Alfonso Hophan studiert Rechtswissenschaften an der HSG. Gleichzeitig ist er erfolgreicher Autor. Sein zweites Buch stellte er kürzlich auf der Leipziger Buchmesse vor. Im Interview erzählt er, wie er diesen Balanceakt meistert.

Als Autor oder Schriftsteller wird Alfonso Hophan eigentlich gar nicht gerne bezeichnet: «Es gibt viele Schriftsteller, aber ich sehe mich nicht als einer von ihnen. Vielleicht irgendwann einmal. Bis dahin ist es einfach so: Ich schreibe.» Wo genau die Trennung zwischen einem «Schreiber» und einem Schriftsteller liegt, das kann er uns nicht genau sagen: «Klar, sobald man etwas geschrieben hat, was sich zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt, ist man theoretisch ein Schriftsteller. Aber juristisch fehlt da für mich noch etwas, damit der Tatbestand erfüllt ist.»

Metaphysisches Gruseln

«Es ist ein Traum in Erfüllung gegangen», sagt Alfonso über seine Lesung auf der Leipziger Buchmesse. Begeistert hat ihn neben der elektrisierenden Stimmung, die entsteht, wenn so viele Schriftsteller, Verleger und Lesebegeisterte zusammenkommen, und der Stadt selbst aber vor allem die Vielfalt und auch die Masse der vorgestellten Bücher: «Auf der Messe sind so unfassbar viele Bücher ausgestellt – und das ist nur, was im letzten halben Jahr erschienen ist. Man fragt sich: Es gibt schon so viel, was bringe ich denn da noch Relevantes dazu? Das ist ein wenig ein metaphysisches Gruseln, das einen da erfasst.»
Was er nun zur Masse an Neuerscheinungen beigetragen hat, ist sein zweites Buch. Es trägt den Titel «Schuld Ein Geständnis» und ist eine Sammlung dreier unabhängiger Erzählungen, die das gemeinsame Motiv der Schuld verbindet. Dem Thema widmet er sich aber nicht im kriminalistischen oder juristischen Sinn, sondern erkundet den Begriff durch Geschichten, die sich intensiv mit den Charakteren auseinandersetzen und deren Wesen ergründen. Das bedeutet, auch wenn der Vergleich naheliegt: Ein Jurist, der wie Schirach über Schuld schreibt, ist Alfonso nicht.

Dank und Demut

«Das Schöne am Schreiben ist das Schreiben.» Alles andere sei ein Nebenprodukt. Deshalb hält Alfonso auch nur sehr wenige Lesungen, für die sei er aber sehr dankbar. Es sei eine grosse Demut, die ihn befällt, wenn er eine Lesung gebe und sich bewusst werde, dass alle Anwesenden gekommen sind, um zu hören, was er geschrieben hat. «Dafür muss ich aber nicht nach Leipzig! Auch hier in St. Gallen, oder daheim in Glarus, wo viele Bekannte von mir kommen, überfällt mich dieses Gefühl. Dass sich alle Zeit genommen haben, das ist eigentlich unglaublich.»

Uni an erster Stelle

Recherchieren, Schreiben, Lesungen halten – all das ist für Alfonso eigentlich nur Nebensache. Sein Studium komme an erster Stelle, erklärt er uns. Er sehe sich selbst eher als schreibender Student denn als studierender Autor. Schreiben sei für ihn wie ein sehr zeitintensives Hobby, und so betreibt er es auch: «Andere haben jeden Donnerstagabend zwei Stunden Fussballtraining. Genauso habe ich an bestimmten Tagen bestimmte Zeiträume für das Schreiben festgelegt.» Nur so sei es überhaupt möglich, einen Roman neben den Verpflichtungen innerhalb und ausserhalb der Uni fertigzustellen. In gewisser Weise sei es auch ein Luxus, erklärt Alfonso – denn so könne er schreiben, was, wann, und worüber er wolle.

Jus als Filter

Langfristig soll sich nicht ändern, dass Alfonso die Juristerei über die Schriftstellerei stellt. «Man soll niemals nie sagen, aber ich kann mir nicht vorstellen hauptberuflich Bücher zu schreiben.» Es sei ein Privileg, schreiben zu dürfen und nicht schreiben zu müssen, um die Miete zu bezahlen. Bei ihm sei es ganz ähnlich wie bei Mani Matter, dem Liedermacher. Der sei auch Jurist gewesen und auch ihn habe man gefragt, ob er nicht hauptberuflich Musik machen wolle. Daraufhin habe dieser gesagt, dass die Lieder, die entstehen, obwohl er hauptberuflich ganz anders beschäftigt ist, unweigerlich geschrieben werden müssen. Der Rest wäre nur geschrieben worden, um Alben zu füllen. Genau wie Mani Matter sieht Alfonso zur Zeit sein Studium und später seinen Hauptberuf als eine Art Filter: «Das erlaubt mir, vieles Unnötige nicht zu schreiben, das nicht geschrieben werden muss.»

Und als Beruf?

Wo es für ihn stattdessen hingehen soll, das weiss Alfonso noch nicht genau. Gerade ist er im ersten Mastersemester und hat deshalb noch ein wenig Zeit, sich Gedanken zu machen. Das Anwaltspatent möchte er auf jeden Fall ablegen. Um dieses kommt er auch nicht herum – Alfonso stammt aus einer Juristen- und Anwaltsfamilie. Ob er es neben dem Studium denn nicht satt sei, so viel zu schreiben und zu lesen, wird er oft gefragt. Dabei sei genau das Gegenteil der Fall. Das Schreiben ist für Alfonso ein Ausgleich. «Beim Schreiben ist mein Kopf in den Wolken. Würde ich da jetzt noch Philosophie oder Germanistik studieren, würde ich wahrscheinlich gar nicht mehr auf den Boden kommen.» Deshalb zog er auch nie ernsthaft ein anderes Studienfach in Betracht. Bei seinen beiden Leidenschaften findet er auch eine wichtige Gemeinsamkeit: Das wichtigste Instrument ist die Sprache. Zwar müsse man sie als Jurist auseinanderklauben und als Autor dürfe man sie formen, dennoch vereine sie sein Studium und sein Hobby. Beides gebe ihm ein sehr gutes – sich ergänzendes – Gefühl für Sprache.

Von Glarus nach St. Gallen

Obwohl für den Glarner die Stadt Zürich mit ihrer Universität in mehrerlei Hinsicht näher gelegen wäre, entschied er sich für die HSG. «Ich mag die juristische Fakultät hier, gerade weil sie etwas kleiner ist», meint Alfonso, der neben dem Studium auch eine Teilzeitstelle als studentischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rechtsgeschichte wahrnimmt. Zu Beginn war es aber ein gemeinsamer Entscheid dreier Freunde gewesen, die den Ausschlag für St. Gallen gaben. Mit ihnen wohnt er bis heute in einer Glarner-WG in der Altstadt. Rückblickend bereut er den Entscheid nicht, im Gegenteil: «Ich mag St. Gallen wirklich sehr. Als Dörfler aus einem Bergkanton gefällt mir der kleinstädtische Flair. Die Stadt ist zwar überschaubar, gleichwohl fehlt es hier an nichts. In einer grösseren Stadt würde ich mich wahrscheinlich unwohl fühlen.»

Bewährungsprobe für Ideen

«Schreiben ist ein Teil von mir. Die Geschichten sind in mir und sie müssen auch raus. Das ist kein freiwilliger Entscheid», sagt Alfonso. In seinem Kopf seien viele Ideen in verschiedenen Stadien vorhanden, und manchmal fügen sie sich zusammen und bilden ein neues Buch, das geschrieben werden wolle. Besonders oft kommen diese Ideen beim Joggen, wenn der Kopf frei ist und die Gedanken klar sind. «Die Zeit ist das Problem, nicht die Ideen», sagt Alfonso lachend. So etwas wie die Angst vor dem weissen Blatt oder Writer’s Block kenne er deshalb auch nicht. Seine Ideen müssen sich aber auch erst einmal beweisen. Gefalle ihm ein Einfall auch nach einem halben Jahr noch, dann sei das für ihn ein bedeutendes Zeichen. Das Schreiben selbst sei dann nur noch etwas Formelles.

Romanveröffentlichung trotz Assessment

Alfonsos erstes Werk war ein historisches Buch, den er im Alter von 17 Jahren im Rahmen seiner Maturarbeit schrieb – zusätzlich zur 30-seitigen Arbeit reichte er noch einen 300-seitigen Roman ein. Von diesem druckte er auf Nachfrage ein paar Exemplare für Freunde und Familie. «Ich hatte eigentlich nie vor, ihn veröffentlichen zu lassen.» Bei einer Familienfeier habe er dann einen Auszug draus vorgelesen. Die Erinnerung an die Situation lässt ihn noch heute auflachen: «Ich las während des Desserts und der Auszug, den ich wählte, war phänomenal unpassend. Ich mochte die Stelle, denn sie war sehr eindrücklich, aber es ging um die Pest und es wurden sehr detailliert der Gestank und das Aussehen der verwesenden Leichen beschrieben.» Trotzdem drängte ihn daraufhin eine Tante, sein Buch bei einem Verlag vorzulegen. Und so wurde, letztendlich 2014, vier Jahre nachdem er es verfasst hatte, sein erstes Buch veröffentlicht, als er gerade im Assessmentstudium an der HSG war.
Den Wunsch, Romane zu schreiben, hatte Alfonso schon lange. Es war aber nicht sein Ziel, diese zu veröffentlichen. Dass dieses Kapitel seines Lebens aufgeschlagen wurde, war wie beschrieben ein Zufall. Sein erstes veröffentlichtes Buch war gleichzeitig seine erste tatsächlich fertiggestellte Geschichte – es sei nicht so, dass sich bei ihm in der Schublade Manuskripte stapelten. Das Gefühl, als die Zusage vom Verlag dann kam, beschreibt Alfonso als unbeschreiblich. «Es ist unglaublich, weil diese Erwartung nie da war. Und jetzt auch die Lesung, zum Beispiel in Leipzig. Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so kommt, weil alles so unprätentiös begonnen hat.»

Vom Kopf auf’s Papier

Womit Alfonso sich abgefunden hat ist, dass es nie möglich ist, die Geschichten aus dem Kopf in ihrer vollen Schönheit und Ausgefallenheit auf das Papier zu bringen. «Am Ende habe ich immer das Gefühl, es ist nur ein schäbiger Abklatsch.» Trotzdem gibt es vieles, das sich beim Schreiben selbst intuitiv forme. Manchmal wisse er, dass sich zwei Personen treffen und miteinander sprechen, ohne aber genau zu wissen, wie das Gespräch verlaufen soll. «Diese Sachen fühle ich dann beim Schreiben, und ich versuche dieses Gefühl einzufangen. Ich lege los und plötzlich merke ich, dass ich eigentlich gar nicht einen Dialog erfinde, sondern protokolliere – weil ich weiss, wie jeder der Charaktere denkt und fühlt und welche Eigenarten er hat.»

Unterschiedliche Geschichten

Eine Auszeit will Alfonso sich erst einmal nicht gönnen. Sein nächstes Buch ist bereits in Arbeit, das Ideengerüst steht schon. Verraten will er uns aber noch gar nichts, auch nicht, ob es wieder ein historischer Roman werden wird. «Mein Verleger war sehr froh, als ich mit meinem zweiten Buch kein historisches Werk mehr vorgelegt habe. Sonst wird man gleich in eine Schublade gesteckt. So erhalte ich mir die Freiheit, ganz unterschiedliche Geschichten zu erzählen.»