Wer kennt alle Nachbarn in seinem Wohnblock persönlich? In Zeiten von WG-Hopping und Weltbürgertum wohl kaum jemand. Unsere Autorin hat sich auf den Weg gemacht, ihre in der Anonymität lebenden Nachbarn kennenzulernen – mit überraschenden Erkenntnissen.

Jeden Morgen, abgesehen von Donnerstagmorgen nach dem Mittwochabend im Ele, hetze ich, die Wohnungstüre hinter mir zuknallend, zur Bushaltestelle. Dabei nehme ich mehrere Treppenstufen gemeinsam und renne an eins, zwei, drei, … sechs anderen Wohnungstüren vorbei. Bis auf die saisonal angepasste Dekoration vor und an den verschlossenen Türen blieb in den letzten eineinhalb Jahren immer alles beim Alten – keine Menschenseele weit und breit. Obwohl ich mich noch nie richtig mit meinen Nachbarn – wenn man denn diese so nennen kann – auseinandergesetzt habe, sehe ich doch ein innerliches Bild von meinen Hausgenossen vor mir. Gegenüber muss aufgrund des tagtäglich im Treppenhaus hängenden Dufts von Pizza und des häufigen Besuchs von la famiglia, ein älteres, italienisches Ehepaar leben. Eine Etage weiter unten lebt, den animalischen Rufen und Schreien bei Fussballspielen und beim geschlechterübergreifenden Sport nach ein junger Mann. Abgesehen von seinen weissen Adidas-Trainerhosen im Waschraum und den grösseren und kleineren Paketen, die er tagein, tagaus erhält und die den Eingang versperren, habe ich auch ihn noch nie zu Gesicht bekommen. Von den anderen vier Hausbewohnern kenne ich weder Geschlecht noch Alter und weiss auch nicht, ob sie eine Familie haben.

Dies soll sich ändern und so mache ich mich eines Donnerstagabends – vom Mittwochabend im Ele hatte ich mich mittlerweile erholt – auf, um die unbekannte Spezies Nachbar zu erkunden. Mit gemischten Gefühlen verlasse ich meine Wohnung und klingle einen Ausfallschritt weiter beim italienischen coniugi. Unsicher, was mich erwarten wird, stelle ich mir die klischeehaftesten Szenarien überhaupt vor. Daher bin ich nicht überrascht, als mir eine ältere Dame lächelnd die Türe öffnet. Nachdem ich mich kurz vorgestellt habe, antwortet sie freundlich – nun bin ich überrascht – im ausgeprägtesten St. Galler Dialekt. Dementsprechend nett und freundlich ist auch der weitere Verlauf unseres zehnminütigen Gespräches – ich müsse unbedingt wieder einmal vorbeikommen und wenn ich etwas brauche, soll ich mich ungeniert melden. Erleichtert, aber auch ein wenig enttäuscht über das wenig aufschlussreiche oder skandalöse Gespräch mache ich mich gemächlich auf zur nächstunteren Etage. Der junge Sportsfreund wird sicherlich viel Schreibstoff, Action und Dramatik für meinen Artikel hergeben. Ich mache mich wiederum auf einiges gefasst, gebe aber nach dem zweiten Mal Klingeln auf. Ich nehme mir vor, es bei meinem Hoffnungsträger am nächsten Tag noch einmal zu versuchen. Die weiteren vier Wohnungstüren bleiben an diesem Abend auch alle verschlossen. Entweder, weil die Bewohner wirklich nicht zu Hause, oder weil sie schlichtweg nicht daran interessiert sind, ihre Nachbarin kennenzulernen.

Mit denselben hohen Erwartungen klingle ich mich am Nachmittag darauf nochmals durch das Gebäude und eine Frau mittleren Alters – Krankenschwester, wie sie mir nach gehörigem Bohren verrät – öffnet die Tür. Sie besitzt nicht den Charme der alten Italienerin und kann sich eher weniger als mehr dazu überwinden, ein wenig mit mir zu plaudern. Was sie mir alles erzählt, möchte ich euch eigentlich auch lieber ersparen. Ihr Beruf im Spital und die damit verbundenen Aufgaben sind das Highlight des Gesprächs. Niedergeschlagen, aber mit einem letzten Funken Hoffnung, steige ich die Treppen zur Skandalnudel des Hauses empor. Vielleicht hat er ein paar nackte Girls bei sich in der Wohnung, macht illegale Geschäfte oder sonst was Verrücktes. Ich will unbedingt wissen, wie der junge Mann lebt, wie er aussieht, als was er arbeitet und wie er auf meinen Wunsch zum gegenseitigen Kennenlernen reagiert. Trotz meines hartnäckigen Klingelns öffnet er die Türe nicht und ich gebe klein bei.

Es scheint, als muss ich mir selbst gar keinen Vorwurf machen, dass ich mich bis anhin nie für meine Nachbarn interessiert und mich auch nie bei ihnen gemeldet habe. Vier von den sechs Nachbarn waren entweder nicht zu Hause oder möchten anscheinend weiterhin in ihrer Anonymität leben. Vielleicht ist der Grund dafür aber auch der Zeitgeist – geringere Konzentration auf die Gesellschaft, dafür umso grösser der Wunsch nach privatem Raum und Fokus auf das eigene Individuum. Jedenfalls will ich eben meinen Schlusssatz beginnen, als die Schreie aus der Sportsfreund-Wohnung unterhalb der meinigen wieder unüberhörbar einsetzten – weg ist die Konzentration, weg ist die Inspiration. Wer weiss, vielleicht ist dies ein Zeichen, meine Nachbarsbeziehung ruhen zu lassen und weiterhin jeden Morgen, abgesehen von Donnerstagmorgen nach dem Mittwochabend im Ele, die Wohnungstüre hinter mir zuknallend an meinen anonymen Nachbaren vorbei zur Bushaltestelle zu rennen.