Was passiert eigentlich mit den Lebensmitteln, die beim Detaillisten liegen bleiben? Eine Tour durch die Ostschweiz mit der Stiftung «Hoffnung für Menschen in Not» und ihrem Projekt «Schweizer Tafel» gibt Antworten.

In dem halben Tag, in dem wir mit dem Lieferwagen der Schweizer Tafel durch die Ostschweiz fahren, sammeln und verteilen wir 68 Kisten Lebensmittel und vier Tulpensträusse. Vom Serrano-Schinken und der Primagusto-Peperoni über Naturaplan-Biberli und den ersten Erdbeeren bis hin zur M-Budget-Fertigpizza ist alles dabei. In erster Linie sind es jedoch Brot vom Vortag, Gemüse und Früchte, welche in den Filialen keine Abnehmer mehr finden. Lebensmittel, welche aufgrund einer Delle, eines welken Blatts oder einfach wegen des Datums auf der Verpackung von vielen als Abfall kategorisiert werden, werten dank dem Engagement der Schweizer Tafel den Menüplan anderer auf. Mit dem Ziel, eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel zu schlagen, wurden 2013 in der Ostschweiz knapp 544 Tonnen Lebensmittel gesammelt und über soziale Einrichtungen an Bedürftige verteilt. Es handelt sich dabei um einen Warenwert von 3’536’000 Franken – dies entspricht ungefähr den jährlichen Lebenshaltungskosten von 151 HSG-Studenten.

Verteilen statt wegwerfen

In der Ostschweiz sind täglich drei Kühlfahrzeuge für die Schweizer Tafel im Einsatz, jedes legt eine spezifische Route zurück. Die Mitarbeiter leisten Zivildienst oder Freiwilligenarbeit, einige von ihnen befinden sich in Arbeitslosenprogrammen oder beziehen Sozialhilfe. Finanziert wird das Projekt, das 2001 in Bern von der Organisation «Hoffnung für Menschen in Not» ins Leben gerufen wurde, durch Spenden von Stiftungen, Firmen und Privatpersonen – die Lebensmittel werden von den Grossverteilern, Produzenten und Detaillisten gratis zur Verfügung gestellt. Den grössten Produktbeitrag leistet Coop, aber auch Migros und Lidl spenden grosse Mengen an Lebensmitteln, die sich in einwandfreiem Zustand befinden, aber dennoch nicht mehr verkauft werden können. Häufig ist der Grund dafür ästhetischer Natur oder es handelt sich um Waren, deren spätestes Verkaufsdatum einige Tage vor dem Verbrauchsdatum liegt. Statt im Container zu landen, unterstützen solche Produkte in St. Gallen beispielsweise die Gassenküche, die Heilsarmee oder das Frauenhaus. Die Zusammenarbeit lohnt sich für die Grossverteiler, obschon es finanziell günstiger wäre, überschüssige Lebensmittel zu Biogas oder Tierfutter zu verarbeiten. Das Imageplus ist so wertvoll, dass Coop und Migros in Kauf nehmen, dass ihre Logos bald nebeneinander auf dem weissen Lieferwagen der Schweizer Tafel stehen – ein Bild, das man nicht alle Tage zu sehen bekommt.

Müll_Schweizer Tafel

Kontrollierte Routine

Um einen besseren Eindruck der Abläufe beim Lebensmittelumverteilen zu erhalten, gehe ich mit zwei Zivildienstleistenden auf Tour. Während circa fünf Stunden sind wir auf Route 1 unterwegs, wobei wir Lebensmittel einsammeln und diese unterwegs auch gleich wieder verteilen. Die Bedürfnisse der sozialen Institutionen sind unterschiedlich: Einige verarbeiten die Produkte in der
eigenen Küche, andere sind organisierte Lebensmittelabgabestellen, welche die Produkte einmal wöchentlich an bedürftige  Einzelpersonen und Familien abgeben.

Teilweise begutachten die Köche unser Angebot gleich selbst und stellen dann spontan und mit ein wenig Kreativität ein Menü zusammen. Über ein- und ausgeladene Kisten wird genau Buch geführt und die Temperatur im Laderaum wird regelmässig überprüft. Sowohl die Fahrer als auch die Lebensmittelabnehmer und Spender  arbeiten routiniert: An vielen der Laderampen, welche wir im Verlauf des Morgens ansteuern, werden wir bereits erwartet und die Lebensmittel sind grösstenteils schon vorsortiert; Ungeniessbares wird uns gar nicht erst mitgegeben. Susanne Lendenmann, Leiterin der Schweizer Tafel in der Region Ostschweiz, erklärt mir, dass es wichtig sei, den zuständigen Personen bei den Lebensmittelspendern das Konzept der Schweizer Tafel persönlich näherzubringen: «Wenn die Leute wissen, was genau mit den Lebensmitteln passiert, sind sie einerseits motivierter und andererseits erhält man selten Produkte, die man nicht weitergeben kann.» Allerdings erlebe sie immer wieder deutliche Unterschiede in der Zusammenarbeit zwischen Grossverteilern wie Coop und Migros und Discountern – eine Aussage, die sich mit meinen eigenen Eindrücken deckt. Von Zeit zu Zeit erhält die Schweizer Tafel auch grössere Lebensmittellieferungen direkt ab Produktion, so zum Beispiel beim Neudesign einer Verpackung oder bei Produktionsfehlern. Dabei kann es auch bei der gemeinnützigen Organisation durchaus vorkommen, dass das Angebot die Nachfrage übersteigt. In solchen Fällen findet ein überregionaler Lebensmittelaustausch statt – teilweise sogar über die Landesgrenzen hinaus. Gerade am Vortag seien sie mit einem Lieferwagen voller Fertigsuppen nach Österreich gefahren, erzählt einer der Fahrer. Ein Aufkleber im Wageninneren weist darauf hin, dass wir auf unserer Fahrt durch die Stadt St. Gallen, dem Bodensee entlang nach Altenrhein und über Widnau wieder zurück, getrackt werden. Eine Vorgabe, welche für alle elf Regionen der Schweizer Tafel verbindlich ist – in erster Linie, um  Missbrauchsfällen vorzubeugen. Susanne Lendenmann war es anfänglich etwas unsympathisch, ihre Mitarbeiter permanent zu überwachen, obschon es durchaus Missbrauchsfälle gebe. Sie habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass diese meist auch aufgrund der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aufgedeckt werden.

Verschwenderische Haushalte

Von der Produktion bis zum Teller gehen in der Schweiz gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen rund ein Drittel der  Lebensmittel verloren oder werden verschwendet. Jahr für Jahr landen bei uns zwei Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Organisationen wie die Schweizer Tafel leisten zwar einen wertvollen Beitrag, vermögen dieses Problem jedoch bei weitem nicht zu lösen – nur gerade fünf Prozent des sogenannten Foodwaste fällt im Detailhandel an. Viel gewichtiger ist unser täglicher Umgang mit den Lebensmitteln zu Hause: Mit 45 Prozent sind Haushalte die grössten Verschwender. Rund ein Sechstel unserer Abfälle besteht aus Lebensmitteln, die eigentlich noch geniessbar wären. Immerhin: Durch die zunehmende Präsenz und Bekanntheit sensibilisiert die Schweizer Tafel für einen sinnvollen Umgang mit Lebensmitteln und geht als gutes Vorbild voran. Wer seinen kulinarischen Alltag selbst etwas bewusster gestalten möchte, findet auf der Website www.foodwaste.ch Anregungen und Rezepte für den Alltag sowie weiterführende Informationen zu aktuellen Projekten, nachhaltiger Lektüre und Filmen, die zum Denken anregen.