Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication am MCMInstitut der HSG und Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University, USA. Ihr neues Buch, «NEXT – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns», ist im Rowohlt-Verlag erschienen.

Die Wirklichkeit ist nur ein weiteres Fenster und vermutlich nicht mein bestes – so beschreibt ein junger Mann seine Weltwahrnehmung zwischen Fakten und Fiktionen, zwischen Realität und Virtualität in einer Studie der USSoziologin Sherry Turkle aus dem Jahr 1997. Heute würde er vielleicht sagen: Meine Apps sind die Fenster zu meinem Leben und das ist auf Facebook. Wir regeln unseren Alltag mit der SBB-App, der Einkaufs-App, der Dating-DNA-App und dem Gehirn-Joggen des Dr. Kawashima. Unser Leben ist die Applikation unserer selbst und wir entwerfen uns bei Facebook.

Das Internet ist eine Illusionsmaschine, die uns den Alltag erleichtert. Manchmal wird es aber auch zum schwarzen Loch, in dem wir selbst verschwinden können, ohne es zu merken. Dann nämlich, wenn das Leben auf Facebook leichter wird als die Realität mit ihren analogen Mühen. Wenn wir eigentlich immer vernetzt, aber nie mehr wirklich für jemanden da sind. Wenn wir immer online, aber kaum mehr in der Lage oder willens sind, uns für einen längeren Zeitraum ganz auf etwas zu konzentrieren. Das Leben im Netz kann sehr flüchtig werden. Gelegentlich müssen wir uns mit der analogen Welt rückkoppeln und fragen: War da was?

Auch ich frage mich beizeiten: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele Versionen von mir geistern durchs Netz? Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn die sozialen Netzwerke zur Erweiterung unserer selbst werden. Nur müssen wir wissen, dass sie uns einen Hohlspiegel vor die Nase setzen, in dem wir uns selbst immer etwas grösser und etwas anders sehen als der Rest der Welt. Wer das versteht, darf es mit Mark Twain halten: «Trenne dich nicht von deinen Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.»