Istanbul, die Stadt am Bosporus, stellt eine Brücke zwischen Orient und Okzident dar und überrascht den Besucher mit vielen Facetten und Widersprüchen.

Mit goldenen Ketten seien die Moscheekuppeln Istanbuls an den Himmel gehängt worden. Mehr als 2000 Gotteshäuser schmücken die Skyline der Stadt, welche sich Jahr für Jahr durch die Bauwut der Istanbuler verändert. Religion spielt eine wichtige Rolle. Mehr als 90 % der Bewohner sind Muslime – sunnitische, schiitische und alevitische. Wenn morgens um halb fünf der Muezzin zum ersten Gebet des Tages ruft, begeben sich mehr als tausend Gläubige in die Eyüp-Moschee. Wer drinnen keinen Platz findet, betet vor dem Gotteshaus. Istanbul ist eine Stadt der Traditionen. Es scheint auch Tradition geworden zu sein, dass morgens um halb fünf die Stimmen von den Minaretten mit dem Beat der Nachtclubs in den Stadtteilen Beyoglu und Taksim konkurrieren.

«Das Gebet ist besser als der Schlaf», singen die Muezzine. Wenn morgens um fünf oder sechs Uhr die Strassen in Beyoglu und der Taksimplatz nach Alkohol riechen, denkt keiner der feiernden Bewohner an Allah. Istanbul ist auch eine Stadt der Gegensätze.

Altbekanntes Istanbul

Um diese Gegensätze als Tourist zu ergründen, der zum ersten Mal in Istanbul ist und kein Türkisch spricht, konsultiert man gerne mal einen Städteführer. Der berichtet dann zum Beispiel von der Hagia Sophia, einst Hauptkirche des byzantinischen Reiches, imposant und wunderschön. Oder vom Palast des Sultans, für den man, wenn man bemüht ist, alles davon zu sehen, schätzungsweise einen ganzen Tag einplanen muss. Wer das alte Istanbul mit seinen Kaffeehäusern, dem alten Handwerk und der Altstadt erleben möchte, muss nach Beyoglu. Das Künstlerviertel der Stadt ist voll mit Cafés, Bars und Strassenmusikern. Verbringt man einen Abend in Beyoglu, so stellt man fest, dass es einige in Istanbul gibt, die sich nicht zwischen Orient und Okzident entscheiden möchten und es auch nicht müssen. Die Kultur, die dort geschaffen wird, ist ein Beweis dafür, dass die Gegensätze überwindbar sind.

Taksim, ein Ort des Protestes

Laut fast jedem Stadtführer gehört der Taksimplatz zu den wichtigsten Orten der Stadt am Bosporus. Er ist das Herz Istanbuls und für die Bewohner nebst ihrem eigenen Zuhause womöglich der wichtigste Platz überhaupt. Der Taksim ist ein Ort des Treffpunktes, pulsierend und lebendig. Feste wie Silvester oder die Gründung der Republik werden auf dem Taksim gefeiert. Die Istanbuler treffen sich dort, um zu shoppen, um in einem Café beisammen zu sein, um in einer der Gassen Live-Musik zu hören oder um zu demonstrieren. Für die Istanbuler Bevölkerung ist der Taksim ein Ort des Protestes. Als im Januar 2007 der Journalist Hrant Dink ermordet wurde, versammelten sich Tausende am Taksim und auch dann, als man im Sommer des gleichen Jahres die Korrektheit der Wiederwahl der amtierenden Partei bezweifelte.

Und seit fast zwei Jahren versammeln sich nun auch die Studenten und demonstrieren gegen die sozialen Missstände und das marode Bildungs-system, hervorgerufen durch eine fatale Wirtschafts- und Bildungspolitik. Die Studenten prangern die immer höher werdenden Studiengebühren an, sowie die Tatsache, dass jeder Schulabgänger in der Türkei die Universität besuchen muss, um überhaupt eine kleine Chance am Arbeitsmarkt zu erhalten.

Die Proteste in der arabischen Welt sind von einem Studenten ausgelöst worden und breiten sich seither wie ein Flächenbrand aus. Es bleibt abzuwarten, ob die Studentenproteste in Istanbul eine ähnliche Wirkung entfalten, wie in anderen arabischen Ländern und dazu führen werden, dass der Rest der türkischen Bevölkerung ebenfalls auf seine Rechte pocht.