prisma sprach mit Juso-Präsidentin Tamara Funiciello über eine Welt ohne nationale Grenzen, Bedeutung von Solidarität und den Mut, das Wirtschaftssystem neu zu denken.

Wann hört bei Ihnen die Solidarität auf?

Solidarität definiere ich so: Ich helfe dir bei deinen Problemen, weil sie im Prinzip auch meine sein könnten. Die Solidarität hört bei mir da auf, wo es Probleme gibt, die nicht auch meine sein könnten.

Wie verhält es sich mit der Solidarität im System des Kapitalismus?

Solidarität, Gesellschaft und Gemeinschaft leiden unter dem Kapitalismus sehr stark. Das kann man nicht negieren. Der «Homo oeconomicus» hat stets Interessen, die von jenen anderer «Homines oeconomici» divergieren. Man lebt also in einem System, in dem Konkurrenz die Basis des Zusammenlebens bildet. Ich glaube, das Konkurrenz schädlich ist und zu einer Kannibalisierung der Gesellschaft führt. Man braucht Solidarität untereinander, damit es in einem solchen System nicht zum Knall kommt.

In was für einer Art von Kapitalismus leben wir in der Schweiz?

Wir leben nicht in einem absoluten Kapitalismus. Dazu kam es nie, weil es einen Staat gibt, der gewisse Dinge regelt. Zudem hat man kulturelle Einflüsse, die in einer kapitalistischen Logik nicht funktionieren. Ich denke an Religion und an gewisse zwischenmenschliche Beziehungen.

Worin sehen Sie die Gründe, dass sich ein System wie der Kapitalismus solange erfolgreich halten konnte?

Ganz klar, der Kapitalismus ist im Vergleich zum Feudalsystem ein Fortschritt. Ein Fortschritt, der irgendwann überwunden werden muss, weil der Kapitalismus jene Leute stärkt, die das Kapital besitzen. Gemäss Gramsci besteht jedes System einerseits aus Zwang und andererseits aus der Überzeugung, dass es funktioniert. Die herrschende Klasse hat Deutungshoheit über alles, namentlich die Mainstream-Meinung. Solange es dem System und den Leuten darin gut geht, glauben sie an das System. In dem Moment, in welchem das System die Fragen der Menschen nicht mehr beantworten kann, sinkt die Überzeugung für das System und der Zwang muss steigen. In der Schweiz haben wir heute eine sehr hohe Überzeugung für den Kapitalismus, da wir nach wie vor sehr stark davon profitieren. Faktisch gibt es noch keinen Zwang.

Wieso muss dann ausgerechnet die Schweiz den Kapitalismus überwinden?

Viele riesige Rohstofffirmen haben ihren Sitz in der Schweiz. Für uns ist es praktisch zu sagen, dass das System super ist. Wenn man aber Opfer irgendeiner Wasserverschmutzung von Glencore wird, oder das Wasser wie in Somalia von Nestlé privatisiert wird, findet man den Kapitalismus nicht mehr allzu toll. Dass der Kapitalismus Tote hervorbringt, kann man nicht mehr von der Hand weisen. Ich finde es unglaublich unkritisch, wenn man sagt, dass es das beste System ist, das man je gehabt hat. Wir befinden uns tatsächlich in einem Dilemma und denken darüber nach, ob wir gut leben oder aber Leute sterben lassen wollen.

Sollte man versuchen, etwas Supranationales zu bilden?

Unsere Utopie ist eine Welt ohne nationale Grenzen. Denn Grenzen sind von Menschen gemachte Trennlinien, die Menschen einzig aufgrund ihres Geburtsortes trennen. Aufgrund des Geburtsortes hat man andere Rechte und andere Chancen. Man ist nur dafür, wenn man davon profitiert. Das ist keine liberale Ansicht der Gesamtsituation, sondern eine sehr egoistische. Die Staaten funktionieren nicht nach den Bedürfnissen der Menschen, sondern nach den Bedürfnissen der Konzerne. Wir denken heute: Wenn es den Konzernen gut geht, geht es den Menschen auch gut. Das stimmt zunehmend immer weniger.

Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: «Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.» Was halten Sie davon im übertragenen Sinne auf die nationalen Grenzen?

Ich finde das eine wahnsinnig komische Ansicht. Die grossen Herausforderungen unserer Zeit können wir nicht im nationalen Kontext lösen. Das beste Beispiel dafür ist die ökologische Krise. Freihandelsabkommen wie TTIP und TISA sind möglich, während dem in anderen Kontexten stets die Souveränität der Staaten im Weg steht. Wir stecken in einem System mit Konkurrenz zwischen den Staaten, den Konzernen und Individuen fest.

Könnte der Konsument nicht für etwas mehr soziale Gerechtigkeit sorgen, indem er auf die allergünstigsten Produkte verzichtet?

In gewissen Läden verdient man 3200 Franken pro Monat – und das nach abgeschlossener Berufslehre. Und dann soll man den Leuten sagen, sie sollen teurere Kleider kaufen, damit es den Kindern in Bangladesch besser geht? Ich übertrage die Verantwortung nie auf die Konsumentinnen und Konsumenten. Ich finde das eine Frechheit. Mit solcher Politik verliert die SP. Das ist anmassend, ein Verkennen der Realität der Menschen.

Wie sollte sich die Politik der Zukunft präsentieren?

Es würde meiner Ideologie widersprechen, wenn ich sagen würde, dass ich heute die absolute Lösung habe. In meiner Vision sollte auf einer globalen Ebene geschaut werden, was man als Gesamtgesellschaft benötigt. Nachher hat man unterschiedliche Kommunen, in welchen demokratisch entschieden wird, was die einzelne Kommune produzieren möchte. Demokratie wird von der politischen Sphäre genommen und immer weiter ausgedehnt, bis sie die gesamte Gesellschaft übernimmt. Das ist meine Utopie.

Was sind die Pläne für Ihre weitere politische Karriere?

Mein Hauptziel ist etwas zu verändern, und nicht gewählt zu werden. Und genauso politisiere ich. Es muss keine politische Karriere sein. Es gibt schon viel zu viele Opportunistinnen und Opportunisten in der Politik. Ich sage ganz genau, was ich will – mit zahlreichen Fluchworten untermalt. Vielleicht lasse ich mich in zwei Jahren für den Nationalrat aufstellen. Ich frage mich dabei stets, ob ich den grössten Impact für unsere Bewegung in einer Gewerkschaft, in einer Hilfsorganisation oder tatsächlich in der Politik herausholen kann.

Stellen Sie sich mit dem in letzter Zeit zunehmenden Konfrontationskurs gegenüber der SP nicht das eigene Bein?

Wir bilden eine eigenständige, als Verein organisierte Partei und sind – als einzige Jungpartei der Schweiz – nicht an eine Mutterpartei gebunden. Genauso verhalten wir uns. Dass unsere Leute in der Tendenz später zur SP wechseln ist eine Tatsache. Schliesslich sitzen wir auch im Vizepräsidium der SP.

Kannst du dir vorstellen, jemals in die SP zu wechseln?

Ich kann es mir vorstellen, werde meine Überzeugungen aber keinesfalls aufgeben. Vor fünf Jahren wurde mir gesagt, dass mein Idealismus wohl irgendwann vorbeigehen wird. Fünf Jahre später sehen alle ein, dass er wohl doch nicht vorbeigeht. Ich werde niemals Politik betreiben, nur um gewählt zu werden.

Aber wenn man nicht gewählt wird, kann man nur sehr wenig verändern.

Das stimmt nicht. Es gibt viele Bewegungen, die gänzlich ausserhalb der Politik viel verändert haben. Wird Politik so definiert, dass man im Rat sitzt und ein «Knöpfli» drückt? Wir von der Juso sind systemrelevant, ohne dass wir auch nur eine gewählte Vertreterin oder einen gewählten Vertreter haben. Trotzdem werden wir wahrgenommen und diskutiert. Wer prägt die Politik jetzt tatsächlich?

Und was setzen Sie mit der HSG in Verbindung?

Nicht so viel. In linken Kreisen werdet ihr als schlechter Brand gesehen. Ich glaube nicht daran, da ich mich immer mit den Menschen auseinandersetze.