Mensch und Maschine leben und arbeiten in Zukunft immer näher zusammen. Ein Dokumentarfilm über das Pflege-Problem und ein Podium im Rahmen der «Futurale Bodensee» beschäftigen sich mit dieser Thematik. prisma war dabei.

Ik ben Alice» spricht das kleine Roboterkind mit durchaus lebensnahem Gesicht, der Körper eher in lieblosem Billigplastik gehalten und mit mechanisch anmutenden Gelenken. Der gleichnamige Dokumentarfilm, zu Deutsch «Ich bin Alice», erzählt die Geschichte, der ersten Versuche mit Pflegerobotern in den Niederlanden. Ein Entwicklerteam verfolgt zusammen mit Fachleuten aus dem Pflegebereich, wie der Prototyp Alice sich im Feld bewährt.
Der Regisseur Sander Burger wagt sich an eine vielschichtige Materie rund um Überalterung, Digitalisierung, Lebensqualität und widmet sich der Frage, wie weit wir in Zukunft Roboter an uns Menschen heranlassen wollen oder müssen – sowohl räumlich wie emotional. Es ist verständlich, wenn man dieser Vorstellung zuerst skeptisch gegenübersteht.

Hohes Alter trifft Spitzentechnik

In die kleine Alterswohnung der betagten Probandin Martha, natürlich mit den üblichen dunklen Möbeln ausgestattet, wie wir es von unseren Grosseltern kennen, wird diese interaktive Hightech-Maschine gesetzt. Gehen kann sie nicht. Die kleine Alice sitzt auf einem Stuhl und fixiert mit ihren Roboter-Äugelein ihre Gastgeberin. Small-Talk gibt die Spracherkennung schon her, auch wenn Alice‘s lange Reaktionszeit ihr Gegenüber manchmal verunsichert. Sollte aber altersbedingt das Gehör nicht mitspielen, ist Alice in der Lage, dies an der Reaktion zu erkennen und sich laut und deutlich zu wiederhohlen.
«Die menschlichen Züge von Robotern sind durchaus nötig, damit wir Sie als Interaktionspartner überhaupt wahrnehmen und akzeptieren können. Alice‘ kindliche Dimensionen nehmen uns die Angst» erklärt Katarina Stanoevska-Slabeva, Vizedirektorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der HSG. Dabei sei auch entscheidend, dass die Maschine nicht als aufdringlich empfunden wird.

Prof. Dr. Stanoevska-Slabeva (links)

Eine Ergänzung, kein Ersatz

Erstaunlich ist, wie der Roboter auf eine Thematik im Gespräch eingehen kann. Erzählt man ihm von einer anderen Person, wie dem Sohn der Probandin, so merkt sich Alice diesen Fakt und greift ihn später wieder auf. Nicht immer mit der nötigen Behutsamkeit, wie sie ein menschlicher Gesprächspartner an den Tag legen würde, sondern ziemlich direkt: «Warum kommt dich dein Sohn nicht besuchen?» In der späteren Laborauswertung durch das Expertenteam wird an dieser Stelle die Interaktion als gescheitert erklärt. Die alte Dame fühlt sich verletzt aber Alice soll schliesslich Zuneigung simulieren.
«Einen Menschen perfekt zu imitieren, ist enorm komplex und natürlich hätte die Frau lieber ihren echten Sohn, um mit ihm zu sprechen» kommentiert Stanoevska-Slabeva. Der Anspruch darf nicht sein, mit Robotern wie Alice echte, menschliche Interaktion komplett zu ersetzen. Der Roboter ist viel mehr als Ergänzung zu sehen, wenn der Kontakt zu einem anderen Menschen schlicht nicht möglich ist.

Gefühle zu einer Maschine

Die laufenden Verbesserungen werden auch im Film deutlich. So kann das ungleiche Paar zusammen ein Fussballspiel schauen, oder Alice unterstützt Martha mental bei ihren Gymnastikübungen. Als diese den Roboter bei einem Ausflug in ein Café dann beim Kuchen und kurz darauf bezüglich Keksen fragt, ob sie Hunger habe, merkt man, dass Alice‘ kindliches Antlitz trotz grauem Plastikunterkörper seine Wirkung nicht verfehlt. Und als sie dann wieder zusammen zu Hause auf dem Sofa sitzen und die betagte Frau Alice ihre alten Fotoalben zeigt, wird einem als Zuschauer klar, dass das Ende dieses Pilotprojektes für die Probandin schwieriger wird, als diese es erwartet hat. Alice ist Martha ans Herz gewachsen.
«Es liegt am Menschen selber, wie weit er im Umgang mit Maschinen menschliche Gefühle zulässt und was er in die Beziehung hineinprojiziert» erklärt Stanoevska-Slabeva. Erfahrungen aus Japans Industrie oder Untersuchungen bzgl. Staubsaugrobotern haben die Tendenz gezeigt, dass der Mensch seinem mechanischen Gehilfen sehr oft einen eigenen Namen gibt.

Bidden auf den Programmierkurs

Um für die zukünftige Arbeitswelt, in der Mensch und Maschine immer enger zusammenkommen, gerüstet zu sein, wird auch die Ausbildung an der HSG in eine interdisziplinäre Richtung weiterentwickelt. Digitale Kompetenzen sind in naher Zukunft gefragt. «Das können Programmierkurse im Kontextstudium sein», so Stanoevska-Slabeva und führt weiter aus: «Es ist angedacht, dass man eine Data-Science aufbaut, um zum Beispiel Kompetenzen im Umgang mit Big-Data in der Forschung zu entwickeln. Den Master of Business Innovation hat man bereits reformiert und einige zusätzliche, technische Aspekte einfliessen lassen: Informatik gepaart mit Betriebswirtschaft. Die Zukunft ist interdisziplinär». Als einen ersten sanften Einstieg in diese aufkommende Thematik, ganz ohne bereits programmieren lernen zu müssen, kann der Film «Ik ben Alice» wärmstens empfohlen werden.
Der Film schafft es, einen Ausblick eine mögliche Zukunft zu geben, der bisher kritisch und ablehnend entgegengesehen wird. Das Zeigt sich an der «Futurale Bodensee» auch in den sehr skeptischen Zuschauerfragen während der Podiumsdiskussion. Während die Service Roboter für körperlich anstrengende Arbeiten bereits über die Akzeptanzschwelle getreten sind, gerät man betreffend Alice und ihren Artgenossen, wie dem Kuschelroboter Paro aus Japan, an diesem Filmabend in eine wenig konstruktive Auseinandersetzung, ob menschliche Nähe ersetzbar ist. Als das Ganze dann in der AHV-Sanierungs-Debatte entgleist, kann auch diese rein menschliche Interaktion als gescheitert bezeichnet werden. Es wird aber umso deutlicher, welch grosser Klärungsbedarf in Fragen der Ethik rund um Roboter und Mensch noch besteht. Von arbeits- und haftungsrechtlichen Regelungen hört man von den Podiumsteilnehmern gegen Ende der Veranstaltung leider nicht mehr viel. Auch wegen wiederholter Anregung eines anwesenden Studierenden der Rechtswissenschaften/prisma Redaktors hat uns das verbale Handgemenge «Mensch gegen Maschine» einfach zu viel Zeit gekostet. Bleibt zu hoffen, dass der kommende Diskurs in der breiten Öffentlichkeit weniger Abzweigungen nehmen muss.