Plebejer und Angehörige anderer Unis, die sich noch nicht einmal eigene Stereotypen leisten können, wundern sich ja oft, wie das Leben an der HSG wirklich aussieht. Ein Alltagsbericht mit Augenzwinkern.

Die Absätze meiner hochhakigen Louboutins geben klackernde Geräusche von sich, als ich zur Haustür hinaustrete und mich in das Taxi setze, das wie jeden Morgen schon pünktlich vor dem Hauseingang wartet. Nach einem kurzen Austausch von belanglosen Begrüssungsfloskeln setzt sich das Gefährt auch schon in Bewegung, und ich ärgere mich sogleich über die unverfrorene Angewohnheit des Taxifahrers, eine Unterhaltung mit jemandem meinesgleichen führen zu wollen. Meine schnippische und mit allerlei Fremdwörtern gespickte Antwort erzielt den erhofften Effekt und lässt das wohl immer noch am Wort «Koryphäe» kauende, bedauernswerte Mitglied der Arbeiterklasse für die restliche Autofahrt verstummen. Ich lasse meine Gedanken schweifen und gelange zu den existenziellen Fragen des Lebens: Sollten mir meine Eltern den gewünschten Maserati in rosa oder doch eher in flieder lackiert schenken?

Von oben herab

Diese Überlegungen werden abrupt unterbrochen, da wir soeben an unserem Ziel angekommen sind: der HSG. Ein weiterer Tag an der «Kaderschmiede der Abzockerkaste», wie sie von neidischen Zungen genannt wird. Ein Ort, an dem sich die elitäre Schicht versammelt und Bescheidenheit ebenso wenig verloren hat wie ethisches Handeln. Auf dem Rosenberg thronend und das Zentrum der Ostschweiz überschauend, vermittelt sie auch lagetechnisch auf symbolische Art und Weise ihre Exklusivität und Überlegenheit. Noch immer stolzerfüllt von diesem Gedanken, krame ich ein paar Scheine raus und werfe sie dem Taxifahrer hin, bevor ich mir meine Designertasche über den Arm schwinge und aus dem Auto steige.

Das iPhone in der einen, den täglich an die Haustür gelieferten Starbucks-Kaffee in der anderen Hand, betrete ich das Gebäude und werde sogleich von den Massen an Wirtschaftsstudenten verschluckt, die mit dem Aktenkoffer in der Hand emsigen Schrittes ihren Tagesgeschäften nachgehen – der Grossteil der männlichen Kommilitonen

selbstverständlich mit Anzug und Krawatte. Die paar wenigen, deren Massanzug sich wohl gerade in der Reinigung befindet, begnügen sich ausnahmsweise mit bunten Chinos und Poloshirts. Nur die obligaten zur Seite gegelten Haare haben sie alle gemein.

Nach einem kurzen Zwischenstopp zur Huldigung des hiesigen Leitbildes vor dem Leuchtschriftzug «happiness is expensive» geht’s weiter in Richtung Audimax. Auf dem Weg begegne ich einigen meiner Kommilitonen, denen ich – ohne innezuhalten – durch ein kurzes Kopfnicken die Kenntnisnahme ihrer Präsenz symbolisiere, und schreite dann eiligen Schrittes weiter. Zeit ist bekanntlich Geld und soziale Interaktion wird sowieso komplett überbewertet.

Auf uns hat die Welt gewartet

Die meisten Vorlesungen gaukeln mittlerweile mit Namen wie «Nachhaltigkeit» und «Ethik» legitime Motive für die persönliche Nutzenmaximierung der ohne greifbare Fähigkeiten ausgestatteten, studentischen Elite und CEOs von morgen vor. Nachmittags stehen diverse Karrierebörsen auf der Tagesordnung.

Auch wenn die Welt auf uns gewartet hat, kann ein wenig Networking nicht schaden, um der bereits auf zehn Jahre hinaus detailliert durchgeplanten Karriere einen kleinen Anstoss zu geben. Wieder einmal bedauere ich, dass ausgerechnet dies eines der wenigen Dinge dieser Welt ist, das sich nicht mit Geld erkaufen lässt. Nach einigen pflichtbewussten Stunden in der Bib lasse ich den stressigen Tag bei einem Glas teuren Rotweins auf meiner Yacht auf dem Bodensee ausklingen, während sich hinter meinem verträumten Gesicht wieder einmal Fantasien von einer Zukunft im Investmentbanking abspielen – tontechnisch unterlegt mit klirrenden Münzen.