis auch keine privaten Mails eingeblendet werden dürfen.

Wie würden Sie die Schweizer Universitätslandschaft beschreiben?
Die Studenten habe ich als sehr wach erlebt und ich hatte an allen Orten gute Kollegen aus dem Kreis der Dozenten. Die Schweizer Unis leisten sehr viel gute Arbeit. Sobald man aber 9/11 in Frage stellt, also nicht die offizielle Version vom damaligen Präsident Bush akzeptiert, gerät man unter massiven Druck. Das kommt einem Forschungsverbot gleich. Das finde ich sehr schade. Man sollte auch in der Schweiz zu 9/11 frei forschen und kommunizieren können.

Wie stark bedauern Sie, dass Sie keinen öffentlichen Lehrauftrag mehr haben?
Ich finde es schade. Möglicherweise ist es ein Kapitel, das jetzt endet. Ich gebe zurzeit sehr viele öffentliche Vorträge. Interaktion wie mit den Studenten ist bei diesen Vorträgen vor rund 500 Leuten nicht mehr möglich. Die angenehme Zusammenarbeit mit den Studenten und auch mit Rolf Wüstenhagen werde ich vermissen.

Ihre Vorträge sind oft ausverkauft. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Einerseits sind es vermutlich meine Themen: Illegale Kriege, verdeckte Operationen und auch erneuerbare Energien. Eine solche Mischung wird nicht von vielen geboten. Zudem spreche ich so, dass mich die Leute verstehen.

Sie stellen oft hochgradig kontroverse Fragen, die Antworten darauf bleiben Sie dem Publikum jedoch schuldig. Ist das eine legitime Taktik?
Es ist bei 9/11 die einzige Taktik. Bush sagte, dass die Sache geklärt sei. Es war Bin Laden, jegliche Zweifel ausgeschlossen. Das nennt man dogmatisch: Jemand sagt, dass er begriffen habe, wie etwas war und aufgrund dessen sind keine Fragen mehr dazu erlaubt. Als Wissenschaftler habe ich unzählige Fragen zu 9/11. Diese muss ich als Historiker stellen, aber ich muss sie nicht unbedingt beantworten, solange die Datenlage undurchsichtig ist. Ich konzentriere mich derzeit auf das WTC-7-Gebäude, das auch am 11. September einstürzte, aber nicht von einem Flugzeug getroffen wurde. Da sehe ich nur zwei Möglichkeiten, und zwar Feuer oder Sprengung. Immer wieder habe ich verschiedene Menschen gefragt, wie viele Gebäude am 11. September 2001 in New York zusammengestürzt seien. Die meisten glauben es seien zwei – die Twin Towers – tatsächlich aber waren es drei Gebäude.

Gab es in den letzten Jahren entscheidende, neue Erkenntnisse zu 9/11?
Ja. Zuerst wusste man gar nicht, dass es dieses Gebäude gab. Dann hat man erfahren, dass es zusammenstürzte. Jetzt gibt es in den USA zwei Lager. Eines sagt, Sprengung sei wahrscheinlich. Das andere behauptet, WTC 7 fiel wegen Feuer. Ich selbst lege mich nicht fest, beobachte die Debatte in den USA aber genau. Die «Architects & Engineers for 9/11 Truth», eine Gruppe von knapp 3 000 Architekten, hat die Forschung zum WTC-7-Gebäude vorwärtsgebracht. Diese Gruppe sagt immer wieder, dass vieles auf Sprengung hindeutet. Dann veröffentlichte das NIST (National Institute of Standards and Technology) 2008 eine Studie. Gemäss dieser sei die Ursache Feuer gewesen. Derzeit hat Leroy Hulsey von der Universität Alaska das ganze Gebäude noch einmal modelliert. Hulsey sagt, Feuer kann es nicht gewesen sein. Seine Resultate werden noch in diesem Jahr erwartet. Man ist in den Details viel weiter. Ich sage aber nicht, dass es schon geklärt ist, ob es Feuer oder Sprengung war.

Tendieren Sie eher zur Variante Feuer oder Sprengung?
Bis jetzt wissen wir, dass in der internationalen Politik immer wieder gelogen wurde. Die ABC-Waffen im Irak-Krieg 2003 gab es nicht und die Verbindung von Saddam Hussein zu 9/11 wurde nur behauptet. Viele amerikanische Soldaten mussten in den Krieg und begehen jetzt Selbstmord, da sie herausfinden, dass sie von A bis Z belogen wurden.

Wird das Zusammenstürzen des WTC-7-Gebäudes noch abschliessend aufgeklärt?
Ja, ich denke schon. Ich hoffe, dass man das in den nächsten zehn Jahren klären kann. Wir haben die Informationsrevolution, alles ist viel, viel schneller. Deshalb sollten wir diese Frage schon noch knacken können. Die wichtige Forschungsarbeit hierzu wird in den USA gemacht, nicht in der Schweiz.

Wo wären Sie heute ohne soziale Medien wie Youtube oder Facebook?
Dann wäre niemals eine so grosse Öffentlichkeit entstanden. 2005 wurde Youtube gegründet. Das hat die digitale Revolution stark angetrieben. Zuerst habe ich gedacht, Youtube sei für Leute, die einen doofen Film über eine ins Schwimmbad fallende Katze machen. Ich habe Youtube damals völlig unterschätzt. Dann habe ich an der Universität Tübingen eine Vorlesung vor 600 Menschen gehalten. Diese wurde gefilmt und auf Youtube publiziert und hat bis heute mehr als eine Million Views. Dadurch wurde meine Forschung vielen Menschen bekannt.

Ihr 2016 erschienenes Buch «Illegale Kriege» wurde zum Bestseller. Zu welchem Anteil beruht ihr Werk auf Spekulation?
Zu null Prozent. Ich spekuliere nicht, sondern basiere meine Arbeit auf Fakten. Der Kern des Buches ist das Uno-Gewaltverbot. Das ist geltendes Völkerrecht und damit keine Spekulation. Die zwei Seiten zu 9/11 zeigen den laufenden Streit in den USA. Dort sage ich: Es gab ein drittes Gebäude, das zusammenstürzte, das ist ein Fakt. Bezüglich der Ursache könnte man spekulieren, was ich aber nicht tue.

Viele Leute kritisieren Ihre Arbeit als nicht wissenschaftlich.
Wenn jemand einen solchen Vorwurf erhebt, muss er ihn belegen. Ich wurde schon dafür kritisiert, dass ich nicht nur Nato-Quellen verwende. Wenn ich zum Beispiel «Russia Today» zitierte, heisst es, das sei eine unseriöse Quelle. Dabei ist das schlichtweg die Sicht der Russen, sowie es «CNN» für die Amerikaner ist. Wieso sollte die eine Quelle seriöser als die andere sein? Ich muss als Historiker beide Blickwinkel miteinbeziehen. Die Kritiker sollen mir sagen, welche Quellen konkret unseriös sind, dann können wir gerne über diese sprechen.

Gibt es auch legale Kriege?
Wenn der Uno-Sicherheitsrat ein explizites Mandat erteilt, ist ein Krieg nach Völkerrecht legal. Moralisch kann er aber immer noch falsch sein. Und wenn ein Land angegriffen wird, darf es sich verteidigen.

Was ist der Hauptgrund dafür, dass Sie die Nato aufs Schärfste kritisieren?
Die Mitgliedstaaten der Nato haben am meisten Länder bombardiert. Die USA sind der mächtigste Mitgliedstaat, sie haben Afghanistan und den Irak, aber auch insgesamt am meisten Länder bombardiert. Das ist eine rein statistische Auswertung. Einige Journalisten regen sich auf, wenn ich sage, dass die USA sehr viele illegale Kriege geführt haben und dass Bush ein Kriegsverbrecher ist. Wir sollten eine freundschaftliche Beziehung zu den USA pflegen. Aber auch einem guten Freund sollte man offen sagen, wenn er sich falsch benimmt.

Auf welches Ereignis des aktuellen Zeitgeschehens konzentrieren Sie sich?
Syrien. Am 14. April 2018 erfolgte ein Militärschlag von Trump, Macron und May. Dabei handelte es sich um einen illegalen Angriff. In diesem Zusammenhang interessierte mich, ob sie auch russische Stellungen bombardierten, denn in diesem Fall wäre eine direkte nukleare Konfrontation entstanden. Das haben sie glücklicherweise nicht gemacht. Und die Russen haben als «Verbündete» der Syrier zum guten Glück auch nicht zurückgeschossen. Unser Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis hat sehr gut auf dieses Ereignis reagiert. Er stellte klar, dass auf Basis einer nicht geklärten Geschichte, namentlich dem Giftgasanschlag in Duma am 7. April, bombardiert wird. Nun sieht es tatsächlich danach aus, dass es in Duma keinen Giftgasanschlag gab. Die Behauptungen der Amerikaner, Briten und Franzosen waren also scheinbar falsch. Das muss man nun weiter untersuchen.

Was halten Sie von Donald Trump?
Ich finde ihn unberechenbar. Für mich ist er auch ein Kriegsverbrecher, weil er Syrien ohne Uno-Mandat bombardiert hat. Zudem stützen die USA in Syrien die Rebellen, was ebenfalls verboten ist. Das ist ein klassisches Muster der verdeckten Kriegsführung: In einem anderen Land werden militante junge Männer bewaffnet – «The enemy of my enemy is my friend». Dieser Trick wurde in Kuba, Serbien und in Afghanistan angewendet.

Haben Sie die Hoffnung auf weltweiten Frieden aufgegeben?
Nein, ich hoffe wir können eine Wende hin zum Frieden schaffen, es ist durchaus in unserem Interesse als Menschheitsfamilie. Am Schluss des Zweiten Weltkrieges sind wir in Europa vor einem Scherbenhaufen gestanden. Dann hat man die Uno gegründet und das Gewaltverbot statuiert. Seither gibt es das Uno-Gewaltverbot als eine Art Juwel, aber auf der anderen Seite sind wir im nuklearen Zeitalter. Es muss unbedingt verhindert werden, dass sich die Nuklearmächte gegenseitig bekämpfen. Ansonsten wird der Schaden so gross, wie er in der Geschichte noch nie war. Weltweit gibt es 16 000 Atombomben. In diesem Kontext heisst es dann wieder, das sei eine Verschwörungstheorie. Überhaupt nicht! Jeder kann die Atombomben zählen. Das sind reale Gefahren. Deshalb muss man genauestens beobachten, wie Kriege ausbrechen. Der Afghanistan-Krieg ist mit 9/11 ausgebrochen und der Irak-Krieg mit den ABC-Geschichten. Ich lege meinen Fokus immer auf den Anfang. Da halte ich den Finger drauf.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?
Ich möchte mich für die Energiewende einsetzen. AKW- oder Kohlekraftwerk-Strom will ich nicht. Eine Energieversorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie ist möglich. Es ist nur eine Frage des Geldes, die Technik haben wir bereits heute. Auf meinem Dach produziere ich mehr Sonnenstrom, als ich brauche. Zudem haben wir in der Schweiz die wertvolle Wasserkraft und die Stauseen. Durch den Tag werden wir in Zukunft mit kleinen Batteriespeichern arbeiten, die immer billiger werden.
Eine weitere Vision von mir ist die gewaltfreie Lösung von Konflikten. Das Uno-Gewaltverbot und Achtsamkeitsübung, all das wird immer Teil meine Arbeit bleiben. Und das Verhältnis mit den Medien ist einfach so, dass ich manchmal gelobt, manchmal aber auch angegriffen werde. Das wird immer so bleiben. Ich werde meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen weiterführen, was auch immer andere über mich schreiben.