Festivaldirektor Christof Huber erzählt warum er jedes Mal froh ist, wenn das Openair St. Gallen wieder vorbei ist, wie man zu seinem Traumberuf kommt und als Festivalorganisator bestehen kann.

Angefangen hat Huber 1993 als Assistent des Geschäftsführers des OASG. «Eine Kollegin war schon im Team dabei und hat mich auf die Stelle aufmerksam gemacht.» Das Christof Huber für seinen Beruf brennt, merkt man und dies hat er auch schon damals beim Bewerbungsgespräch überzeugend darlegen können: «Ich bin der beste Mann für diesen Job. Ihr müsst mich einfach nehmen», waren seine Worte verbunden mit dem Hinweis, dass der die Entscheidung bereits am gleichen Tag braucht.

Die Organisationsstruktur im Wandel

Die Entwicklung des Festivals machte 1993 eine Umstrukturierung nötig. Von einem grossen Organisationsverein mit rund 50 Mitgliedern schrumpfte das Organisationskommittee auf einen Trägerverein mit acht Mitgliedern: «Die Umstrukturierung war nötig. Man kann keinen so grossen Event organisieren, wenn 50 Leute anfangen herumzudiskutieren.» Man wollte mit der Zeit gehen. Zuvor waren zum Beispiel der Verkauf von Alkohol und die Anzahl internationaler Bands statutarisch begrenzt. Obwohl das Festival schon damals über 30 000 Besucher anzog, entschied man sich für eine Modernisierung und Professionalisierung. Dabei schoss man laut Huber aber über das Ziel hinaus. Die Band Metallica steht sinnbildlich für diese Zeit. Die finanziellen und organisatorischen Herausforderungen, die mit deren Auftritt 1999 verbunden waren, waren zu ambitioniert. Gleichzeitig ausbleibende Besucher und damit Ticketverkäufe resultierten in grossen Verlusten.
«Seit 2000 war uns klar: Wir müssen es ganz in eine Firma umwandeln. Seitdem steht das Openair auf stabilen Füssen.» Die bestehende Vereinstruktur war dem Management einer Unternehmung dieser Grösse und eines Budgets im Umfang von vier bis fünf Millionen Franken nicht mehr gewachsen. Ein professionelles Controlling sowie eine fundierte Budgetplanung wurden eingeführt. Durch die Umstrukturierung zeigten sich auch ganz gegensätzliche Philosophien, zwischen denen, die sich für eine Modernisierung und Professionalisierung aussprachen und solchen, welche die neuen Strukturen als unnötig empfangen und am liebsten gewollt hätten, das alles bleibt wie es ist. Inzwischen ist die Organisation rund um das OASG in eine Holdingstruktur überführt worden. Unter diesem Dach werden vier Festivals organisiert, so zum Beispiel auch das Summer Days Festival in Arbon.

Verhältnis zur Stadt

Nach dem «Metallica-Crash» 1999 wurde das Openair mit Darlehen von Stadt und Kanton gerettet: «Da hat sich ganz deutlich gezeigt, für wie wichtig uns die Stadt hält und wie weit sie bereit ist, uns entgegenzukommen.» Trotzdem gab es um den OASG-Bailout damals auch viele kritische Stimmen. Die Führung habe sich einiges anhören müssen und für ein Jahr schlaflose Nächte gehabt. Die Darlehen sind inzwischen zurückbezahlt, das gute Verhältnis zu den Gesetzeshütern ist geblieben. Stadt und Openair ziehen an einem Strang.

Ein geschlossener Kreis

«Das OASG ist doch eh ausverkauft. Das ist schon ein lustiges Phänomen. Ich höre das immer wieder. Auch jetzt. Dabei sind wir gar nicht ausverkauft. Es gibt noch 2000 bis 2500 Tickets.» In den Köpfen der Leute sei aber eine ganz andere Ansicht etabliert. Für die Betreiber ist dies tatsächlich ein Problem. Die Marketingstrategie musste umgestellt werden. Ein Selbstläufer ist das OASG nicht. Inzwischen hat das Team um Christof Huber die Thematik aber im Griff. Sie setzten dabei erfolgreich auf Kundenbindung und Loyalität.
Von besonderer Bedeutung ist 2017 wohl das Fanportal, mit dem ein Schwarzmarkt für Festivaltickets verhindert werden sollte. Durch dieses kamen immer die gleichen Fans des Openairs nach St. Gallen, wodurch auch eine immer stärkere Regionalisierung zu beobachten ist. Obwohl das Portal so viele Verteile bietet, sagt Huber ganz klar: «Hätten wir einen ganz normalen Vorverkauf, zum Beispiel über Ticketcorner, dann wären wir ausverkauft, zu 200%.» Das Openair 2017 wird wahrscheinlich wieder ausverkauft sein, trotzdem brauche es in Zukunft wieder andere Anstrengungen, um diesem schwer zu erklärenden Phänomen rund um die wahrgenommene Ticketknappheit beizukommen.

Von Kommerz und Festivalerlebnis

Der Festivalmarkt ist hart umkämpft. Die Schweiz ist europaweit das Land mit der höchten Festival-Dichte. Zudem gibt es immer mehr grosse Stadionkonzerte und das Reisen ist für die Besucher einfacher geworden. Das OASG konkurriert deshalb unter anderem auch mit dem Southside Festival. Durch die gestiegenen Ticketpreise ist es nun ausserdem in den allermeisten Fällen so, dass sich die Leute für einen einzigen Konzert- oder Festivalbesuch im Jahr entscheiden. Dafür müsse man den Besuchern dann umso mehr bieten: «Wir müssen uns bemühen, dass der Besucher Festivals nach wie vor als wichtiges Gut ansieht.» Von allergrösster Wichtigkeit ist natürlich das Line-Up, für das Christof Huber auch zuständig ist. Es brauche die richtigen Bands im Einzelnen, aber auch den passenden Mix im Gesamten, erklärt er uns. Der Prozess der Programmzusammenstellung beginnt im Oktober des
Vorjahres. Ziel ist es, nationalen und internationalen Newcomern ein Sprungbrett zu bieten. Um als Festival dieser Grösse am Markt zu bestehen, muss Christof Huber kommerziell denken. Für ihn ganz persönlich als Musikliebhaber und Festivalfan stehe das Erlebnis für den Besucher trotzdem im Vordergund: «Wenn ich das anschaue, was wir in St. Gallen machen, dann kann ich gut in den Spiegel schauen. Das ist für mich wichtig. Wir haben ein gutes Produkt und wir verarschen unsere Kunden nicht.»

Pioniere: 3-Liter Grenze und Cashless-System

Im Jahre 2010 wurde die 3-Liter-Regel eingeführt: Jeder Besucher des Festivals durfte von nun an nicht mehr als drei Liter Getränke ins Festivalgelände einführen. Der öffentliche Diskurs kam schnell zum Schluss, dass dies eine weitere Ausprägung der renditeorientierten Festivalorganisation ist. «Bei der Pressekonferenz riefen wir die anwesenden Medienvertreter explizit dazu auf, auch über das neue Home-Delivery-System zu informieren.» Damit die neue Regelung ihr Ziel, nämlich die Verringerung der Abfallmenge erreicht, ohne den Besucher zur teuren Konsumierung auf dem Gelände zu zwingen, wurde neu ein Bier-Lieferservice auf dem Zeltplatz angeboten, wo das Bier noch heute fast zu Einkaufspreisen vorbestellt, und gekühlt abgeholt werden kann. «Davon hat man aber wieder nichts in der Zeitung gelesen», erinnert sich Huber.
Als erstes Festival der Schweiz führte das OASG ein bargeldloses Zahlungssystem ein. Mittels RFID-Chip kann der Besucher sowohl den Eintritt, wie auch die Konsumierung auf dem Festival-Gelände ohne Bares oder ein physisches Ticket abwickeln. Der Schritt in die bargeldlose Zukunft war nicht ganz ohne Risiko: «Noch heute nach drei erfolgreichen Jahren mit dem System haben wir immer noch einen Stock Bargeld auf Abruf, um bei allfälligem Versagen des Systems auf die harten Franken ausweichen zu können.» Glücklicherweise kam dieser Notfallplan bis jetzt nie zur Anwendung. Ganz im Gegenteil. Das neue System bringt entscheidende Vorteile für die Festivalkoordination: «Wir wissen, wie viele Besucher, wo und zu welcher Zeit das Gelände betreten. Wenn Konsumationsspitzen oder Engpässe vorkommen, oder was an einem spezifischen Verpflegungsstand effektiv umgesetzt wird.» Diese Informationen ermöglichen es dem Festivaldirektor angepasste Preismodelle für die externen Standbetreiber anzubieten.

Eine persönliche Verantwortung

Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit hat sich deutlich gewandelt  und damit hat der Druck auf das Management deutlich zugenommen. Die Führungsriege ist gegenüber allen Besuchern und der weiteren Umwelt verantwortlich für alles, was passiert und trägt das Risiko. Die Anforderungen sind gestiegen. Ein grosses Unglück darf auf keinen Fall passieren. «Die Erleichterung am Sonntagabend ist bei uns allen schon sehr gross», gesteht uns der Festivaldirektor. Mit den gewachsenen Anforderungen geht ein immer professionelleres Risk Management einher. Daneben gibt es auch andere Faktoren, welche der ganzen Unternehmung als solche gefährlich werden können. Manche davon, wie zum Beispiel das Wetter, lassen sich nicht beeinflussen. Dazu kommt der stetig steigende Kostendruck und der inflationäre Anstieg der Künstlergagen.

HSG’ler am OASG

Für die eingefleischten St. Galler gehört der OASG-Besuch sowieso zum Jahresprogramm. Einige munkeln, dass Kurse bewusst so belegt werden, um am heiligen Wochenende Ende Juni Zeit für die einmalige Auszeit zu haben. Allzu oft fällt das Festival aber mitten in die Prüfungsphase, sodass einem Besuch schon sehr viel Commitment, oder seriöse Vorbereitung schon während des Semesters vorausgesetzt ist. «Go OASG or go home» könnte man schon fast sagen.

Bilder: Amelie Scholl