Die Stadt schläft, die Uni feiert. Wie die HSG den Spagat zwischen Unmut der Bevölkerung und Nichteinmischung in die Privatsphäre der Studenten meistert.

Sonntag vor der Startwoche. Das etwa zur Hälfte mit Tutoren gefüllte Audimax hört gebannt zu, als eine hohe Vertreterin der Uni eine eindrückliche Ansprache hält. Um Zusammenhalt innerhalb der HSG-Gemeinschaft geht es, um Verhaltensanweisungen für Repräsentanten der Universität und nicht zuletzt auch um etwas, auf das sich viele Tutoren – mich persönlich nicht ausgeschlossen – gefreut hatten: Gratis-Eintritte in St. Gallens Nachtclubs, Getränkegutscheine und weitere Annehmlichkeiten vonseiten der Partyveranstalter. Diese werden gezielt eingesetzt, um den Tutoren die Entscheidung, welches Etablissement sie mit ihrer Gruppe aufsuchen, einfach zu machen.

Bestechen lassen, so hiess es, dürfe man sich von nun an nicht mehr. Es könne nicht sein, dass private Unternehmen wie Nachtlokale die Studenten der Universität St. Gallen missbrauchen, so das Credo. Des Weiteren könne es auch nicht sein, dass die hiesige Nachtszene die Rolle der Startwochentutoren ausnutze, indem die Clubs den Tutoren Rabatte und Gutscheine offerierten, um im Gegenzug die gesamte, etwa zwanzigköpfige Gruppe im eigenen Tanzlokal begrüssen und verpflegen zu dürfen. Auf die harten aber nachvollziehbaren Worte folgte ein Raunen im Saal. Nicht wenige der Anwesenden hatten sich – wohl nicht ganz unbegründet – Hoffnungen gemacht, an den freien Teamabenden von ihrem Tutorenstatus zu profitieren. In den Köpfen der etwas partywütigeren Sorte von Startwochentutoren nistete sich bald die Frage ein, inwiefern die Universität denn effektiv in ihre nächtlichen Präferenzen einzudringen vermag. Retrospektiv lässt sich diese Frage wohl einfach beantworten: Wenig bis gar nicht.

Gerüchte breiteten sich in den nächsten paar Stunden wie ein Lauffeuer aus. «Die Uni will die Partyorganisatoren nur nicht auf dem Campus haben», hörte man von der ersten Person; «Die Credits werden entzogen!», fürchtete die nächste. Als Startwochentutor mit durchschnittlichem Verlangen nach übermässigem Exzess und den wildesten Partynächten war man gefangen in der Ungewissheit, ob man sich durch seine studentische Affinität zur Kostenoptimierung nun zum Kriminellen machte oder ob man nur das tat, was alle anderen sowieso auch tun.

Am darauffolgenden Tag ging die Startwoche los und die meisten Tutoren setzten sich noch genauer mit der jeweiligen Tages- und Abendplanung auseinander. Die Partyveranstalter machten sich verschiedene soziale Netzwerke als Informationsplattformen zu Nutzen. Die Rabattbänder für vergünstigten oder kostenfreien Eintritt wurden in einer Studenten-WG abgeholt und schon war das System ausgetrickst. Besonders geheim war der Plan keineswegs: Wer hinschaute – und die Universität sieht bekanntlich alles – konnte das Treiben nicht übersehen. Das Verhalten der Uni nicht als «tolerieren» zu bezeichnen, würde ihr höchstens Inkompetenz bescheinigen.

Harte Worte und die Vermarktung als Sittenpolizei stehen der HSG in diesen Tagen wohl nicht schlecht, insbesondere im Hinblick auf Kritik und Unmut über studentische Partyexzesse aus der Stadtbevölkerung. Dies ist ihr auch nicht schlecht gelungen. Es steht ihr jedoch mindestens genauso gut, diesen harten Worten keine harten Taten folgen zu lassen. Die Startwoche ist für die neueintretenden Studenten eine Woche, in der sie viele neue Bekanntschaften machen und diese auch machen sollten. Restriktive Massnahmen sind schädlich für die konstruktive, optimistische, ja sogar enthusiastische Atmosphäre der Startwoche. Denn diese Stimmung ist der Nährboden für den Erfolg, den die Startwoche geniesst. Töricht wäre es, diesen zu schädigen.