Vom charmanten Fragen nach einem Feuerzeug in den 50ern zum links und rechts Wischen. Von der ersten Liebe und jugendlichen Ausrutscher, der in einer Ehe geendet hat zum unverbindlichen Treffen dank des links und rechts Wischens.

Noch bis zur Generation unserer Urgrosseltern herrschte in weiten Teilen Europas ein konservatives Ehe- und Beziehungsideal, aus Kennenlernen, Heirat und damit verbundenem lebenslangem Zusammensein und erzwungener Treue, aus strikten gesellschaftlichen Zwängen und Normen bestehend. Es war oftmals schwer, den Idealen Lebenspartner oder Lebensabschnittspartner zu finden, aber es gab auch Dutzende von funktionierenden und glücklichen Beziehungen oder Ehen. Scheidungen, gleichgeschlechtliche Beziehungen, unverheiratete Paare, Treffen mit Personen aus einem anderen Kulturkreis oder sozialer Klasse waren ein gesellschaftlicher Makel.

Die Suche nach der besseren Hälfte

Dating, Kennenlernen und Treffen hat sich über die letzten Dekaden ständig verändert. Die Partnersuche und Beziehungen unserer Urgrosseltern, Grosseltern und Eltern gestaltete sich anders als in unserem heutigen globalen und vernetzten Zeitalter. Ohne darauf einzugehen, ob früher alles besser war oder nicht, und ob Lovoo, Tinder und Elitepartner nun die Romantik aus dem Dating und den Beziehungen nehmen oder nicht, wie war es früher?
Mit moderner Technik und einer aufgeklärteren, progressiveren Gesellschaft änderte sich vieles für liebeshungrige Jugendliche auf der Suche nach dem Seelenpartner im Lauf der Geschichte, doch manche Dinge bleiben gleich. Jede Liaison oder diamantene Hochzeit beginnt ja bekanntlicherweise mit dem Erstkontakt. Doch wie machte Frau oder Mann das Objekt der Begierde ohne Disco, Studentenbar mit Gin-Tonic Happy Hour, WhatsApp oder Tinder auf sich aufmerksam?
Der Grundbaustein jeder Beziehung, das Kennenlernen, unterscheidet sich nicht nur von Altersgruppe zu Altersgruppe, sondern ändert sich auch permanent im Laufe der Jahrhunderte.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Früher war man in seiner Mobilität deutlich eingeschränkter. Verreisen und Urlaube waren etwas Seltenes und nicht nur einer reichen privilegierten Gruppe vorbehalten. Der Lebensradius und somit auch «Liebesradius» einer Person war an ihr geographisches Zuhause gebunden. Auch heutzutage ist es nicht gerade selten, dass die erste, grosse Liebe meistens aus der Nachbarschaft kommt, im Sandkasten mitspielt oder im selben Bezirk oder der selben Stadt wohnt. Fernbeziehungen stellten eine Seltenheit dar und eine Fernbeziehung war im Vergleich zu heute auch eine mickrige Pendelstrecke von 25 Minuten. Meine Grossmutter erzählte, wie sie mit 20 auf einem Ball einen charmanten, jungen Mann kennenlernte, der leider in der nächst-grösseren Stadt wohnte. Die Zugverbindung machte häufige Treffen nahezu unmöglich und so wurde mithilfe von Briefen kommuniziert. Der Briefwechsel endete aber, als ihre Mutter die Briefe entdeckte und sie allesamt im Kamin verbrannte.
In Europa ist heute so eine Situation undenkbar. Zwar hatten wir sicherlich alle ein wachsames elterliches Auge über unseren ersten Beziehungen im Teenageralter, jedoch geniessen wir heute eine nie zuvor dagewesene Freiheit und auch beim Telefonieren muss niemand mehr aus der Leitung, um miteinander über Probleme, Wünsche und das Tagesgeschehen zu reden. Dank Tinder und Konsorten stellt es heutzutage kein Hindernis dar, seinen Partnersuchradius auf dutzende Seemeilen zu stellen (der Autor dieser Zeilen hat keine Ahnung, wie Tinder funktioniert oder wie man mit einer Person aus einem anderen Kontinent zusammenzukommt).

Mit Social-Media-Stalking-Skills verschwinden Geheimnisse

Auch das Verabreden und Ausgehen änderte sich drastisch. Bis zum Zeitalter der Mobiltelefone wurden Dates eine Woche im Voraus mündlich vereinbart und der Partner wurde noch von zu Hause abgeholt. In Kontrast dazu sind Verabredungen in unserer digitalisierten Welt routinemässig und können jederzeit per Kurznachricht wieder abgesagt werden. Auch die Locations änderten sich. Während man früher in Swing und Jazz Bars oder auf Bällen mit schwungvollen Moves sein Gegenüber beeindrucken konnte, sind es heute «DrumandBass Discoraves», Indie Konzerte und ähnliche Lokalitäten. Stummfilmkino, Autokino oder 3D Kino stellen weiterhin beliebte Treffpunkte dar (sind aber fürs erste Date nicht zu empfehlen, da man sich ja kennenlernen sollte anstatt zwei Stunden auf eine Leinwand gaffen).
Ohne jetzt wie ein grauhaariger, alter Mann klingen zu wollen, sagte man früher zu Dates noch Rendezvous und verband damit einen mittellangen bis langen Spaziergang, bei dem man ein erstes Gespräch führte. Dabei redete man über Hobbies und Interessen, die heutzutage etwas langweilig erscheinen können, da Leute damals in ihren Ressourcen beschränkt waren und alle noch den Traum von der fixen Anstellung und einem Eigenheim pflegten. Heute haben wir «Extrem Tramping», «Extrem Ironing» oder Netflix. Dank des Internets und seiner Fähigkeit, peinliche Babyfotos und Rauschbilder verschwinden zu lassen, kennt jeder von uns, dank jahrelang entwickelter Social-Media-Stalking-Skills die Interessen, Vorlieben und die Erlebnisse aus dem letzten Dubai Urlaub im Jahre 2014 vom entsprechenden Objekt der Begierde.
Damals verabredete man sich noch in einem der exklusivsten Cafés der Stadt. Dank Inflation ist das für uns arme Studenten nahezu unmöglich. Da zwei Kaffee und zwei Mehlspeisen so viel kosten wie ein neuer Pullover oder das Mikro-Buch; ausser Ihr heisst Maximilian. So sind heute Treffen im Starbucks, Vapiano oder auch McDonalds normal.

Frei sein. Geliebt sein.

Bis zu den 60ern waren Dates und Beziehungen hauptsächlich «männerdominiert» und der Sex war zwar ein wesentlicher Bestandteil jeder Beziehung, stand jedoch nicht so im Vordergrund, wie dies in unserer Zeit der Fall ist. Denn jeder Ausrutscher könnte eine ungewollte Schwangerschaft bedeuten und darauf folgte eine Ehe. Sowohl Männer als auch Frauen konnten bis dahin nicht viele sexuelle und partnerschaftliche Erfahrungen vorweisen, weil sie keine Erfahrung mit anderen Personen sammeln konnten. Da junge Menschen damals noch bei den Eltern wohnten, gab es auch keine Möglichkeit, irgendwelchen ausgefallenen Sex zu haben. Mit der 68er-Generation kam dann eine Veränderung, Antibabypille, mehr Mobilität und die Musik war auch ein wichtiger Indikator dafür, was anders lief. Das Ganze hatte jedoch auch einen etwas komischen Touch, weil die Menschen im Allgemeinen trotzdem noch konservativ dachten. Dadurch kam es auch zu einer Revolution in Sachen Dating und Beziehungen. Heiraten, Kinder bekommen und für immer Hausfrau bleiben, war nicht mehr im Fokus der Frauen. Nein, jetzt äusserte man auch den Wunsch, sich stattdessen einen Job zu suchen und die Welt zu bereisen. Auch bei der Partnerwahl hatte man mehr Freiheiten. Man sass eben nicht mehr einfach nur zu Hause rum und liess sich vom Fernseher berieseln. Der Wunsch nach Freiheit und Liebe wurde stets grösser und damit auch die Problemstellungen einer Beziehung. Die ewige Suche nach dem signifikanten Anderen, Treue, Monogamie, Distanz, Onlinedating und Tinder sind alles Phänomene dieser Offenheit.

Bild: Benjamin Standfest