Der Ruheraum ist vor Kurzem ein Jahr alt geworden. Für ein Zwischenfazit haben wir die Meinungen der Studentenschaft sowie der Studierenden zum Projekt geholt – und Rektor Thomas Bieger um Marketing-Tipps gebeten.

Ein Tag wie jeder andere in St.Gallen: Die Sonne hat den Kampf gegen den Nebel zum wiederholten Mal verloren. Erst einmal mühsam aus dem Bett gequält, begibt man sich frierend in den vollgestopften Bus zur Universität, wo sich der Wärmezustand der Siedetemperatur nähert. 8:15 Uhr, die Vorlesung beginnt. Nach einem gefühlskalten Einstieg fliegen einem die Fremdwörter um die Ohren. Dispokredit, Annuitätendarlehen und Cost-Average-Effekt. Der Körper rebelliert, die Augendeckel werden immer schwerer. Die Gedanken schweifen ab. Die Welt um einen herum – sie wird nur noch sukzessive wahrgenommen. Seit gut einem Jahr gibt es eine Lösung für diese allzu häufige Situation: Den Ruheraum.

Aus einer Bachelorarbeit entstanden

16 Liegen stehen dort für müde Studierende bereit. Die Idee dazu stammt aus einer Bachelorarbeit aus dem Jahr 2011. Nachdem die Studentenschaft auf den Bedarf aufmerksam wurde, wurde das Projekt im Herbst 2012 vom Studentenparlament abgesegnet und von der SHSG unter Architekturstudenten ausgeschrieben. Nach einer Bau- und Einrichtungsphase konnte der Raum schliesslich im September letzten Jahres eröffnet werden. Professor Thomas Bieger, Rektor der Universität, war bei der Eröffnung dabei, das Konzept gefällt ihm: «Erholungsräume gehören zu einem modernen Umfeld im Bereich der Wissensarbeit dazu. Die HSG bietet als Universität im Grünen deshalb weitere Möglichkeiten». Vor allem aufgrund der wachsenden Studierendenzahlen sei er froh, dass eine Rückzugsmöglichkeit geschaffen wurde.

Wie es sich für einen Rektor der Universität St.Gallen gehört, ist Freizeit für Bieger nicht zwingend unproduktive Zeit: «Im Studium und generell bei Wissensarbeiten verschmelzen Arbeit und Freizeit. Oft kommt einem ja die beste Idee für die Struktur einer Semesterarbeit oder Rede beim Joggen, der wertvolle Impuls für eine neue Strategie für ein Forschungsprojekt beim Kaffee mit Kollegen.» Trotzdem seien von der Universität in nächster Zeit keine Regenerationsräumlichkeiten geplant. Es sind andere Projekte, die zurzeit im Fokus stehen: «Generell wird das Arbeiten in Gruppen wichtiger. Wir müssen deshalb vermehrt und rasch, noch vor einer Fertigstellung des erweiterten Campus, versuchen, zusätzliche Studienarbeitsplätze in verschiedenen Formen bereitzustellen», so Bieger. Dabei könne es sich sowohl um Gruppen- oder Einzelarbeitsplätze wie auch um Bereiche im Lounge- oder Bürostil handeln.

Sponsor gesucht

Im Gegensatz dazu möchte die Studentenschaft die Regenerationsmöglichkeiten weiter ausbauen. So ist ein neues Projekt in Planung, welches zurzeit noch in Absprache mit der Universität steht. Grund dafür sind die durchwegs positiven Feedbacks zum Ruheraum. «Es gibt nur ein paar kleinere Mängel, wie etwa hörbare Schritte oder der laute Luftzug beim Öffnen der Tür», so Kilian Bader, der als IT- Chef zuständig für den Ruheraum ist. Die seien aber mit den begrenzten Mitteln kaum zu beheben. Ebenfalls nicht unbescheiden war die Einrichtung des Raums, die vor allem aufgrund des Denkmalschutzes am Ende mit 180’000 Franken zu Buche schlug. Die Studentenschaft musste sich beim Umbau an strenge Richtlinien halten, der Raum musste komplett verputzt und schallgedämmt werden. Doch der Studentenschaft waren diese Investitionen wichtig. «Denn im universitären Bereich setzen wir mit unserem Ruheraum Massstäbe», gibt Kilian zu bedenken. Auch die laufenden Kosten haben es in sich: Rund 20‘000 Franken werden jedes Jahr investiert, der grösste Kostenpunkt ist die Entlohnung der Aufsichtsperson. Die Anstellung einer Aufsichtsperson wurde vom Studentenparlament beschlossen. «Sie sorgt für Ruhe und Ordnung und minimiert Beschädigungen an den Möbeln. In der Tat ist das Potenzial der unsachgemässen Verwendung oder gar eines gewaltsamen Übergriffs im Ruheraum nicht zu unterschätzen». Sex und Crime also im Ruheraum? Da lohnt es sich nachzufragen. Doch Kilian winkt lachend ab: «Bisher wurden keine Zwischenfälle gemeldet. Auch das Mobiliar sieht immer noch aus wie am Eröffnungstag». Getragen wird die komplette Finanzierung momentan von der Studentenschaft. Damit soll aber bald Schluss sein: So arbeitet SHSG-Finanzchefin Krenare Berisha intensiv an einem Sponsoringkonzept für den Ruheraum. Viel Aufschwung also rund um das Flaggschiff der SHSG. Einen Wermutstropfen gibt es aber: Zwar hat die Auslastung gegenüber den letzten Semestern zugenommen, Kilian Bader sieht aber bei der Belegung noch Luft nach oben: «Einige Studierende nutzen den Raum sehr rege, bei anderen hat er sich noch nicht rumgesprochen.»

Tipps vom Rektor

Doch wie kann man die Auslastung des Raums weiter erhöhen? Wenn einer diese Frage beantworten kann, ist es Marketing-Profi Thomas Bieger. Er plädiert für den Ausbau des gezielten Point of Sales Marketing: «Der Ruheraum ist zwar an einer Stelle mit viel Besucherfluss – aber von aussen kaum sichtbar». Hier müsse man ansetzen: «Der Ruheraum muss erkennbar sein und es müssen Schwellen zum Eintritt abgebaut werden», so Bieger. Auch bezüglich der Art und Weise schweben dem Rektor klare Ideen vor: «Warum nicht einmal die Aussentüre offen lassen oder die Belegung aussen angeben?» Auch bei der SHSG hat man sich schon Gedanken bezüglich eines offensiveren Marketings gemacht. In der diesjährigen Startwoche wurde deshalb bereits kräftig die Werbetrommel gerührt. Zudem sollen in nächster Zeit Werbeaktionen über die Kanäle der SHSG lanciert und hungrige Studierende durch Tischständerwerbung in der Mensa für einen Verdauungsschlaf angelockt werden.

Wer den Weg in den Raum gefunden hat, verbringt dort durchschnittlich übrigens eine Dreiviertelstunde. «Es gibt aber sogar Nutzer, die sich bis zu zwei Stunden im Ruheraum nicht nur ausruhen, sondern erholsamen Schlaf finden», so Kilian. Auch soll es bereits Stammgäste geben, die bei ihrem Eintritt in die Erholungsstätte jeweils kollegial begrüsst werden. Eine Liege reservieren dürfen aber auch sie nicht. «Wir sind ja nicht in Mallorca am Strand», meint Kilian. Die Katerstimmung dürfte aber zumindest am Donnerstagmorgen an beiden Orten durchaus vergleichbar sein.

 

Fotos: Adrian Gottwald/zvg