Daniel Albrecht weiss, was es heisst, ganz unten angelangt zu sein und sich den Weg nach oben wieder zurück erkämpfen zu müssen. Zwei Jahre nach seinem WM-Sieg 2007 in der Superkombi erlitt der Skifahrer bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma und lag drei Wochen im Koma. prisma hat mit der Kämpfernatur gesprochen.

Daniel Albrecht, von welchen Gefühlen werden Sie nach einer persönlichen Niederlage übermannt?

Wenn man sein Ziel nicht erreicht, heisst das, dass man die Ausgangslage falsch eingeschätzt hat oder noch nicht alles planmässig umsetzen konnte. Jedes verpasste Ziel ärgert mich zu Beginn. Dann analysiere ich, warum ich mein Ziel nicht erreicht habe und mache es beim nächsten Mal besser.

Gelingt es Ihnen, aus solchen Niederlagen wertvolle Lehren zu ziehen?

Man verliert nicht nur im Sport, sondern im ganzen Leben häufiger, als man gewinnt. Als junger Sportler lernst du, dass Fehler und Niederlagen dazu da sind, um daran zu wach- sen. Du wandelst negative Energie in etwas Positives um. Ohne diese Einstellung, wirst du es in einer Sportart wie dem Skirennsport nie bis an die Weltspitze schaffen.

Sie haben die Ausbildung zum Mentaltrainer absolviert. Ist das die Berufung für Ihr Leben nach dem Spitzensport?

Diese Ausbildung habe ich nicht gemacht, um eine Berufung zu finden, sondern in erster Linie aus Interesse. Falls ich später Skitrainer werden möchte, ist der mentale Aspekt einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Nur die wenigsten Trainer besitzen in diesem Bereich die notwendigen Kompetenzen.

Wie stark leiden Sie mit einem scheiternden Sportler mit?

Ich bin kein grosser Fussball- oder Eishockeyfan. Niederlagen von Mannschaften berühren mich daher eher selten. Bei Skirennfahrern oder anderen Einzelsportlern, die mir nahe stehen, fiebere ich aber schon mit.

Wie gehen Sie vor, um einem Athleten zu helfen, eine Niederlage zu verdauen?

Floskeln wie «bleib locker» oder «kämpfe weiter» sind inhaltlich zwar richtig, helfen aber niemandem weiter. Um eine Person nach einer Niederlage wiederaufzubauen, muss man diese tiefgründig kennen.

Kann die Angst vor dem Scheitern für ein späteres Scheitern verantwortlich gemacht werden?

An dieser Stelle beziehe ich mich auf ein Beispiel aus dem Skisport: Die Frage ist letztlich, ob ein nach dem ersten Lauf in Führung liegender Athlet mit dem Ziel zu gewinnen, oder aber mit dem Vorsatz nicht zu verlieren im zweiten Lauf an den Start geht. Wenn man nicht verlieren will, wird man mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht gewinnen können.

Einzusehen, dass Sie es nach Ihrem schweren Unfall nicht mehr an die absolute Weltspitze schaffen würden, muss für Sie als grosse Kämpfernatur unglaublich schwer gewesen sein.

Eine Kopfverletzung braucht einfach sehr viel länger, um zu heilen, als ein simpler Bänderriss oder ein Muskel- schaden. Leider sind die FIS-Reglemente, welche verletzte Sportler schützen, nicht auf derart schwerwiegende und langwierige Verletzungen wie ein schweres Schädel-Hirn- Trauma zugeschnitten. Gemessen an der Schwere meiner Verletzungen sprechen die Ärzte von einem kleinen Wunder, dass ich so kurz nach meinem Unfall wieder in die Top 30 gefahren bin. Ich habe das Unmögliche versucht und das Mögliche erreicht. Das reicht völlig, um mit mir selbst zufrieden zu sein.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Entscheid zum Rücktritt?

Den Entscheid zum Rücktritt empfand ich als logische Konsequenz aus den gegebenen Tatsachen. Nach meinem Unfall wieder alles neu lernen zu müssen, war unglaublich hart. Aber es hat sich gelohnt. Hätte ich direkt im Spitalbett aufgegeben, hätte ich mich nie so schnell und so umfassend von den Hirnschäden erholt.

Welcher Erfolg hat die grössere Bedeutung: die WM-Medaillen oder die Rückkehr ins Leben nach dem Schädel-Hirn-Trauma?

Der lange Weg zurück hat viel mehr Energie gekostet und war schwieriger zu realisieren als der Weltmeister-Titel. Das Comeback war eine aussergewöhnliche Leistung – aus menschlicher und aus sportlicher Sicht. Die Weltmeisterschaften waren demgegenüber lediglich ein Spiel, bei dem der schnellste Skifahrer gesucht wurde.

Wie steht es momentan um Ihre Work-Life-Balance?

Ich habe sehr viele Ideen. Loslassen kann ich erst, wenn ich eingeschlafen bin. Nur herumliegen und abschalten liegt mir überhaupt nicht. In den letzten vier Jahren gabʼs für mich keine Ferien. Angst vor einem Burnout habe ich trotzdem nicht – ich empfinde meine Arbeit als Ausgleich, nicht als Stress. Zwischendurch versuche ich, ganze Tage auszusetzen – leider bleibt es meistens beim Versuch.

Sie sind Geschäftsführer der Albright GmbH. Wie risikofreudig entscheiden Sie?

Egal ob als Skirennfahrer, Mentaltrainer oder Inhaber der Kleidermarke Albright: Ich fälle Entscheidungen grundsätzlich auf der Gefühlsebene und möglichst unbeeinflusst von der Meinung anderer. Und ich entscheide erst, wenn ich zu hundert Prozent sicher bin, dass ich voll dahinter stehen kann. Mit allen Konsequenzen. Gehtʼs dann doch schief, kann ich damit sehr gut leben. Bis jetzt habe ich noch nie eine Entscheidung bereut, die ich so getroffen habe.

Wie häufig sind Sie heute noch auf der Skipiste anzutreffen?

Diesen Winter stand ich lediglich viermal auf den Skis. Dafür im letzten Jahr häufiger, da ich als Privattrainer für Weltcupfahrer unterwegs war und die Skilehrer- und Nachwuchstrainer-Ausbildung absolviert habe. Bald kommen im Rahmen der Berufstrainerausbildung wieder einige Skitage dazu.

Welchen Tipp geben Sie einem Studenten mit Prüfungsangst?

Prüfungsangst entsteht aus den unterschiedlichsten Gründen. Genauso verschieden sind auch die Ansätze, um solche Ängste zu überwinden. In den meisten Fällen ist Prüfungsangst nur ein Symptom einer tiefer liegenden Problematik, die man aufarbeiten sollte. Negative Denkmuster zu durchbrechen, ist ein enormer Kraftakt, der sich am Ende aber immer lohnt.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

In zehn Jahren kann sehr viel passieren. Wer weiss, eventuell werde ich als freischaffender Skitrainer arbeiten. Darüber hinaus sehe ich mich in meinem eigenen Haus mit Familie und meinen Hunden. Meine Kleider- marke werde ich vielleicht verkauft haben, dafür wiederum eine andere Firma gegründet haben.

Bilder Rob Lewis/Albright GmbH