Seit 2003 ist Pietro Beritelli Professor für Tourismus und Transport an der HSG. prisma traf ihn zu einem Gespräch über Zufälle, Weltreisen und warum er eigentlich gar nie Dozent werden wollte.

Name Pietro Beritelli

Geboren 22. September 1967 in Rom

Hobbys Familie, Kraft- und Ausdauertraining, Wandern, Spazieren, Musik ­hören und machen (Keyboard)

Lieblingsbücher früher Science-­Fiction-Romane, heute eher Fachliteratur

Lieblingsmusik von Jazz über Pop zu Rock und Heavy-Metal, je nach Phase

Lieblingsorte St. Gallen, ­Appenzellerland

Lieblingsessen «alles aus dem Meer», Fritto Misto

Wir treffen Pietro Beritelli in seinem idyllischen Zuhause unweit der Universität. Auf unser Klingeln ­öffnet sich die Tür – ein Paar grosse Kinderaugen mustern uns neugierig und zaubern uns sogleich das erste Lächeln ins Gesicht. «Chömäd Si nuo inä», begrüsst uns Pietro Beritelli daraufhin in auffäligem Ostschweizer Dialekt. Durch die grosse Fensterfront im Wohnzimmer fällt der Blick auf dichten Wald. «Wir mögen den Ausblick auf die Bäume besser als den Blick aufs Tal. Die mit den Jahreszeiten wechselnde Szenerie gefällt uns», erklärt er nicht zu Unrecht. Unsere Fragen beantwortet er ruhig und mit Bedacht, aber mit viel Natürlichkeit und Authentizität, sodass uns das Zuhören mehr als einfach fällt.

Hals- und Beinbruch

Wer Beritelli heisst, muss wohl Italiener sein. Tatsächlich trifft dies zu, obwohl er – untypisch italienisch – in Sachen Kaffee zu den Spätzündern gehört. «Erst im Studium habe ich meinen ersten caffè getrunken», gesteht Beritelli schmunzelnd. Seine Präferenz für andere Getränke entwickelte er schon als Kind. So war der heutige Braumeister von Schützengarten sein bester Sandkastenfreund. Bereits im 14-09-18_Beritelli_jpeg-1048Alter von drei Jahren verliess Pietro Beritelli mit seinen Eltern Rom und zog nach St. Gallen. Aufgewachsen ist er in der Nähe des Olmageländes, damals ein ruhiges Familienquartier. Seine Freizeit verbrachte er am liebsten draussen beim Spielen oder beim Lesen von Science-Fiction Romanen. Am Hügel hinter dem Schützengarten lernte er Skifahren – ein riskantes Unterfangen, wenn man das Gefälle dieses Geländes betrachtet. Ob beim Wintersport oder Fangen spielen, Beritelli lebte sich in der Ostschweiz schnell ein und anfängliches Heimweh verflog nach kurzer Zeit. «Heimatgefühl verspüre ich heute in den Hügeln des Appenzellerlandes. Dort fühle ich mich wohl», sagt er.

Graubünden retour

In St. Gallen verbrachte Beritelli seine gesamte Schulzeit inklusive Studium. Erst nach seinem Abschluss in Tourismus verliess er die Nordostschweiz in Richtung Engadin, wo er Dozent an der Tourismusfachschule wurde. Später übernahm Beritelli die Führung des Instituts für Tourismus an der Fachhochschule in Chur. Obwohl der Professor auf eine bereichernde Zeit in Graubünden zurückblickt, zog es ihn zurück in seinen Heimatkanton. 2003 nahm er eine Stelle als Dozent für Tourismus an der HSG an, wo er bis heute mit Leidenschaft lehrt und forscht.

Erste Arbeitserfahrung sammelte Beritelli bereits viel früher. «Ich wollte schon immer mit beiden Füssen im Leben stehen und mein eigenes Geld verdienen.» An vielseitiger Berufserfahrung mangelt es Beritelli definitiv nicht. Sein erstes Geld verdiente der damals

Sechzehnjährige beim Verteilen von Gratiszeitungen und später servierte er im «Fladehüsli» bei den Drei Weihern Glacés und Wähen. «Dort wurde übrigens der HSG-Film gedreht, die Szene mit dem verliebten Paar am Weiher, wissen Sie wo?» Bei einem Gespräch mit Pietro Beritelli ist man nie die einzige, die Fragen stellt.

Glacéverkäufer, Consultant und Tourismusfachmann

Während des Studiums konnte Beritelli seine betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten bei der St. Galler Consulting Group verfeinern. Die Umsetzung der Theorie in die Praxis behält er als besonders wertvolle Erfahrung in Erinnerung. Durchaus hätte er sich vorstellen können, in dieser Branche zu bleiben. Für ihn war schon immer klar, dass er in der Verkehrsbranche tätig sein wollte. Eher zufällig als absichtlich lernte er dabei den Fachbereich Tourismus kennen und schätzen. «Die Branche ist sehr komplex und befindet sich in stetigem Wandel.» Genau darin sah Beritelli die Herausforderung und wagte den Schritt. Beabsichtigt hatte er dies nicht. Akribisches Planen liegt nicht im gelassenen Naturell des Professors. «Dass ich heute Tourismus unterrichte, ist Zufall. Das hat sich einfach ergeben.»

«Es musste wohl so kommen», sagt, wer an Schicksal glaubt. Pietro Beritelli betrachtet sein Arbeitsumfeld als wahres Geschenk, in seinem Job blüht er auf. Und dies, obwohl er eigentlich früher nie Lehrer werden wollte. «Meine Mutter war Lehrerin, ich hatte andere Pläne», erinnert er sich. Dennoch kam er auf den Geschmack und entdeckte sein Talent für diesen Beruf. Wer schon in den Genuss einer von Beritellis Vorlesungen gekommen ist, weiss, dass der Hörsaal der richtige Ort ist für den sympathischen Professor. Auf lockere, natürliche Art versteht er es, die Studenten für seine Materie zu begeistern. Beritelli bedeutet es besonders viel, junge Menschen während der ereignisreichen Studienzeit zu begleiten und ihnen Wertvolles mit auf ihren Weg zu geben. Und dies tut er mit Erfolg; wahrhaftig haben die Beritellis das Lehren im Blut.

Eine multikulturelle Familie

Pietro Beritelli versteht es zweifellos, den Menschen Genuss und Unterhaltung zu bieten. Wenn nicht mit Urlaub, dann mit eingängigen Klängen. Bis vor Kurzem spielte er Keyboard in einer Band und füllte bei Konzerten die Ostschweizer Bars. Keineswegs hat er eine langjährige Pianoausbildung hinter sich; Beritelli beherrscht zahlreiche Lehrmethoden, darunter auch die Autodidaktik. Wegen Zeitmangel kommt er heute leider selten zum Spielen. Volle Agenda hin oder her: In seiner Freizeit hört der Musikliebhaber sehr gerne (Free) Jazz, Pop, Rock oder Heavy Metal. Auch italienische Klänge finden sich in der iTunes-Bibliothek des Professors. Ob in gesungener oder gesprochener Form, die italienische Sprache ist im Hause Beritelli omnipräsent. Mit ihrem Papa sprechen die zwei Kinder Italienisch, mit der Mutter Rätoromanisch. «Es liegt uns am Herzen, dass unsere Kinder den Bezug zu ihren Muttersprachen behalten», betont Beritelli. Wenn die Zeit es erlaubt, schwingt er die Kochlöffel. Statt Pizza und Pasta stehen Eintöpfe auf der Speisekarte, zubereitet mit viel Leidenschaft. Dafür verlässt der Professor gerne mal sein Büro etwas früher. Bei einem Heimweg von fünf Minuten reicht’s manchmal sogar fürs Mittagessen mit der Familie. Und wenn Beritelli nicht musiziert oder kocht, dann spaziert er durch das Grün des Rosenbergs bis in die Peripherie der Region St. Gallen.

There is no place like home

Als Tourismusexperte ist Pietro Beritelli oft unterwegs, vor allem in der Alpenregion oder an Meetings im Ausland ist er anzutreffen. Trotzdem gehört er nicht zu den unermüdlichen Weltenbummlern. Wer sich so intensiv mit Ferien beschäftigt, müsste doch selbst ständig auf Reisen sein. Beritellis Geschichte widerlegt diese Hypothese eindeutig. Sogar die eigene Hochzeitsreise steht noch aus, gesteht er schmunzelnd. An keinem Ort auf der Welt verbringt Beritelli die Zeit lieber als zu Hause bei seiner Frau und seinen zwei Söhnen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht erzählt er in berührender Art und Weise von gemeinsamen Freizeitausflügen und Regensonntagen im Haus. Dass die Familie in Beritellis Leben einen besonderen Stellenwert hat, merkt man sofort. «Meine Familie ist meine grösste Errungenschaft und das allerwichtigste in meinem Leben». In der italienisch-rätoromanischen Familie herrscht Harmonie.

Herzlich, bescheiden, gesellig, gelassen. Beim Beschreiben von Pietro Beritelli trifft man mit diesen Attributen ins Schwarze. Statt genauem Vorausplanen und Kalkulieren probiert der Tourismusfachmann neue Dinge gerne spontan aus. Um zufrieden zu sein, braucht er nicht nach den Sternen zu greifen, im Gegenteil. «Ich war immer glücklich mit dem, was ich tat und hatte. Ich bin an diesem tollen Ort aufgewachsen, habe eine unglaubliche Familie und wohne auch noch fünf Gehminuten von meinem Arbeitsplatz entfernt». Wären die Wochentage um fünf Stunden länger, würde er jede Minute mit seiner Familie verbringen. Wer hätte das gedacht. So viel Bescheidenheit und Bodenständigkeit sind wahrhaftig selten.

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Fotos: Livia Eichenberger

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