Während bei Naturvölkern 70-Jährige immer noch das feine Gehör eines 30-Jährigen besitzen, ist es bei uns so, dass oftmals schon 30-Jährige das dumpfe Gehört eines 70-Jährigen aufweisen.

Gerade in unserer Generation, ist es schwierig, sich der konstanten Beschallung von aussen zu entziehen. Oftmals entscheiden wir uns deshalb, anstatt durch Strassenlärm genervt zu werden, die Kopfhörer aufzusetzen, die Musik an- und die Welt abzuschalten. Musik zu hören ist an sich nicht gefährlich und Studien der World Health Organisation (WHO) haben sogar gezeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen und der Nutzung von elektronischen Medien bei Jugendlichen gibt. Genauer heisst das, dass kein Zusammenhang existiert, solange die Musik nicht zu laut und nicht ständig gehört wird.

Was ist zu laut?

Ein Lärmpegel von 40 Dezibel existiert zum Beispiel beim Flüstern und reicht schon aus, um den Schlaf eines Menschen zu stören. Bei 60 Dezibel, also bei der Lautstärke eines normalen Gesprächs oder dem Hören von Radio, zeigen sich die ersten Belastungsreaktionen im Körper. Bezieht man sich auf das Gehör, kann man sagen, dass bei Musik zwischen 40 und 85 Dezibel, die Ohren nicht direkt in Gefahr sind. Erst ab einem Schall von über 85 Dezibel kann laute Musik in Verbindung mit einer übermässigen Hördauer zu Gehörschäden führen. So ist der Konzertgenuss (100 Dezibel) von zehn Minuten für das ungeschützte Ohr gleich schädlich, wie wenn man auf einer Stereoanlage bei kräftiger Zimmerlautstärke (80 Dezibel) während 17 Stunden Musik hören würde. Dazu bleibt noch anzumerken, dass egal, ob man gerade Metall, Schlager, Hip-Hop oder Deep House hört, der Schallpegel, Schalldruck und die Schallenergie gleichbleiben. Somit macht es bezüglich der Schädlichkeit keinen Unterschied, was man hört. Wie man sich dabei fühlt, sei dahingestellt. Musik ist schliesslich Geschmacksache.
Was jedoch einen starken Einfluss auf die Schädigung hat, ist die Erhöhung der Lautstärke. So kommt es, dass wenn man die Lautstärke um zehn Dezibel erhöht, die Belastung für das Ohr um das Zehnfache steigt. Beim heutigen Konsum von lauter Musik ist es gut möglich, dass ein Drittel der jetzt 15- bis 17-Jährigen im Alter von 50 Jahren ein Hörgerät brauchen wird.

Stress für den Körper

Nicht nur das Gehör kann durch übermässigen Krach geschädigt werden, sondern auch die Psyche kann bleibende Schäden davontragen. Lärm wird im Alltag unterschiedlich wahrgenommen, so wirkt er an einem sonst schon hektischen Tag viel störender, als an einem ruhigen. Muss zum Beispiel in letzter Minute eine Arbeit fertig geschrieben werden und nebenbei Leute ein Gespräch führen, kann dieses als sehr störend wahrgenommen werden, obwohl der Lärmpegel nicht besonders hoch ist. Grund dafür ist der hohe Informationsgehalt im Gespräch selbst. Das Gehirn stuft diese als wichtig ein und dies führt dazu, dass man sich nicht mehr gleich auf die eigene Arbeit konzentrieren kann.
Zusätzlich störend wird der Lärm dann empfunden, wenn die Lärm verursachende Quelle uns sonst schon ein Dorn im Auge ist. So nervt uns der gleiche Krach stärker, wenn er von unserem ungeliebten Nachbarn, anstatt von unserem besten Freund, verursacht wird. Dieser Lärm ist nicht nur störend, sondern versetzt unseren Köper auch in eine Lage, in der er die ganze Zeit achtsam sein muss. Unser Gehör ist ein Frühwarnsystem, dass dem Körper sagt: «Achtung da ist was.» Dieser schüttet darauf hin Stresshormone aus. Früher war dies für die Evolution bestimmt vorteilhaft, doch heute brauchen wir keine so grosse Angst mehr zu haben, dass uns demnächst ein Säbelzahltiger aus dem Gebüsch anspringt. Viel mehr fällt heute das Problem an, dass durch diese im Organismus ausgeschütteten Stresshormone der Blutdruck steigt und das Herz schneller schlägt. So kann ein übermässiger und langandauernder Lärmpegel unter anderem zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Konzentrationsschwäche führen.

Lärm geht ins Blut

Lärmerkrankungen werden durch alltäglichen Lärm ausgelöst, ohne dass dieser Hörschäden verursacht. Das heisst, der Lärmpegel als solches überschreitet die 85-Dezibel-Grenze nicht. Da diese nicht überschritten wird, und der Lärm nicht kurz und schrill wahrgenommen wird, sondern täglich in ähnlichen Mengen von aussen auf den Körper drückt, wird die Ausschüttung der Stresshormone nicht bewusst wahrgenommen. So ist es für Betroffene auch schwer zu glauben, dass die tägliche Beschallung vom Strassenlärm überhaupt ein Problem sein kann. Wenn man hört, dass jemand stirbt, der seit seiner Jugend täglich geraucht hat und die Diagnose gefällt wird, dass sein Tod durch den Nikotinkonsum verursacht wurde, so klingt das glaubwürdig. Das Gleiche gilt auch für Alkohol. Doch wenn jemand an einem Herzinfarkt stirbt, der seit seiner Jugend neben einer Autobahn lebte und die Diagnose aufgestellt wird, dass dies wohl am Lärm gelegen hat, steht man dem kritisch gegenüber. Fakt ist jedoch, dass in der Schweiz jede Woche mindestens zwei Menschen an den Folgen von Strassenlärm sterben. Daher verhält sich der Körper, ähnlich wie beim Alkohol- oder Nikotinkonsum, so, wie wenn das gleiche Gift über mehrere Jahre hinweg konsumiert wird, der Körper dieser Belastung aber irgendwann nicht mehr standhalten kann.

Lärm abschalten

In unserer Zeit ist es natürlich nicht mehr möglich, dem Lärm ganz zu entrinnen. Jedoch gibt es Möglichkeiten, sich davon etwas fern zu halten. So helfen beispielsweise Teppiche und lange, eher dickere Vorhänge dabei, den Schallpegel in einem Raum zu dämpfen. Auch beim Hören der Musik kann darauf geachtet werden, dass die Lautstärke nicht immer voll aufgedreht ist, denn oftmals ist es so, dass die technischen Geräte ein Volumen von über 95 Dezibel widergeben können. Des Weiteren hilft es natürlich auch, die Musik einmal ganz weg zu lassen, oder sich einfach einmal einen ganzen Tag in die Bib zu setzen.