Der Kanton Zug verdankt seinen Namen ursprünglich dem Fischzug am hauseigenen See. Heute zieht er insbesondere Grossfirmen und Blockchain-Start-ups aus der ganzen Welt an.

Der Kanton Zug, Heimat der Zuger Kirschtorte, des EVZ sowie zahlreicher vermeintlicher Steuerflüchtlinge und Briefkastenfirmen, ist bekannt für den tiefen Steuersatz und die grosse Anzahl multinationaler Unternehmen, die sich im kleinen Zentralschweizer Kanton niedergelassen haben. Namhafte Firmen wie Siemens, Glencore, Roche und Johnson&Johnson gehören zu den wichtigsten Arbeitgebern im Kanton. Partners Group, eine der bedeutendsten Private Equity Firmen weltweit, ist in Zug gross geworden. Rund 200 Rohstoff-, 250 Life Science- und über 1000 ICT-Firmen tummeln sich laut der Webseite des Kantons zurzeit in Zug. Seit den letzten drei bis vier Jahren ist ein neuer Trend erkennbar: Eine Blockchain-Firma nach der anderen eröffnet ihre Büros in Zug.
Rund 40 Blockchain-Unternehmen haben sich bisher im Kanton niedergelassen. «Es werden jedoch von Woche zu Woche mehr», erzählt Guido Bulgheroni von der Volkswirtschaftsdirektion. Einige der ersten waren die Bitcoin Suisse AG, der Plattform-Anbieter Monetas und die Ethereum Stiftung. Letztere ist bekannt für «Ether», die nach Bitcoin zweitmeistgehandelte Kryptowährung der Welt. In lockerer Runde mit Vertretern dieser Unternehmen und dem Kanton sei denn auch der ans kalifornische Silicon Valley angelehnte Name «Crypto Valley» entstanden. «Niemand hatte damals gedacht, dass diese neue Bezeichnung für die Region Zug auf eine so starke Resonanz treffen würde», berichtet der HSG-Alumnus weiter. Es sei ein regelrechter «Cluster-Effekt» entstanden. Laut Bulgheroni ziehen sich die Blockchain-Firmen gegenseitig an.

Mehr als eine Steueroase

Liegt die Anziehungskraft von Zug bloss an der fiskalpolitischen Attraktivität? «Mitnichten», meint Kantonsvertreter Bulgheroni und verweist auf die Nähe zum Flughafen Zürich und die vielen gut ausgebildeten Arbeitskräfte der Region. Zudem sei der Steuersatz für Start-ups von untergeordneter Bedeutung, da diese zu Beginn selten profitabel sind.
Dieser Meinung ist auch Ralf Kubli von Lakeside Partners, eine auf Blockchain spezialisierte Venture Capital Firma mit Sitz in Zug. Die Flexibilität eines kleinen Kantons sieht er als eine weitere Stärke von Zug. «Zug ist einfach super durchorganisiert», meint er. Kubli ist überzeugt, dass es noch viele weitere Blockchain-Firmen nach Zug ziehen wird: «Der Hype hat gerade erst begonnen.» Beachtet man, dass Zug den ersten Rang im kantonalen Wettbewerbsindikator der UBS einnimmt und die Stadt Zug auf Platz zwei in Punkto Lebensqualität im Städte-Ranking der Bilanz liegt, klingt diese Prognose plausibel.

Stadt Zug goes Blockchain

Einen weiteren Faktor stellt die gelebte Innovationsmentalität der Stadt Zug dar. «Die Stadt Zug wollte nicht nur von der Blockchain-Technologie reden, sondern eigene Erfahrungen damit sammeln», erzählt Dieter Müller, Leiter Kommunikation der Stadt Zug. So war sie im Sommer 2016 die weltweit erste staatliche Behörde, die Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptierte. Einwohner können nun Beträge bis zu 200 CHF bei der Einwohnerkontrolle in Bitcoins begleichen. Diese werden nach der Transaktion jedoch umgehend in Schweizer Franken umgetauscht, «um nicht mit Steuergeldern zu spekulieren», so Müller. Zwei bis dreimal pro Monat werde das Angebot heute genutzt.
Ein weiteres Signal möchte die Stadt Zug demnächst mit der Einführung einer Blockchain-basierten E-ID setzten. «Langfristig ist das Ziel, per App städtische Dienstleistungen beziehen zu können und elektronische Umfragen durchzuführen», erzählt Müller.
Die neue Technologie hat aber auch ihre Kritiker. Laut Müller raten einige Nationalratspolitiker zu Vorsicht im Umgang mit Blockchain-Applikationen, da letztere oft mit Cyber- Kriminalität und Schwarzgeld in Verbindung gebracht werden. So könne ein E-Voting Angriffsflächen für Hacker bieten und zu manipulierten Umfrage- oder Abstimmungsergebnissen führen. Um kriminelle Aktivitäten über Blockchain-Technologie zu verhindern, arbeite die Finma zurzeit an einer Regulierung, während die Crypto Valley Association einen Code of Conduct entwerfe.

Wein gegen Bitcoin

Ruft man die Internetseite «coinmap.org» auf, zeigt sich, dass es in Zug neben der Bitcoin Suisse AG fünf weitere Unternehmen gibt, bei denen man in Bitcoins bezahlen kann: Eine Treuhandfirma, ein Versicherungsmakler, zwei Zahnärzte und ein Weinhändler. Albert Osmani, Geschäftsführer des House of Wines, führte die Bitcoin-Zahlung im Juli 2017 ein. Wie die Stadt Zug spürte auch er die starke Signalwirkung: «Ich habe viel Publicity und einige neue Stammkunden gewonnen.» In seinem Laden können die Kunden mit der Bitcoin Wallet App bezahlen. Die Zahlung nimmt Osmani mit seinem iPad entgegen, indem er eine von Bitcoin Suisse entwickelte App verwendet. «Der Kunde und ich erhalten eine sofortige Bestätigung und mir werden keine Kommissionsgebühren belastet», freut sich der Weinhändler. In den paar Minuten, in denen seine Applikation die Bitcoins wieder in Franken umwandelt, könne es bereits zu kleineren Abweichungen beim Frankenbetrag kommen, erzählt Osmani. Ein eindrückliches Beispiel für die starken Kursschwankungen des Bitcoin.
Wie geht es nun weiter im Crypto Valley? Bei der Stadt Zug weiss man, dass die Start-ups schnell wieder wegziehen können. «Zug steht in Konkurrenz mit internationalen Hubs wie Berlin oder Singapur», sagt Dieter Müller. Deshalb sei es wichtig, am Ball zu sein, um für die Blockchain-Szene attraktiv zu bleiben. Ähnlich argumentiert Kubli vom VC Lakeside Partners: «Wir haben einen Zeitraum von ein bis drei Jahren, um die Schweiz als eines der wichtigsten Blockchain-Hubs zu positionieren. Beginnen müssen wir in Zug.» So arbeitet Lakeside Partners zurzeit am Projekt Crypto Valley Labs, womit Co-Working Spaces für die Blockchain-Szene gemeint sind. Ganz im Sinne der Blockchain-Ideologie werde in den Labs alles über sogenannte Tokens laufen, zum Beispiel werden die genutzten Meetingräume automatisch über Smart Contracts verrechnet. Für die Öffentlichkeit wird es zudem ein Café geben, wo sie sich mit der Technologie auseinandersetzen kann. Die Eröffnung ist Ende 2017 geplant. Zug werde somit zum «Genesis Hub», von wo aus die Labs weiter expandieren wollen.
Zum ersten Mal findet im November übrigens ein internationaler Blockchain Summit in Zug statt und Anfang Jahr wurde die Crypto Valley Association (CVA) mit dem Ziel, das Blockchain-Ökosystem in Zug zu fördern, gegründet. Ausserdem hat sich vor ein paar Wochen im Kanton Zug ein weiterer Meilenstein für Kryptowährungen ereignet: Die erste Firmengründung weltweit, bei der Bitcoins als Sacheinlage akzeptiert wurden. Zug als Blockchain Hub scheint also fast nichts mehr im Weg zu stehen.