Für Mario Imsand neigt sich nach einem Jahr Engagement bei der Studentenschaft die Zeit als Präsident dem Ende zu. Auf dem diesjährigen Dies Academicus bietet sich für ihn nochmal die Gelegenheit, einige wichtige Punkte bezüglich Digitalisierung an der HSG anzusprechen.

Falls man 50 Jahre in der Zeit zurückreisen könnte, würde einem wahrscheinlich vieles altbacken und langsam vorkommen. Langsame Kommunikationsmethoden wie das Telefon oder das Verfassen von Briefen, langsame Informationsmedien wie Buch und Zeitschrift und auch langsame Arbeitsmethoden wie die Schreibmaschine würden nicht dem Tempo entsprechen, welches wir heute gewohnt sind. Viele der Entwicklungen, Innovationen und prägenden Erfindungen der letzten Jahre basieren auf der Digitalisierung oder sind auf sie zurückzuführen. Heutzutage funktionieren die Infrastruktur, die Medien, unsere berufliche und private Kommunikation, unser Transportsystem und unser Bankkonto digital. Wo früher Papier und Tinte eingesetzt wurden benötigt man heute nur noch einen Klick oder Swipe. Diese drastische Beschleunigung und Rationalisierung des Lebens basiert zum Grossteil auf der Digitalisierung unserer Welt.
Eventuell würde man, könnte man die Uni aufsuchen, auf dem Rosenberg weitaus weniger Veränderungen feststellen als in anderen Bereichen des Alltags. Zwar würden die Klamotten recht lustig und die Frisuren ungewöhnlich ausschauen, aber die gelangweilten Gesichter im Audimax wären ziemlich sicher (genauso wie heute) deutlich zu sehen. Es wurden schon viele Geschäftsmodelle und Produkte von den digitalen Alternativen obsolet gemacht. Sowohl die CD, der Hobby-Fotoapparat als auch die Hotel- oder Taxibranche wurden oder werden langsam aber sicher von besseren Alternativen ersetzt. Es stellt sich zumindest die Frage, wann die Institution der klassischen Universität von Online-Kursen und Vorlesungen im Videoformat herausgefordert wird. Wissen und Information ist heute jedem, allzeit und überall zugänglich, obwohl noch vor einigen Jahren Bibliotheken und Archive die einzigen Wissensquellen waren. «Wer hat 1990 die Fussball-WM gewonnen?» kann man, falls man dies nicht wissen sollte, sofort nachschauen und innerhalb weniger Sekunden Deutschland als Sieger ausmachen. Warum kann die Frage denn nicht «Wie verschiebt sich die LM-Kurve?» sein?

Nicht nur Digital

Um diese Frage zu beantworten, muss man kurz die Folgen der oben beschriebenen Veränderungen ins Auge fassen. Greifen wir wieder den oben genannten Fall der fünfzigjährigen Zeitreise in die Vergangenheit auf. Vieles würde uns langsam und ineffizient vorkommen, aber vielleicht würden uns auch weniger offensichtliche Merkmale des Lebens auffallen. Freunde und Mitmenschen würden beispielsweise nicht kontinuierlich auf ihr Smartphone schauen, entweder um Facebook aus Langeweile zu konsultieren, weil die letzten fünf Sekunden kein sensationelles Gesprächsthema beinhalteten, oder die latente Erwartung neuer Informationen und Nachrichten einen zwingt, sich nie von seiner Informationsquelle zu lösen. Wer schon mal einige Tage ohne Smartphone oder gar Internet auskommen musste, wird wissen, wie stark sich heute alles um Technologie dreht. In Zeiten von Fake-News würde man auch nicht mit unzähligen Klickbait-Artikel seine Zeit verschwenden und vor lauter News-Bäumen den Wahrheits-Wald nicht mehr sehen. Einmal morgens die Zeitung lesen würde ausreichen, um einigermassen ordentlich recherchierte Nachrichten zu bekommen und auf dem Stand der Dinge zu bleiben. Diskurse und Diskussionen waren früher einfacher zu führen, da man keine riesige Überflutung an Themen und Problemen hatte. Ein ruhiges, persönliches Treffen auf einen Kaffee ohne Smartphone würde uns vielleicht gar nicht so missfallen.

Erhalt der eigenen Stärken

Ähnlich kann man nach dieser langen Herleitung jedoch auch die Universität St. Gallen betrachten. Natürlich ist ein gesundes Mass an Digitalisierung, Effizienz und Online-Verfügbarkeit wichtig und auch richtig. Eine Rund-um-die-Uhr Verfügbarkeit der Vorlesungen sind ohne Zweifel ein grosses Plus, und wer weiss, was in den nächsten Jahren für die nachfolgenden Generationen von HSG Studenten alles möglich sein wird. Aber gerade in einer schnelllebigen, oberflächlichen Zeit sollte sich die HSG auch auf ihre alten und gegenwärtigen Stärken berufen können. Die Universität St. Gallen ist auch über die Landesgrenzen hinweg für ihren integrativen Ansatz und die moralische, verantwortliche Ausbildung, die man als Student hier geniessen darf, bekannt und auch geschätzt. Genau das sollte, konkret im Kontext des digitalen Wandels, geschützt und bewahrt werden. Einen tiefgreifenden, normativen Diskurs zu führen wird mit den Hochgeschwindigkeitsmedien Computer und Laptop nur schwer zu bewerkstelligen sein. Was das entspannte Zeitunglesen oder ungestörte Kaffeetrinken anders und erfrischend angenehm im Alltag macht, das sind normative und idealistische Debatten über das Soll und Wird unserer Welt. Um der grossen Verantwortung einer Bildungseinrichtung gerecht zu werden, braucht es einen gewissen Anteil an Reflektion und Überlegung, um aus dem angesammelten Wissen auch etwas machen zu können. Um nicht im Strom der Facebook-Feeds und viralen Videos zu versinken und die intellektuelle Eigenständigkeit einer Ameise zu besitzen, muss man in der Lage sein, zu Verstehen und zu Denken. Fachlicher Austausch ist zwar online möglich, eine hitzige Diskussion und die Auseinandersetzung über Ideen und Ideale wird aber weiterhin im persönlichen Kontakt stattfinden. Aus diesem Grund plädiert Mario Imsand für eine starke, auf persönlichen Austausch basierende Lehre an der HSG auch in Zukunft.
Die Universität St.Gallen, so disruptiv die Digitalisierung auch sein mag, ist für die Bildung und Aufklärung der Studenten gut gerüstet. Die vielseitigen Vereine und Organisationen belegen immer wieder aufs Neue, dass Studenten bereit sind, über den Tellerrand hinaus zu blicken und etwas zu erschaffen. Dieses Kulturgut und den Willen zu verstehen, gilt es zu erhalten, um auch in einer digitalisierten Welt den metaphorischen Kaffee ohne Smartphone geniessen zu dürfen.

Text: Victor Culmann

Bild: Universität St. Gallen